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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturSalon voller bereiter Geister03.05.2010

Salon voller bereiter Geister

Wolfgang Martynkewicz: "Salon Deutschland". Aufbau Verlag

Der Bamberger Literaturwissenschaftler Wolfgang Martynkewicz wählt den Mikrokosmos eines Münchner Salons, um zu schildern, wie Geist und Macht Komplizen wurden und wie die kulturelle Elite Deutschlands zu Hitlers zerstörerischem Triumph beitrug. Die Rede ist vom Salon des Münchner Verlegerpaares Hugo und Elsa Bruckmann.

Von Christoph Haacker

Der Salon des Münchner Verlegerpaares  Bruckmann war nur sehr bedingt repräsentativ. (AP)
Der Salon des Münchner Verlegerpaares Bruckmann war nur sehr bedingt repräsentativ. (AP)

Die Meinung, dass in materiell dürftigen Zeiten kulturelle Fragen in den Hintergrund treten müssten, ist ebenso töricht wie gefährlich. Denn wer die Kultur etwa nach der Seite ihres materiellen Gewinns hin einschätzen will, oder auch nur zu beurteilen trachtet, hat keine Ahnung ihres Wesens und ihrer Aufgaben.

Dieses Zitat schlägt eine Brücke ins Jahr 2010, in dem die Kultur finanziell wieder auf dem Prüfstand steht. Kennt man den Verfasser, wird die Zustimmung auf eine harte Probe gestellt: Denn wenig ist anstößiger, als Adolf Hitler Beifall zu klatschen. Das Beispiel zeigt den Reichskanzler 1935 in der Rolle als Mann der Kultur – und dass man ihm auf den Leim gehen konnte. Das leitet über zu einer zentralen Frage, die der Literaturwissenschaftler Wolfgang Martynkewicz in seinem Buch "Salon Deutschland. Geist und Macht 1900–1945" stellt, nämlich: "warum und wie der Geist zum Komplizen der Macht wurde?" Zum Untersuchungsfeld wählt sich der Autor den Münchner Salon von Hugo und Elsa Bruckmann. Er war Kunstverleger, sie eine Prinzessin aus heruntergewirtschaftetem rumänischem Hochadel. Darüber tröstete sich die Adlige durch einen Salon, der seinesgleichen suchte, nicht nur, weil er von 1899 bis 1941 bestand. Dabei bewiesen die Bruckmanns Gespür für Persönlichkeiten, die den kulturellen Diskurs prägen würden: zu ihren Gästen zählten etwa Henry van de Velde, Paul Ludwig Troost, Herrmann Graf Keyserling sowie der Hölderlin-Deuter Norbert von Hellingrath, Harry Graf Kessler, der Graphologe Ludwig Klages. Auch Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke kamen öfters, ebenso Stefan George, Rudolf Kassner und Thomas Mann, später Ulrich von Hassel und Henri Nannen. Lupenreine Demokraten waren nur wenige davon. Viele der Vortragenden teilten das Unbehagen an der Moderne, Verlustängste und eine Sinnsuche, der sie mit eigenen Deutungen oder Heilslehren eine Richtung geben wollten. Sie stellten sich eine geistig-kulturelle Vorreiterrolle der Deutschen vor, als Gralshüter gegenüber einer westlichen, materialistischen Zivilisation. Ressentiments gegen "Jüdisches", das Schreckgespenst des Bolschewismus und die Sehnsucht nach einem starken Herrscher machten die Runde.

Zum wichtigen Gast wurde Houston Stewart Chamberlain, dessen Buch "Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" mit dem Gefasel von Rasse und germanischem Führungsanspruch sowohl Wilhelm II. als auch Hitler verhängnisvoll beeinflusste. Daneben schrieb Chamberlain fort, was schon sein Schwiegervater Richard Wagner verbreitet hatte: das Gerede von einer jüdischen Gefahr, vom Judentum als Verkörperung von Materialismus und Dekadenz. Trotz völlig widersprüchlicher Aussagen zum angeblichen Charakter dieses Judentums wurde sein Werk zu einer Triebfeder antisemitischer Umtriebe. Auf den sensationellen Erfolg seines Autors konnte Hugo Bruckmann aufbauen. Else Bruckmann fand nach der Weltkriegsniederlage und der Räterepublik in einer Hitlerrede ihr Erweckungserlebnis: Sie besucht ihn in der Haft, er stellt sich nach seiner Entlassung Ende 1924 bei den Bruckmanns ein. Die Salonnière wird, wie so oft, zur Strippenzieherin – nun zugunsten von Hitlers Aufstieg. Das Ehepaar unterstützt ihn finanziell, hilft bei den Vorbereitungen zu "Mein Kampf", verlegt ihn später selbst, bringt ihn mit Industriellen zusammen. Salonfähig – und keineswegs als ungeschlachter Revoluzzer mit Revolver und Reitpeitsche, wie es das Vorwort irreführend nahelegt – tritt Hitler hier auf: entweder in einer Pose, die durch ihre scheinbare Ungekünsteltheit beeindruckt, oder als belesener Gesprächspartner im Smoking. Brüche mit dieser Rolle sind wohl kalkuliert. Er erscheint dieser bürgerlichen Elite durchaus nicht als primitiv. Else Bruckmann bekennt:

So erschloss sich uns das Künstlerische im Wesen Adolf Hitlers in den Gesprächen [ ... ] immer spürte man den Künstler in der Bildhaftigkeit.

Im Salon verkehren nun, ab Mitte der zwanziger Jahre, einige frühere Gäste nicht mehr: so der einst hofierte Max Reinhardt, Karl Wolfskehl, Thomas Mann und Rainer Maria Rilke, der jetzt allerdings von Mussolini schwärmt. Ihre Plätze nehmen neue Gesichter ein: Rudolf Heß, Alfred Rosenberg und Baldur von Schirach, die ab 1933 zur Führungsriege des NS-Systems gehören. Ab 1936 realisiert das Ehepaar Bruckmann, dass sich Hitler von ihnen nicht lenken lässt. Auch die Pläne des Regimes zur Aufwertung der Kunst zur "Staatsangelegenheit ersten Ranges" versanden, die zuvor nicht nur Gottfried Benn begeisterten. Freunde fallen in Ungnade. Die Geister, die sie riefen, wieder loszuwerden, ist den Parteigenossen Bruckmann nicht möglich – sie wandeln sich aber keineswegs zu Hitlergegnern. Hugo Bruckmann, unterdessen NS-Funktionär, meldet sein Interesse an, die Verlage S. Fischer oder Paul Cassirer bei deren Arisierung zu übernehmen. Aus dem Krieg schlägt er Kapital, indem er die Bomberpiloten der Legion Condor publizistisch feiert und ab 1939 Bildbände von der Front auflegt. Als der Verleger 1941 stirbt, hebt Alfred Rosenberg hervor, dass dessen Münchner Haus in der ganzen Kampfzeit ein Sammelpunkt so vieler für die nationalsozialistische Idee bereiter Geister gewesen ist [ ... ] In der gesellschaftlichen Zusammenführung dieser Persönlichkeiten, liege das Verdienst des Verstorbenen. Hitler rechnet ihm "zwei welthistorische Verdienste" an: die Publikation von Chamberlains "Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" und die Förderung der noch nicht etablierten NSDAP. Wenig überzeugend an Martynkewiczs "Salon Deutschland" ist, dass der Titel Allgemeingültigkeit suggeriert. Der Salon Bruckmann ist aber nur sehr bedingt repräsentativ. Man denke nur an liberale und linke Berliner Salons wie den der Prager Jüdin Auguste Hauschner, den des pazifistischen jüdischen Bankiers Hugo Simon mit Gästen wie Karl Liebknecht, Albert Einstein, Ludwig Meidner und Heinrich Mann oder die "Donnerstagsgesellschaft" um Moritz Heimann, Walther Rathenau und Martin Buber; um Jakob Wassermann, Micha Josef bin Gurion, Oskar Loerke, Martin Beradt und Samuel Fischer. Auch ist dieser Salon der Bruckmanns kein "Skandalon", zu dem ihn der Verfasser erhebt.

Dass Hitler hier reüssiert, ist fast folgerichtig, wenn man das geistige Umfeld betrachtet, mit dem die Bruckmanns sich umgeben. So sind "eine hochgeistige, [...] kunstsinnige Elite und die radikale Rechte" gerade nicht "unvereinbar." Denn der Nationalsozialismus ist – wie Martynkewicz ja zeigt – 1933 nicht vom Himmel gefallen, sondern bedient sich im Bürgertum kursierender Sehnsüchte und Ideen. Das macht einen Teil seiner Anziehungskraft aus, die sich 1933 in Loyalitätsgelöbnissen zahlreicher Schriftsteller und Künstler ausdrückt. Dazu kommt nach 1918 eine starke Politisierung von Intellektuellen und Künstlern der verschiedensten Lager. Vor diesem Hintergrund ist das Zusammengehen von Kunst und Politik, Geist und Macht weit weniger spektakulär, als es hier verkauft wird. Davon, dass sich mit den Brucksmanns gleich "der Geist" zum "Komplizen der Macht" gemacht habe – kann jedoch gar keine Rede sein: Wie "hochgeistig" das Ehepaar wirklich war, sei dahingestellt, sie und ihresgleichen mit dem "Geist" gleichzusetzen, ist allemal Unfug. Es bleibt die Frage nach der "Macht" und der nötige Einwand: 1924 war Hitler nicht mächtig, sondern nur ein dubioser politischer Nebendarsteller hinter Gittern. Wolfgang Martynkewicz Buch führt mit den Bruckmanns Großbürger vor, die bereitwillig zu Hitlers Steigbügelhaltern und Nationalsozialisten wurden. Als solche - verstörende - Fallstudie ist das Buch und die Geschichte des Salons als Spiegelbild einer Epoche unbedingt lesenswert.

Christoph Haacker rezensierte den Band "Salon Deutschland. Geist und Macht 1900 bis 1945 von Wolfgang Martynkewicz. Erschienen ist das Buch im Aufbau Verlag, hat 617 Seiten und kostet Euro 26,95, ISBN 978-3-351-02706-3.

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