Donnerstag, 30. Juni 2022

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Sanierungsfall Westminster
Demokratie mit Ratten und Mäusen

Der Westminster-Palast ist eines der weltberühmten Londoner Wahrzeichen und Sitz des britischen Parlaments. Die bauliche Substanz ist allerdings in einem katastrophalen Zustand: Seit 1860 ist nicht mehr saniert worden. Es bröckelt an allen Ecken: Betroffen ist auch der Uhrenturm mit der Glocke Big Ben.

Von Jochen Spengler | 29.01.2015

Schiffe fahren auf der Themse vor dem Parlament in London
Von weitem sieht der Westminster-Palast in Schuss aus, von nahem sieht man aber, dass es bröckelt. (AFP/ Max Nash)
Toiletten und Abfluss-Rohre sind häufig verstopft, die Heizung öfters defekt, so wie die Elektrik. Der Brandschutz ist suboptimal, das gusseiserne Dach undicht, Deckenteile fallen herunter. Wände bröckeln, Bodenfliesen zerspringen, die Holzbänke morsch. Wenig hilfreich sind unzählige Mäuse, Ratten, Tauben und Motten. Aber:
"Ich glaube nicht, dass es jemals abgerissen wird. Dafür ist seine Geschichte zu großartig. Wenn es irgendein Büroblock aus den 60ern wäre und solche Schäden hätte, dann würde man es vermutlich niederreißen und ganz von vorn anfangen", meint Richard Ware, der Restaurierungsdirektor des Objekts, das aber eben nicht irgendein Gebäude ist, sondern The Palace of Westminster – auch bekannt als britisches Parlament. Eines von Londons Wahrzeichen, nicht nur wegen des berühmten Elizabeth-Turms, worin jede Viertelstunde Big Ben ertönt, die riesige Glocke.
Jetzt ist es offenbar fünf vor zwölf; eine Grundsanierung zwingend, aber schwierig. Denn die traditionsreiche Volksvertretung wird intensiv genutzt: 650 Abgeordnete und über 1000 Angestellte bevölkern die fünf Kilometer langen Flure, elf Innenhöfe, hundert Treppenhäuser und 1100 Räume.
Im schlimmsten Fall müsste man absperren
Und wenn das Parlament nicht tagt, dann drängen sich Schulklassen und eine Million Touristen jährlich durch die mehr als 900 Jahre alte Westminster Hall und den Rest des Gebäudes, das auf den Grundmauern des abgebrannten alten Palastes errichtet und erst 1860 vollendet wurde. Seitdem gab es keine gründliche Sanierung, und die Luftverschmutzung fordert Tribut:
"Der Erhalt wird immer schwieriger. Es gibt natürlich kein exaktes Datum, von dem ab der Palast nicht mehr nutzbar ist. Aber wie in jedem Gebäude gilt, dass, wenn man die Grundsubstanz vernachlässigt, die Risiken größer werden, so dass wir irgendwann die Leute nicht mehr reinlassen können und aus Sicherheitsgründen absperren müssen."
Im November gelang es zwei Wochen lang nicht, mit Fäkalien überflutete Toiletten in der Nähe der Abgeordnetenbüros zu säubern – Mitarbeiter erkrankten und wurden nach Hause geschickt. Ein Gutachten warnt vor dauerhaften Schäden, wenn nicht umgehend saniert werde. Das gilt auch für die beiden wichtigsten Säle, die Kammern des Unter- und des Oberhauses. Mark Collins ist Archivar und Historiker:
"Wir stehen hier im House of Lords, das auf den ersten Blick überaus prächtig und schön erscheint. Aber wir müssen die Fenster reparieren, damit kein Wasser mehr eindringt und Energie gespart wird. Die Holztäfelung ist ausgetrocknet wegen mangelnder Feuchtigkeitskontrolle. Die Skulpturen und die Decke müssen restauriert und überhaupt alles eingerüstet und instand gesetzt werden."
Wohin mit der Queen?
Das Problem dabei: Wo soll die Queen dann ihre jährliche Thronrede halten?
"My Lords and members of the House of Commons …"
Und wohin könnten Abgeordnete und Lords ausweichen, wenn sie auf ihre gewohnte Wirkungsstätte verzichten müssten? Restaurierungsdirektor Richard Ware:
"Wenn es möglich ist, entweder das ganze Parlament oder jeweils nur eine Kammer zum Auszug zu bewegen, macht das die Arbeit der Handwerker sehr viel leichter. Aber es ist natürlich ein großes politisches Problem, denn dann braucht man Ersatzräume anderswo."
Doch eine Instandsetzung des Palastes ohne den zeitweiligen Auszug der Parlamentarier gliche einer Operation am offenen Herzen, wäre sehr viel zeitaufwendiger und erheblich teurer. Die Rede ist von rund vier Milliarden Euro Restaurierungskosten. Doch es könnten auch sehr viel mehr werden, man wisse es einfach nicht, räumt Richard Ware ein:
"The honest answer is: We don’t know."