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StartseiteKultur heuteWedekinds Lulu: Verstörend und faszinierend18.08.2017

Salzburger FestspieleWedekinds Lulu: Verstörend und faszinierend

Projizierte Augen, die den Zuschauer anstarren, drei miteinander verschmelzende Lulus, der Vamp als Vampir: Die Neuinszenierung von Athina Rachel Tsangari ist eine bildkräftige Fantasie über Begehren, Tod, Liebe - und darüber, was Sucht nach dieser Liebe aus Menschen macht.

Von Sven Ricklefs

Athina Rachel Tsangari bei den 70. Internationalen Filmfestspielen von Cannes  (Sputnik)
Eigentlich ist die 41-jährige Griechin Athina Rachel Tsangari Filmemacherin, Produzentin und Schauspielerin. Nun gab sie ihr Debüt als Theaterregisseurin bei den Salzburger Festspielen mit Frank Wedekinds Lulu. (Sputnik)
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Diese Welt ist nicht real, das ist von Beginn an klar und: Sie gebiert Ungeheures. Da heben und senken sich verschieden große riesige graue Luftkugeln aus dem Himmel, auf die später immer mal wieder Augen projiziert werden, die den Zuschauer anstarren. Da schlüpfen Gestalten aus dem Boden und verschwinden auch wieder in ihm. Und gleich zu Beginn, da strampelt sich etwas aus einem Plastik frei und stöckelt schließlich auf sechs silbrigen Pumps recht unsicher einher: Drei Lulus schickt die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari in ihrer Fassung von Frank Wedekinds Erfolgsdrama ins Rennen, drei Lulus haben sich da selbst aus ihrer künstlichen Fruchtblase erschaffen. Drei Frauen stehen da, deren bauschig kurze Hosenröcke drei unterschiedliche Rottöne tragen. Drei Schauspielerinnen werden sich gegenseitig durch diese Rolle der wohl mysteriösesten Frauenfigur der Theaterliteratur begleiten, mal sich ergänzend, mal chorisch verschmelzend:
 
Nelly

Ich heiße gar nicht Nelly. Ich heiße Lulu.

Ich würde Dich Eva nennen.

Wie Du willst.

Eva. Eva. Eva.

Ich glaube, Du hast noch nie geliebt?

Du aber auch nicht.

Ich?

Wie alt bist Du?

18.27.33.                                      

Männliche Fantasie - weibliche Interpretation

Je nach Blickwinkel ist Wedekinds Lulu in der Theatergeschichte mal Opfer, mal Femme Fatal oder gleich beides - auf jeden Fall dankbare Projektionsfläche für Männerhirne und deren ganze Frauenklischee-Palette vom männermordenden Monster bis zur willigen Schutzbedürftigen. Erst sterben Lulu die Männer weg: fallen um, schneiden sich selbst den Hals durch oder werden von ihr erschossen. Dann schließlich endet diese "Lulu" selbst dort, wo sie hergekommen ist: in der Gosse, wo sie auf furchtbarste Weise ermordet wird von keinem geringeren als Jack the Ripper. Dass dieses Stück über eine Frau als Täterin und Opfer, als Begehrende und Begehrte, als Lust- und Todbringende einer männlichen Fantasie entwuchs, macht alles noch einmal komplizierter. Dass dies nun aber wiederum mit der Regisseurin Athina Rachel Tsangari von einer Frau interpretiert wird, noch dazu von einer, die sich schon in ihren Filmen explizit mit weiblichem Begehren, weiblicher Sexualität und weiblichen Machtstrategien auseinandergesetzt hat, macht die Sache zwar nicht einfacher -dafür aber umso interessanter. 

Mir bangt. Ich kann doch nichts anderes sein, als ich bin. Ich kann doch nichts anderes sein als Weib. Ich möchte hässlich sein.

Gott bewahre uns davor.   

Sexuelles Begehren verschmolzen mit Begehren nach dem Tod

Doch auch Gott wird ihnen nicht helfen. Zumindest diesen Männern nicht, die Athina Rachel Tsangari als erbärmlich langhaarige Laffen auf die Bühne schickt, bei denen man sich eher wundert, dass sie überhaupt Begehren hervorrufen sollen. Doch geht es der Regisseurin und ihrem Team sichtbar nicht um eine psychologische Nacherzählung des ohnehin ziemlich kruden Wedekindschen Plots, sondern eher um eine sehr bildkräftige ,sehr suggestive, manchmal auch die Grenzen von herkömmlichem Theater sprengende, manchmal fast zu kryptische Fantasie darüber, was Begehren, was Liebe, was Suche und Sucht auch nach dieser Liebe aus Menschen macht: Wie da Bedürfnisse sich verfehlen, ins Leere laufen oder schließlich im Tod die höchste Lust erahnen.

Dass sich in Lulu etwa das sexuelle Begehren mit demjenigen nach dem Tod paart, daraus macht diese Salzburger Wedekind-Variation keinen Hehl, indem eine der Lulus selbst die Rolle des Jack the Ripper übernimmt. Der Tod kommt hier in der erotischen Umarmung zweier Lulus - und durch den Biss in den Hals. Da wird der Vamp zum Vampir. "Lulu", wird eine der übriggebliebenen die andere fragen: "Lulu. Lebst Du?" Und die andere antwortet: "Ich liebe." Ob das beides niemals zusammengeht, das ist nur eine der Fragen, die diese durchaus verstörende und faszinierende Inszenierung zu stellen in der Lage ist.

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