Sonntag, 28.02.2021
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteSport am WochenendeErste Schiedsrichterin in der Geschichte des Super Bowl07.02.2021

Sarah ThomasErste Schiedsrichterin in der Geschichte des Super Bowl

Im diesjährigen Finale der US National Football League zwischen den Tampa Bay Buccaneers und den Kansas City Chiefs gibt es gleich mehrere Premieren: Unter anderem ist zum ersten Mal eine Schiedsrichterin dabei: Sarah Thomas. Eine Frau, die nicht zum ersten Mal Geschichte schreibt.

Von Heiko Oldörp

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
NFL Schiedsrichterin Sarah Thomas bei einem Spiel zwischen den Minnesota Vikings und den Los Angeles Chargers im Dezember 2019. (Imago / Icon SMI)
1996 hat sie ihren Bruder zu einem Seminar für Football-Schiedsrichter begleitet - 25 Jahre später ist sie Schiedsrichterin beim Super Bowl: Sarah Thomas. (Imago / Icon SMI)
Mehr zum Thema

Trainerinnen im Spitzensport Fördern, fordern, führen

Frauenfußball in Katar Drei Schiedsrichterinnen bei Klub-WM im Einsatz

Sport und Gleichberechtigung Raus aus dem Abseits

Weibliche Schiedsrichter im Fußball Von der Kunst, sich in schwierigen Situationen durchzusetzen

Die Schiedsrichter-Karriere von Sarah Thomas beginnt 1996 eher zufällig mit einer Frage. Können Mädchen das eigentlich auch? Will sie von ihrem älteren Bruder wissen. Der leitet Football-Spiele an der High School, hat allerdings keine rechte Antwort - und nimmt seine neugierige Schwester deshalb einfach mit zu einem Seminar für Football-Referees.

"Auf dem Weg dahin meinte er plötzlich, kann sein, dass sie dich komisch angucken werden, denn das sind alte Männer", erzählt Sarah Thomas in einem Interview mit der NFL. "Ich meinte nur, dass ich damit schon klarkommen werde. Und nach der ersten Versammlung war ich sofort infiziert."

Historischer Moment

25 Jahre später steht sie nun vor der Krönung ihrer Karriere. Als erste Frau in der Geschichte des Super Bowl wird sie im Endspiel zum Einsatz kommen, eine von sieben Unparteiischen auf dem Feld sein. Nicole LaVoi findet dies im Gespräch mit dem Deutschlandfunk toll und traurig zugleich.

"Es ist bemerkenswert, dass sie die Möglichkeit erhält, im wichtigsten American Football-Spiel der Welt dabei zu sein. Aber es ist irgendwie auch schlimm, dass es bis 2021 gedauert hat, bis es soweit ist."

LaVoi leitet an der University von Minnesota ein Forschungszentrum, das die Rolle von Mädchen und Frauen im Sport erforscht – mit dem Ziel, einen Systemwandel im Sport zu beschleunigen. Untersuchungen von LaVois Team zeigen, wie schwer es Frauen haben, in die höchsten Positionen im Sport zu kommen. Es gebe zahlreiche Hindernisse, betont die Wissenschaftlerin, die miteinander verbunden und sehr entmutigend seien.

"Mehrstufige Barrieren"

"Diese Barrieren sind mehrstufig", erklärt LaVoi, "und ziehen sich quer durch das System. Von der Familie, über organisatorische bis hin zu gesellschaftlichen Hürden. Es geht um Sexismus, Rassismus und Homophobie. Hinzu kommt der Nachteil als Mutter - also alles hinterlistige Arten von Voreingenommenheiten."

Sarah Thomas hat vieles davon erlebt. Die Blicke sind kritischer, die Kommentare von Zuschauern arroganter, beleidigender und mitunter sogar sexistisch. Dass es zudem lange Zeit keine Kleidung für Schiedsrichterinnen gibt und sie deshalb Männerhosen tragen muss, ist da noch das kleinere Übel.

Aber Thomas macht immer weiter, nimmt auf der Karriereleiter eine Stufe nach der anderen. Im High School-Finale von Mississippi 2006 erreicht sie ungewollt erstmals größere Aufmerksamkeit. In der Live-Übertragung spricht ein TV-Reporter von einem Schiedsrichter, ehe er von seinem Kollegen darauf hingewiesen wird, dass sie eine Frau ist - zu sehen ab Minute 4:00 im folgenden Video:

"Now we are gonna have the side judge running in to make sure", kommentiert einer der TV-Reporter, "and he’s gonna have a conference, he’s calling the referee...", als ihn sein Kollege unterbricht und sagt: "She. She’s gonna have a conference."

Über College-Spiele gelingt ihr 2015 der Sprung in die NFL - als erste Frau. Im US-Fernsehen ist von einem "bahnbrechenden Tag in der NFL" die Rede.

Mittlerweile ist Thomas akzeptiert, wird respektiert. Das zeigt auch ein kleines Detail: Jahrelang verbirgt sie ihre Haare in ihrer Kappe – um auf dem Feld nicht aufzufallen. Erst seit dieser Saison trägt sie ihren Pferdeschwanz offen. Die dreifache Mutter hat sich in der Macho-Welt NFL durchgesetzt.

Erstmals auch zwei Trainerinnen im Endspiel

Im Super Bowl wird Thomas als so genannter Down Judge an der Seitenlinie eingesetzt. Und sie wird nicht die einzige Frau sein. Mit Maral Javadifar und Lori Locust von den Tampa Bay Buccaneers stehen erstmals zwei hauptamtliche Trainerinnen im Endspiel. Javadifar gehört zum Stab der Fitness-Coaches, Locust ist Assistentin in der Defensive. Insgesamt acht hauptamtliche Trainer-Posten sind in dieser NFL-Saison mit Frauen besetzt - so viele, wie noch nie.

Doch es sagt viel aus, dass ihre Stories immer noch als etwas Besonderes herausgestellt werden.

Der erschwerte Weg für Frauen ziehe sich, laut Nicole LaVoi, durch den gesamten US-Sport. Bereits am College, das ein Sprungbrett in die Profiligen ist, hat sie gravierende Unterschiede ausgemacht: "Männer besetzen die Cheftrainer-Posten in Frauenteams zu rund 66 Prozent und nahezu komplett in Männerteams. Und der Anteil von schwarzen Trainerinnen liegt in Frauenteams bei weniger als fünf Prozent."

Coaching noch von Männern dominiert

Selbst der Frauenfußball bildet da keine Ausnahme. Auch wenn es mit Pia Sundhage und Jill Ellis seit 2007 erfolgreiche Trainerinnen bei der US-Nationalmannschaft gegeben hat, die zweimal Olympiagold und den WM-Titel gewonnen haben. Doch das, sagt LaVoi, sei eine Ausnahme.

"Der Fußball hat eine entsetzliche Erfolgsbilanz von Frauen als Trainerinnen. Der Commissioner der höchsten Liga, WNSL, ist zwar eine Frau. Aber wenn es ums Coaching geht, ist Fußball nicht gerade freundlich gewesen zu Frauen, die die Trainerleiter hinaufsteigen wollen."

Sarah Thomas ist ganz oben angekommen - auf der größten Footballbühne der Welt. Nach 25 Jahren. Und sie hat eine Botschaft für Frauen und Männer, Mädchen und Jungs:

"Macht etwas, weil es euch gefällt und nicht, weil ihr irgendjemanden etwas beweisen wollt. Und lasst euch nicht durch euer Geschlecht, eure Ethnie oder was auch immer davon abhalten, das zu tun, das ihr liebt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk