Managua am 19. Juli 2006. Mehrere tausend Menschen sind ins Regierungsviertel der nicaraguanischen Hauptstadt gekommen, um den Jahrestag der Revolution zu feiern. Heute vor 27 Jahren haben die Guerilleros der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN der Diktatur ein Ende bereitet. Seit Stunden schon stehen die Männer, Frauen und Kinder auf dem Platz am Ufer des Managua-Sees. Fliegende Händler verkaufen Bilder vom Nationalhelden Augusto Cesar Sandino. Dann endlich reitet auf einem Schimmel der Mann ein, auf den alle gewartet haben. Die blau-weiße Flagge Nicaraguas um die Schulter gehängt, begrüßt er seine Anhänger. Daniel Ortega ist in seinem Element.
Er wendet sich an die Brüder und Schwestern, an die alten Kämpfer. Doch nicht die Vergangenheit treibt den ehemaligen Guerillero auf die Bühne. Am 5. November finden in Nicaragua Wahlen statt, und Ortega will wieder Präsident werden.
Vor 16 Jahren wurde er und damit die FSLN von einem Oppositionsbündnis von der Macht verdrängt. Seither hat der Sandinist bereits drei Mal versucht, wieder an die Regierung zu gelangen. Allerdings ohne Erfolg. Immer gewannen die Liberalen. Doch in diesem Jahr versprechen ihm Umfragen große Chancen auf den Sieg. Darauf hofft auch der langjährige Aktivist Roberto Pochón López:
"Das ganze Volk weiß, dass Kommandant Daniel Ortega der Kandidat der Armen ist. Er wird uns Arbeit und Beschäftigung bringen. Wir werden die Armut überwinden, und in den Krankenhäusern wird es wieder Medikamente geben."
Pochón López hat in den 70er Jahren gegen die Truppen des Diktators Anastasio Somoza gekämpft. In den 80ern erlebte er, wie die Revolutionäre die Situation der Armen verbesserten: Eine demokratische Verfassung wurde verabschiedet, Schulen und Krankenstationen gebaut. Die Sandinisten senkten die Analphabetenrate und verteilten enteignetes Land an verarmte Bauern.
Zugleich aber war die Bevölkerung terroristischen Angriffen ausgesetzt. Von der US-Administration finanzierte Söldnertruppen sollten die linke Regierung destabilisieren. Fast 30.000 Menschen fielen diesem Krieg mit den Contra-Banden zum Opfer. Eine Wirtschaftsblockade der USA bremste die Entwicklung, die Arbeitslosigkeit stieg.
Im Frühjahr 1990 entschied sich die Mehrheit der kriegsmüden Bevölkerung für einen Wechsel. Mit der Wahl der Oppositionskandidatin Violeta Chamorro begannen die Jahre der kapitalistischen Erneuerung. Staatliche Unternehmen wurden privatisiert, Sozialausgaben radikal gekürzt, Agrarreformen rückgängig gemacht. Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds sollten die Inflation eindämmen und zwangen zur Sparpolitik. Diese Maßnahmen seien notwendig gewesen, betont Wirtschaftsexperte Freddy Cruz vom Zentrum für Unternehmensstudien in Managua:
"Nach der sandinistischen Regierungszeit hat es einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Es kam Bewegung in den Handel, das Bruttosozialprodukt ist gestiegen, die Exporte wurden stimuliert. Der Tourismus hat in den letzten Jahren um zehn Prozent zugenommen."
Von diesem Aufschwung profitierten jedoch nur Wenige. Auf der UNO-Liste, die den durchschnittlichen Lebensstandard der Länder der Welt verzeichnet, ist Nicaragua von Platz 69 auf Platz 128 abgesunken. Heute ist Nicaragua der zweitärmste Staat Lateinamerikas. Der FSLN-Abgeordnete Edwin Castro resümiert:
"1990 lag die Arbeitslosenrate bei etwa 20 Prozent, inzwischen liegt sie nach offiziellen Angaben bei 65 Prozent. Das heißt, dass nur 35 von 100 Nicaraguanern eine garantierte Arbeit mit festem Einkommen haben. Die Analphabetenrate lag trotz des Krieges bei 12 Prozent, heute erreicht sie 35 Prozent. Bildungseinrichtungen wurden privatisiert, obwohl kostenlose Bildung in der Verfassung garantiert wird. Selbst nach Angaben der Regierung haben heute fast 800.000 Kinder keinen Schulzugang."
Diese Entwicklung bekamen vor allem die Armen zu spüren. Etwa die Menschen aus dem Viertel Las Torres. Die Sozialarbeiterin Vicenta Membreno arbeitet seit 28 Jahren hier im Norden Managuas. Anfang der 80er Jahre baute sie eine kleine Schule auf, in der Kinder des Stadtteils eine Grundausbildung erhalten. Das Projekt wird mit internationalen Hilfsgeldern finanziert. Sonst sähe es schlecht aus.
"In sandinistischen Zeiten gab es 75 Projekte für Kinder von Kleinbäuerinnen. Fünf Monate nach der Niederlage existierte keines mehr. Dasselbe gilt für 132 Einrichtungen für Arbeiterkinder."
Die Auswirkungen der Sparpolitik haben in den letzten Jahren zunehmend zu Protesten geführt. Studenten demonstrieren gegen Fahrpreiserhöhungen, Bürgerinitiativen machen gegen die privatisierte Stromindustrie mobil, Ärzte und Krankenschwestern streiken für mehr Lohn und bessere Versorgung der Patienten. Das Leben in Nicaragua ist teuer geworden. Eine städtische Mittelstandsfamilie kommt nur dann einigermaßen über die Runden, wenn mindestens beide Elternteile Geld verdienen.
Noch kritischer ist die Situation auf dem Lande. Zwei Drittel der 5,5 Millionen Nicaraguaner leben von der Landwirtschaft. Die meisten von ihnen erwirtschaften bestenfalls das, was sie zum Leben brauchen. Die Bedingungen hätten sich sehr verschlechtert, erklärt Alvaro Fiallos, der Präsident des Kleinbauernverbandes UNAG:
"Wir brauchen umfassende Hilfsprogramme für die kleinen bäuerlichen Betriebe und zwar im Bereich der Bildung, der Gesundheitsversorgung, der Ernährung und des Umweltschutzes. Zudem benötigen wir Zugang zu Krediten und moderner Technologie. Nur die FSLN hat diese Erfordernisse auf ihre Fahne geschrieben."
Wie Bauernvertreter Fiallos hoffen viele Gewerkschafter, Stadtteilaktivisten oder Studierende auf eine Linksregierung mit den Sandinisten. Und FSLN-Frontmann Ortega verspricht alles, was die Basis erwartet. Vor seinen Anhängern kritisiert er den "wilden Kapitalismus" und propagiert eine gerechte Wirtschaftsordnung. Er redet über die verlorenen Söhne, die auf Arbeitsuche in die USA oder nach Costa Rica ausgewandert sind. Sein Hauptthema jedoch ist die Versöhnung. Viele der ehemaligen Gegner seien längst Verbündete: die Kirche, die Unternehmer, die Liberalen. Vom konservativen Kardinal Miguel Obando y Bravo ließ er sich publikumswirksam trauen, der ehemalige Chef der Contras Jaime Morales Carazo tritt als Vizepräsidentschaftskandidat der FSLN an.
Selbst für die US-Regierung findet Ortega milde Worte. Und das aus gutem Grund: Niemand hat den Krieg der von den USA unterstützten Söldnertruppen vergessen. Viele befürchten neue Probleme mit dem Norden und denken wie der Polizist Juan Cabrera:
"Wir wollen Daniel Ortega nicht. Hier in Nicaragua haben wir genug gelitten, das viele vergossene Blut, die verlorenen Söhne. Wir wollen Frieden."
Ortegas politische Nähe zu US-kritischen Staatschefs wie Kubas Fidel Castro oder Venezuelas Hugo Chávez weckt Ängste. Chávez hatte angeboten, Erdöl zu Vorzugsbedingungen an nicaraguanische Gemeinden zu liefern. Gegner Ortegas interpretierten dies als Wahlkampfhilfe für die Sandinisten. Der FSLN-Abgeordnete Castro widerspricht:
"Chávez hat Nicaragua genau dasselbe angeboten wie zuvor den Karibik-Staaten. Angesichts des derzeit hohen Ölpreises hätte das unsere Energiekrise etwas gemildert. Leider hat die Regierung die Vereinbarung aufgrund des Drucks aus den USA ausgeschlagen. Wenn wir die Wahl gewinnen, werden wir solche Solidaritätsangebote von Chávez gerne annehmen."
Billiges Öl aus Venezuela, medizinische Hilfe aus Kuba - mit solchen Versprechungen können die Sandinisten natürlich Stimmen gewinnen. Mit einer radikalen Wende in der Außenpolitik ist dennoch nicht zu rechnen.
"Wir haben im Prinzip nichts gegen die USA. Klar, wir kritisieren das imperiale Verhalten der US-Regierung, zum Beispiel den Irak-Krieg. Aber das haben auch Frankreich und Deutschland getan. Wenn wir es schaffen, auf gegenseitiger Achtung basierende Kooperationsbeziehungen aufzubauen, wäre das hervorragend."
Populist, Machtpolitiker oder genialer Stratege? An der Person Ortega scheiden sich die Geister. Durch kluge Manöver habe er den Einfluss der Sandinisten nach der Niederlage von 1990 gesichert, sagen die einen. Er habe die revolutionären Ideale zugunsten von Macht und Einfluss verraten, meinen andere. Viele alte Kampfgefährten haben sich von Ortega und der FSLN abgewandt. Etwa Carlos Mejía Godoy. Noch heute spielt der wohl bekannteste Musiker des Landes in Managuas Konzertsälen die alten Revolutionslieder. Ortega wirft er jedoch vor, ein autoritärer Machtpolitiker zu sein.
"Er hat dafür gesorgt, dass nur er als Präsidentschaftskandidat aufgestellt wird. Ortega hat innerparteilich keine demokratischen Wahlen zugelassen. Dabei haben wir früher immer gegen Personenkult und Populismus gekämpft."
Einige Abtrünnige wurden aus der FSLN ausgeschlossen, so auch Herty Lewites, der gegen Ortega um die Präsidentschaftskandidatur angetreten war. Der ehemalige Bürgermeister von Managua ging daraufhin mit einer eigenen Partei ins Rennen, starb aber vor wenigen Monaten an einem Herzinfarkt. Die Bewegung zur Erneuerung des Sandinismus MRS stellt sich dennoch zur Wahl, und Musiker Mejía Godoy tritt als Vizepräsidentschaftskandidat an.
Mit rund 20 Prozent der Stimmen kann die MRS rechnen - zu wenig, um gegen die alten Gefährten zu konkurrieren. Viele Sandinisten der ersten Stunde haben sich den Dissidenten angeschlossen: die Schriftstellerin Gioconda Belli, der Priester Ernesto Cardenal, die Ex-Guerillera Monica Baltodano. Die Feministin Baltodano kritisiert die Annäherung Ortegas an die Kirchenhierarchie, die zur Ablehnung des Rechts auf Abtreibung geführt habe. Für sie steht zudem die Anschuldigung im Raum, dass der FSLN-Frontmann seine Stieftochter sexuell misshandelt habe.
"Er hat nie den juristischen Weg beschritten, um seine Unschuld zu beweisen. Erst hat er die parlamentarische Immunität in Anspruch genommen, später war das Delikt verjährt. Nach diesem ungeklärten Vorwurf hätte er nie wieder kandidieren dürfen."
Weiteren Unmut hat Ortega durch fragwürdige bündnispolitische Manöver erregt. Ein Pakt mit dem ehemaligen liberalen Präsidenten Arnoldo Alemán sichert ihm seit Ende der 90er Jahre seinen politischen Einfluss. Durch günstige Mehrheiten im Parlament sorgten die beiden damals dafür, dass zentrale Institutionen unter ihre Kontrolle fielen: der Oberste Gerichtshof, der Nationale Wahlrat, der Rechnungshof. MRS-Politiker Mejía Godoy:
"Die beiden Caudillos teilen die Macht unter sich auf. Sie paktieren, um sich gegenseitig zu stützen. Sie kontrollieren die Exekutive, die Legislative und die Judikative. Deshalb gibt es in Nicaragua soviel Ungerechtigkeit und Straflosigkeit."
Ex-Präsident Alemán wurde im Jahr 2002 wegen Korruption zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Dank der Unterstützung Ortegas steht er jedoch lediglich unter Hausarrest. Er kann sich in Managua ziemlich frei bewegen. Im Hintergrund zieht er die Fäden seiner Konstitutionellen Liberalen Partei PLC.
"Wählen wir den Widerstand, wählen wir José Rizo", mit eingängigen Melodien wirbt die PLC für ihren Kandidaten. Doch Rizo wird von vielen politischen Beobachtern lediglich als Marionette Alemáns gesehen. Rizos Sprecher Leonor Teller verteidigt den Pakt:
"Unser Kandidat ist nicht Arnoldo Alemán. Aber als Alemán Präsident war, musste er sich auf diesen Pakt mit der anderen starken parlamentarischen Kraft einlassen. Damit garantierte er eine stabile Regierung und wirtschaftliche Entwicklung."
Auch der FSLN-Politiker Castro verteidigt das umstrittene Bündnis:
"Wir haben mit dem privatwirtschaftlichen Sektor zusammengearbeitet, als es darum ging, die Diktatur zu stürzen. Wir haben mit Chamorro kooperiert, als es darum ging, demokratische Verhältnisse zu sichern. Das Bündnis mit Alemán hat die Demokratie und die Versöhnung in Nicaragua vorangebracht."
Castro hat gute Gründe, den Pakt zu verteidigen. Das Bündnis mit den Sandinisten und die Korruptionsvorwürfe gegen Alemán haben das liberale Lager gespalten. Neben PLC-Kandidat Rizo tritt Eduardo Montealegre für die regierende Nationale Liberale Allianz ALN an. Montealegre kann auf die Unterstützung der amtierenden konservativ-liberalen Regierung bauen. Auch die US-Administration steht hinter ihm. Montealegre ist Ortegas stärkster Konkurrent. Der FSLN-Politiker hat nur eine Chance gegen ihn, solange die liberalen Parteien getrennt ins Rennen gehen.
Sollte Ortega nicht im ersten Wahlgang gewinnen, hat er schlechte Karten. In einer Stichwahl würden sich ALN und PLC wohl auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Ortega dagegen würde weiterhin alleine dastehen. Zu tief sitzt die Enttäuschung potenzieller Partner, die heute in der MRS organisiert sind. An Kritik an Ortega mangelt es nicht. Warum aber hat er trotzdem große Chancen auf die Präsidentschaft? MRS-Kandidat Mejía Godoy verweist auf die Vergangenheit:
"Die Sandinistische Befreiungsfront zeichnete sich stets durch eine enorme Disziplin aus. Obwohl die Organisation von ihrem Weg abgekommen ist, spielt das noch heute eine große Rolle. Auch unabhängig von Ortega gibt es viele Leute, die der FSLN treu geblieben sind. Ich kenne viele, die sagen: 'Nein, ich bin nicht für Daniel, aber ich werde die Partei nicht verlassen. Ich habe zwei Brüder im Krieg verloren.'"
Auch für die Sozialarbeiterin Vicenta Membreno ist die alte Zeit noch sehr präsent. Die Arbeit hier im Armenviertel Las Torres, die Unterstützung für die Schule. Ja, die Bedingungen seien schwierig gewesen: die US-Wirtschaftsblockade, der Krieg, die Versorgungsprobleme. Dennoch sei nie soviel für Kinder getan worden wie während der Revolutionsregierung.
Heute ist auch Vicenta Membreno von der FSLN enttäuscht. Sie sei keine "Danielista", betont sie. Zuviel sei passiert: die Geschichte mit der Vergewaltigung seiner Stieftochter, die politischen Mauscheleien, das populistische inhaltslose Auftreten.
"Trotzdem ist die Partei weiterhin eine Option für die Armen. Wenn sie gewinnt, dann deshalb, weil ihr die Bevölkerung eine letzte Chance gibt, ihre offenen Rechungen zu begleichen. Die Menschen wollen wissen, ob die Partei tatsächlich einhält, was sie versprochen hat. Das würde radikale Änderungen der eigenen Strukturen erfordern. Ich denke nicht, dass die FSLN dazu fähig ist."
Er wendet sich an die Brüder und Schwestern, an die alten Kämpfer. Doch nicht die Vergangenheit treibt den ehemaligen Guerillero auf die Bühne. Am 5. November finden in Nicaragua Wahlen statt, und Ortega will wieder Präsident werden.
Vor 16 Jahren wurde er und damit die FSLN von einem Oppositionsbündnis von der Macht verdrängt. Seither hat der Sandinist bereits drei Mal versucht, wieder an die Regierung zu gelangen. Allerdings ohne Erfolg. Immer gewannen die Liberalen. Doch in diesem Jahr versprechen ihm Umfragen große Chancen auf den Sieg. Darauf hofft auch der langjährige Aktivist Roberto Pochón López:
"Das ganze Volk weiß, dass Kommandant Daniel Ortega der Kandidat der Armen ist. Er wird uns Arbeit und Beschäftigung bringen. Wir werden die Armut überwinden, und in den Krankenhäusern wird es wieder Medikamente geben."
Pochón López hat in den 70er Jahren gegen die Truppen des Diktators Anastasio Somoza gekämpft. In den 80ern erlebte er, wie die Revolutionäre die Situation der Armen verbesserten: Eine demokratische Verfassung wurde verabschiedet, Schulen und Krankenstationen gebaut. Die Sandinisten senkten die Analphabetenrate und verteilten enteignetes Land an verarmte Bauern.
Zugleich aber war die Bevölkerung terroristischen Angriffen ausgesetzt. Von der US-Administration finanzierte Söldnertruppen sollten die linke Regierung destabilisieren. Fast 30.000 Menschen fielen diesem Krieg mit den Contra-Banden zum Opfer. Eine Wirtschaftsblockade der USA bremste die Entwicklung, die Arbeitslosigkeit stieg.
Im Frühjahr 1990 entschied sich die Mehrheit der kriegsmüden Bevölkerung für einen Wechsel. Mit der Wahl der Oppositionskandidatin Violeta Chamorro begannen die Jahre der kapitalistischen Erneuerung. Staatliche Unternehmen wurden privatisiert, Sozialausgaben radikal gekürzt, Agrarreformen rückgängig gemacht. Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds sollten die Inflation eindämmen und zwangen zur Sparpolitik. Diese Maßnahmen seien notwendig gewesen, betont Wirtschaftsexperte Freddy Cruz vom Zentrum für Unternehmensstudien in Managua:
"Nach der sandinistischen Regierungszeit hat es einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Es kam Bewegung in den Handel, das Bruttosozialprodukt ist gestiegen, die Exporte wurden stimuliert. Der Tourismus hat in den letzten Jahren um zehn Prozent zugenommen."
Von diesem Aufschwung profitierten jedoch nur Wenige. Auf der UNO-Liste, die den durchschnittlichen Lebensstandard der Länder der Welt verzeichnet, ist Nicaragua von Platz 69 auf Platz 128 abgesunken. Heute ist Nicaragua der zweitärmste Staat Lateinamerikas. Der FSLN-Abgeordnete Edwin Castro resümiert:
"1990 lag die Arbeitslosenrate bei etwa 20 Prozent, inzwischen liegt sie nach offiziellen Angaben bei 65 Prozent. Das heißt, dass nur 35 von 100 Nicaraguanern eine garantierte Arbeit mit festem Einkommen haben. Die Analphabetenrate lag trotz des Krieges bei 12 Prozent, heute erreicht sie 35 Prozent. Bildungseinrichtungen wurden privatisiert, obwohl kostenlose Bildung in der Verfassung garantiert wird. Selbst nach Angaben der Regierung haben heute fast 800.000 Kinder keinen Schulzugang."
Diese Entwicklung bekamen vor allem die Armen zu spüren. Etwa die Menschen aus dem Viertel Las Torres. Die Sozialarbeiterin Vicenta Membreno arbeitet seit 28 Jahren hier im Norden Managuas. Anfang der 80er Jahre baute sie eine kleine Schule auf, in der Kinder des Stadtteils eine Grundausbildung erhalten. Das Projekt wird mit internationalen Hilfsgeldern finanziert. Sonst sähe es schlecht aus.
"In sandinistischen Zeiten gab es 75 Projekte für Kinder von Kleinbäuerinnen. Fünf Monate nach der Niederlage existierte keines mehr. Dasselbe gilt für 132 Einrichtungen für Arbeiterkinder."
Die Auswirkungen der Sparpolitik haben in den letzten Jahren zunehmend zu Protesten geführt. Studenten demonstrieren gegen Fahrpreiserhöhungen, Bürgerinitiativen machen gegen die privatisierte Stromindustrie mobil, Ärzte und Krankenschwestern streiken für mehr Lohn und bessere Versorgung der Patienten. Das Leben in Nicaragua ist teuer geworden. Eine städtische Mittelstandsfamilie kommt nur dann einigermaßen über die Runden, wenn mindestens beide Elternteile Geld verdienen.
Noch kritischer ist die Situation auf dem Lande. Zwei Drittel der 5,5 Millionen Nicaraguaner leben von der Landwirtschaft. Die meisten von ihnen erwirtschaften bestenfalls das, was sie zum Leben brauchen. Die Bedingungen hätten sich sehr verschlechtert, erklärt Alvaro Fiallos, der Präsident des Kleinbauernverbandes UNAG:
"Wir brauchen umfassende Hilfsprogramme für die kleinen bäuerlichen Betriebe und zwar im Bereich der Bildung, der Gesundheitsversorgung, der Ernährung und des Umweltschutzes. Zudem benötigen wir Zugang zu Krediten und moderner Technologie. Nur die FSLN hat diese Erfordernisse auf ihre Fahne geschrieben."
Wie Bauernvertreter Fiallos hoffen viele Gewerkschafter, Stadtteilaktivisten oder Studierende auf eine Linksregierung mit den Sandinisten. Und FSLN-Frontmann Ortega verspricht alles, was die Basis erwartet. Vor seinen Anhängern kritisiert er den "wilden Kapitalismus" und propagiert eine gerechte Wirtschaftsordnung. Er redet über die verlorenen Söhne, die auf Arbeitsuche in die USA oder nach Costa Rica ausgewandert sind. Sein Hauptthema jedoch ist die Versöhnung. Viele der ehemaligen Gegner seien längst Verbündete: die Kirche, die Unternehmer, die Liberalen. Vom konservativen Kardinal Miguel Obando y Bravo ließ er sich publikumswirksam trauen, der ehemalige Chef der Contras Jaime Morales Carazo tritt als Vizepräsidentschaftskandidat der FSLN an.
Selbst für die US-Regierung findet Ortega milde Worte. Und das aus gutem Grund: Niemand hat den Krieg der von den USA unterstützten Söldnertruppen vergessen. Viele befürchten neue Probleme mit dem Norden und denken wie der Polizist Juan Cabrera:
"Wir wollen Daniel Ortega nicht. Hier in Nicaragua haben wir genug gelitten, das viele vergossene Blut, die verlorenen Söhne. Wir wollen Frieden."
Ortegas politische Nähe zu US-kritischen Staatschefs wie Kubas Fidel Castro oder Venezuelas Hugo Chávez weckt Ängste. Chávez hatte angeboten, Erdöl zu Vorzugsbedingungen an nicaraguanische Gemeinden zu liefern. Gegner Ortegas interpretierten dies als Wahlkampfhilfe für die Sandinisten. Der FSLN-Abgeordnete Castro widerspricht:
"Chávez hat Nicaragua genau dasselbe angeboten wie zuvor den Karibik-Staaten. Angesichts des derzeit hohen Ölpreises hätte das unsere Energiekrise etwas gemildert. Leider hat die Regierung die Vereinbarung aufgrund des Drucks aus den USA ausgeschlagen. Wenn wir die Wahl gewinnen, werden wir solche Solidaritätsangebote von Chávez gerne annehmen."
Billiges Öl aus Venezuela, medizinische Hilfe aus Kuba - mit solchen Versprechungen können die Sandinisten natürlich Stimmen gewinnen. Mit einer radikalen Wende in der Außenpolitik ist dennoch nicht zu rechnen.
"Wir haben im Prinzip nichts gegen die USA. Klar, wir kritisieren das imperiale Verhalten der US-Regierung, zum Beispiel den Irak-Krieg. Aber das haben auch Frankreich und Deutschland getan. Wenn wir es schaffen, auf gegenseitiger Achtung basierende Kooperationsbeziehungen aufzubauen, wäre das hervorragend."
Populist, Machtpolitiker oder genialer Stratege? An der Person Ortega scheiden sich die Geister. Durch kluge Manöver habe er den Einfluss der Sandinisten nach der Niederlage von 1990 gesichert, sagen die einen. Er habe die revolutionären Ideale zugunsten von Macht und Einfluss verraten, meinen andere. Viele alte Kampfgefährten haben sich von Ortega und der FSLN abgewandt. Etwa Carlos Mejía Godoy. Noch heute spielt der wohl bekannteste Musiker des Landes in Managuas Konzertsälen die alten Revolutionslieder. Ortega wirft er jedoch vor, ein autoritärer Machtpolitiker zu sein.
"Er hat dafür gesorgt, dass nur er als Präsidentschaftskandidat aufgestellt wird. Ortega hat innerparteilich keine demokratischen Wahlen zugelassen. Dabei haben wir früher immer gegen Personenkult und Populismus gekämpft."
Einige Abtrünnige wurden aus der FSLN ausgeschlossen, so auch Herty Lewites, der gegen Ortega um die Präsidentschaftskandidatur angetreten war. Der ehemalige Bürgermeister von Managua ging daraufhin mit einer eigenen Partei ins Rennen, starb aber vor wenigen Monaten an einem Herzinfarkt. Die Bewegung zur Erneuerung des Sandinismus MRS stellt sich dennoch zur Wahl, und Musiker Mejía Godoy tritt als Vizepräsidentschaftskandidat an.
Mit rund 20 Prozent der Stimmen kann die MRS rechnen - zu wenig, um gegen die alten Gefährten zu konkurrieren. Viele Sandinisten der ersten Stunde haben sich den Dissidenten angeschlossen: die Schriftstellerin Gioconda Belli, der Priester Ernesto Cardenal, die Ex-Guerillera Monica Baltodano. Die Feministin Baltodano kritisiert die Annäherung Ortegas an die Kirchenhierarchie, die zur Ablehnung des Rechts auf Abtreibung geführt habe. Für sie steht zudem die Anschuldigung im Raum, dass der FSLN-Frontmann seine Stieftochter sexuell misshandelt habe.
"Er hat nie den juristischen Weg beschritten, um seine Unschuld zu beweisen. Erst hat er die parlamentarische Immunität in Anspruch genommen, später war das Delikt verjährt. Nach diesem ungeklärten Vorwurf hätte er nie wieder kandidieren dürfen."
Weiteren Unmut hat Ortega durch fragwürdige bündnispolitische Manöver erregt. Ein Pakt mit dem ehemaligen liberalen Präsidenten Arnoldo Alemán sichert ihm seit Ende der 90er Jahre seinen politischen Einfluss. Durch günstige Mehrheiten im Parlament sorgten die beiden damals dafür, dass zentrale Institutionen unter ihre Kontrolle fielen: der Oberste Gerichtshof, der Nationale Wahlrat, der Rechnungshof. MRS-Politiker Mejía Godoy:
"Die beiden Caudillos teilen die Macht unter sich auf. Sie paktieren, um sich gegenseitig zu stützen. Sie kontrollieren die Exekutive, die Legislative und die Judikative. Deshalb gibt es in Nicaragua soviel Ungerechtigkeit und Straflosigkeit."
Ex-Präsident Alemán wurde im Jahr 2002 wegen Korruption zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Dank der Unterstützung Ortegas steht er jedoch lediglich unter Hausarrest. Er kann sich in Managua ziemlich frei bewegen. Im Hintergrund zieht er die Fäden seiner Konstitutionellen Liberalen Partei PLC.
"Wählen wir den Widerstand, wählen wir José Rizo", mit eingängigen Melodien wirbt die PLC für ihren Kandidaten. Doch Rizo wird von vielen politischen Beobachtern lediglich als Marionette Alemáns gesehen. Rizos Sprecher Leonor Teller verteidigt den Pakt:
"Unser Kandidat ist nicht Arnoldo Alemán. Aber als Alemán Präsident war, musste er sich auf diesen Pakt mit der anderen starken parlamentarischen Kraft einlassen. Damit garantierte er eine stabile Regierung und wirtschaftliche Entwicklung."
Auch der FSLN-Politiker Castro verteidigt das umstrittene Bündnis:
"Wir haben mit dem privatwirtschaftlichen Sektor zusammengearbeitet, als es darum ging, die Diktatur zu stürzen. Wir haben mit Chamorro kooperiert, als es darum ging, demokratische Verhältnisse zu sichern. Das Bündnis mit Alemán hat die Demokratie und die Versöhnung in Nicaragua vorangebracht."
Castro hat gute Gründe, den Pakt zu verteidigen. Das Bündnis mit den Sandinisten und die Korruptionsvorwürfe gegen Alemán haben das liberale Lager gespalten. Neben PLC-Kandidat Rizo tritt Eduardo Montealegre für die regierende Nationale Liberale Allianz ALN an. Montealegre kann auf die Unterstützung der amtierenden konservativ-liberalen Regierung bauen. Auch die US-Administration steht hinter ihm. Montealegre ist Ortegas stärkster Konkurrent. Der FSLN-Politiker hat nur eine Chance gegen ihn, solange die liberalen Parteien getrennt ins Rennen gehen.
Sollte Ortega nicht im ersten Wahlgang gewinnen, hat er schlechte Karten. In einer Stichwahl würden sich ALN und PLC wohl auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Ortega dagegen würde weiterhin alleine dastehen. Zu tief sitzt die Enttäuschung potenzieller Partner, die heute in der MRS organisiert sind. An Kritik an Ortega mangelt es nicht. Warum aber hat er trotzdem große Chancen auf die Präsidentschaft? MRS-Kandidat Mejía Godoy verweist auf die Vergangenheit:
"Die Sandinistische Befreiungsfront zeichnete sich stets durch eine enorme Disziplin aus. Obwohl die Organisation von ihrem Weg abgekommen ist, spielt das noch heute eine große Rolle. Auch unabhängig von Ortega gibt es viele Leute, die der FSLN treu geblieben sind. Ich kenne viele, die sagen: 'Nein, ich bin nicht für Daniel, aber ich werde die Partei nicht verlassen. Ich habe zwei Brüder im Krieg verloren.'"
Auch für die Sozialarbeiterin Vicenta Membreno ist die alte Zeit noch sehr präsent. Die Arbeit hier im Armenviertel Las Torres, die Unterstützung für die Schule. Ja, die Bedingungen seien schwierig gewesen: die US-Wirtschaftsblockade, der Krieg, die Versorgungsprobleme. Dennoch sei nie soviel für Kinder getan worden wie während der Revolutionsregierung.
Heute ist auch Vicenta Membreno von der FSLN enttäuscht. Sie sei keine "Danielista", betont sie. Zuviel sei passiert: die Geschichte mit der Vergewaltigung seiner Stieftochter, die politischen Mauscheleien, das populistische inhaltslose Auftreten.
"Trotzdem ist die Partei weiterhin eine Option für die Armen. Wenn sie gewinnt, dann deshalb, weil ihr die Bevölkerung eine letzte Chance gibt, ihre offenen Rechungen zu begleichen. Die Menschen wollen wissen, ob die Partei tatsächlich einhält, was sie versprochen hat. Das würde radikale Änderungen der eigenen Strukturen erfordern. Ich denke nicht, dass die FSLN dazu fähig ist."