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StartseiteCorsoDer Mann der tausenden Karikaturen14.11.2019

Sammler Koos van WeringhDer Mann der tausenden Karikaturen

Die eigene Wohnung als Archiv: Der Wahlkölner Koos van Weringh sammelt seit 70 Jahren Karikaturen – und ist damit schon für Museen zur bekannten Größe geworden. Dem DLF gewährt er Einblick in seine Schränke.

Von Sarah Mahlberg

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Der Karikaturensammler Koos van Weringh sitzt in seinem Wohnzimmer am Schreibtisch (Deutschlandradio/Sarah Mahlberg)
Der Karikaturensammler Koos van Weringh (Deutschlandradio/Sarah Mahlberg)
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Mitten in Köln, nahezu versteckt in einer Privatwohnung, befindet sich die wohl größte Karikaturensammlung Deutschlands. Dort wohnt der Niederländer Koos van Weringh mit seiner Frau. Schon im hellen Altbautreppenhaus spürt man, dass hier wohlhabende Leute leben müssen. Van Weringh kommt herunter. Er trägt einen weinroten Pullover und Pantoffeln und zeigt den Weg zum Fahrstuhl:

"Der Fahrstuhl kommt mitten in unserer Wohnung raus."

Und tatsächlich: Die Türen gehen auf und wir stehen mitten im Wohnflur. Es sieht nicht so aus wie die Wohnung eines Sammlers. Alles ist ordentlich eingerichtet mit schönen alten Holzmöbeln. Von Sammler-Chaos keine Spur. Bis man über die Schwelle zu van Weringhs Zimmer tritt. Dort hängen die Wände voll. Ölgemälde, Fotografien, Plakate und natürlich Karikaturen: etwa Angela Merkel mit miesepetrigem Gesicht. Dazu eine Sprechblase: "So. Karikaturen. Sie wecken Emotionen. Das ist mir suspekt."

Eine logisch sortierte und üppige Sammlung

Mehrere Regale bilden einen schmalen Gang in der Ecke des Raums. Dort stehen Bücher über Karikaturen:

"Die Niederlande hier, dann Frankreich, Deutschland."

So sind die Karikaturen leicht wiederzufinden. Das Chaos auf den ersten Blick entpuppt sich auf den zweiten als logisch sortierte und üppige Sammlung. Und doch müssen wir auf dem Weg zu dem kleinen Schreibtisch aufpassen, nicht zu stolpern.

Koos van Weringh: "Wollen wir uns setzen? Wollen Sie sich irgendwo hinsetzen."
Sarah Mahlberg: "Ja, sehr gern. Wo setz ich mich am besten hin, hier sind so viele Bücher."

An dem Schreibtisch in der Ecke des vollgestopften und vollgehängten Zimmers schnippelt der 85-Jährige zu den Klängen von Popmusik aus dem Radio die Karikaturen des Tages aus und versieht sie fein säuberlich mit dem Datum.

Koos van Weringh: "17, 10, 19 ... ja."
Sarah Mahlberg: "Alles genau dokumentiert."
Koos van Weringh: "Ja, jeden Tag geht das so."

Jeden Tag am Kiosk

Jeden Morgen geht er zum Kiosk und kauft sich den "Tagesspiegel", die "taz" und "Le Monde" aus Frankreich. Andere Zeitungen hat er abonniert. Seit 70 Jahren geht van Weringh inzwischen seinem Hobby nach. Sein alter Geschichtslehrer hat ihn darauf gebracht.

"Geschichtsunterricht hatte immer Karikaturen dabei. Ich kann Ihnen eine halbe Stunde erzählen, wie der Konflikt entstanden ist, aber hier. Ja, das hat mich so fasziniert, seitdem."

Seitdem sammelt er täglich die neusten Zeichnungen. Über die Jahre hat sich eine beträchtliche Menge angesammelt.

Sarah Mahlberg: "Können Sie sagen, wieviele Karikaturen Sie heute haben?"
Koos van Weringh: "Ja ich denke, ausgeschnittene zwischen 150.000 und 200.000, denke ich. Denke ich!"
Sarah Mahlberg: "Wahnsinn."
Koos van Weringh: "Ja, Wahnsinn. Meine Frau sagt immer, 'ich bin mit einem Verrückten verheiratet'.
Sarah Mahlberg: "Denken Sie auch, dass Sie verrückt sind?"
Koos van Weringh: "Doch, ein bisschen, ja."

Ob nur skizziert oder fein ausgearbeitet, politisch korrekt oder nicht, ist van Weringh egal. Er sammelt alles. Die einzige Ausnahme bilden Karikaturen aus dem Internet. Denen schenkt er keine Beachtung:

"Die kann man nicht ausschneiden! Nee. Zeitung ist Papier!"

Selbst Museen klopfen bei ihm an

In einem hohen und vergleichsweise unscheinbaren Holzschrank in der Ecke des Zimmers stapeln sich die ausgeschnittenen Exemplare der letzten Jahrzehnte.

Sarah Mahlberg: "Die sind in dem Schrank? Oh, wow. In ganz unterschiedlichen Mappen, unterschiedlicher Farbe, wie ist das ..., also das sieht …"
Koos van Weringh: "Die Farbe bedeutet nichts."
Sarah Mahlberg: "Das sieht sehr sortiert aus."
Koos van Weringh: "Das sind die Karikaturisten, alphabetisch und dann chronologisch."
Sarah Mahlberg: "Also hier steht: Wolfgang Horsch, 2013, können Sie nochmal zeigen? Von 2013 bis zum 27.05. 2015."

Oft fragen auch Museen van Weringh, ob er Karikaturen zu einem bestimmten Thema habe:

"Es kommt jetzt 'ne Ausstellung im deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen, das ist im Saarland, über die Mondlandung, die ist 50 Jahre her. Der Direktur rief an: Hast du Karikaturen über die Mondlandung?"

Auch unter den Karikaturist*innen selbst ist Koos van Wernigh inzwischen ein Name. Einmal im Jahr veranstaltet er ein Abendessen und lädt einige von ihnen ein. So behält er auch den Überblick über die Szene.

Sarah Mahlberg: "Sie haben ja ganz viele Karikaturen gesammelt, auch über Jahrzehnte. Fällt Ihnen da was auf, was den Stil betrifft?"
Koos van Weringh: "Ja, viel mehr comicartig! Viel mehr mit Text, mit Sprechblasen, das war früher viel weniger."
Sarah Mahlberg: "Gefällt Ihnen das besser oder nicht so gut?"
Koos van Weringh: "Nicht so gut, nein."

"Ich habe beschlossen, dass ich 100 werd‘"

Ein Bild, das für sich selbst spricht, sei besser als jede Erklärung, sagt van Weringh mit skeptischem Gesicht.

Im Laufe seines Lebens ist er mehrmals umgezogen. Lange Zeit lebte er in Moskau, in München, seit den 90ern in Köln. Die Karikaturen kamen immer mit. Jedes Mal füllten sie mehr Umzugskartons. Die Sammlung soll vollständig bleiben. Was nach seinem Tod mit ihr geschehen soll, hat van Weringh auch schon geplant:

"In Amsterdam gibt es das niederländische Pressemuseum; und wenn ich nicht mehr da bin, dann geht alles da hin."

So kann sein Archiv weiter bestehen. Das Sammeln aufzugeben, daran denkt Koos van Weringh noch nicht:

"Ich bin noch ziemlich gesund. Und meine Familie sind alle weit über 90 geworden - und ich habe beschlossen, dass ich 100 werd‘."

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