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Satirische Religionskritik

Die Suche nach der einzig wahren Religion als Gameshow - so oder so ähnlich denkt sich das der afrikanische Regisseur Samuel Wilsi und inszeniert am Theater Freiburg "Himmelshaus", ein satirisches Stück um jene Frage, die schon Lessings Nathan den Weisen beschäftigte.

Von Christian Gampert |
    Wenn man in Deutschland über Religion redet, dann ist die erste Regel: bitte Ehrerbietung üben! Niemanden verletzen! Denn nichts scheint den Bürger so sehr in Rage zu bringen wie die Infragestellung seiner innersten Überzeugungen von Gott und Jenseits, von Keuschheit und richtigem Benimm. Das ist übrigens nicht nur bei Muslimen so, sondern auch bei äußerlich gut an die säkulare Gesellschaft angepassten Christenmenschen. Auch sie sind schnell eingeschnappt und fühlen sich beleidigt – gerade weil sie überproportional viel Macht ausüben, in Parteien, Ministerien und sogar in Rundfunkräten.

    Wovon man nicht sprechen kann, vom Irrationalen also, darüber soll man bekanntlich schweigen. Die Gläubigen aller Couleur tun dies freilich nicht, sie reden auch außerkirchlich munter drauflos, und wir anderen schweigen meist betreten, aus Angst und falscher Rücksichtnahme. Dass das alles auch ganz anders geht, führt nun ein aus dem Togo stammender Theatermacher vor.

    Samuel Wilsi hat Philosophie studiert und dreht eigentlich Dokumentarfilme für ARTE; seit einigen Jahren aber tritt er mit einer freien Gruppe (aus weißen und schwarzen Schauspielern) auf, dem "Theater Silhouette", das nun einen frischen, einen afrikanischen Blick auf das ganze Religionskuddelmuddel wirft.

    Natürlich ist der Zugriff der Gruppe satirisch und farbenfroh, und obwohl ihre theatralen Formen nicht gerade avantgardistisch anmuten, ertappt man sich bei der Frage, ob ein deutsches Stadttheater sich so was trauen würde. Wohl eher nicht. Man darf auf der Bühne zwar Babys im Kinderwagen steinigen, nicht aber Witze über den lieben Gott machen.

    Bei Samuel Wilsi darf man das schon. Der spielt kurz mal die Schöpfungsgeschichte durch; die Kollegin aus der Trommelgruppe klopft afrikanische Rhythmen, und dann purzeln Adam und Eva auf die Bühne, er ein Schwarzer mit Blondhaar-Perrücke und Röckchen, sie eine weiße Jane, beide sprachlos stammelnd.

    Nachdem man von Kain und Abel erfahren hat, wie das Böse und somit der Zwist in die Welt kam, werden uns die (leicht verfremdeten) Weltreligionen vorgestellt, die nun gleich in einer Fernseh-Show, von der UNO organisiert, um den Titel der besten Glaubensrichtung konkurrieren. Im Finale stehen drei Kandidaten: ein gewisser Peteroderpaulus Bakumba, der sich als "christlicher Animist" ausgibt, eine aufblasbare Sexpuppe mit sich führt und vor das Kreuz, das er auf dem Bauch trägt, ein Dollarzeichen genagelt hat; dann ein kopftuchtragendes androgynes Zwitterwesen namens Ahmed Ben Blumenfeld, das den neuen, offenbar fusionierten "jüdisch-muslimischen Glauben" in die Welt trägt; und der weiß gewandete Priester-Guru Charles Olé-Olé, der uns erzählt, er sei "die Brise" und Buddha sei "Frieden und Erhabenheit", der in Wahrheit aber nur den Frauen an die Wäsche will.

    Das alles ist mäßig lustig und wird von dem schwarzen Showmaster Samuel Wilsi, der in einem kanariengelben Anzug steckt, und einer Michelle-Hunziker-artigen Assistentin moderiert. Es ist wie immer am Samstagabend: der Showmaster macht dröhnende Witze, die Assistentin ist hübsch und dumm. Zum Glück mischt sich Gottes Eheweib in das Geschehen ein und versöhnt die drei Kandidaten, was begünstigt wird durch die Erklärung des buddhistischen Gurus, er glaube nicht an Gott, aber an Gottes Frau. Aber schon beim gemeinsamen Bauchtanz der drei Weltreligionen kommt es wieder zum Streit: "du tanzt nicht, wie es sein sollte", kritisiert die jüdisch-muslimische Funktionärin.

    Man mag sich fragen, ob mit so kruden Mitteln ein so ernstes Thema zu verhandeln ist. Rein theatralisch ist das, vorsichtig gesagt, nicht sehr gelungen. Wichtiger aber ist eine ganz andere Einsicht: sobald man das europäische schlechte Gewissen ablegt, kann man über Religion ganz unbefangen reden. Der schwarze Showmaster darf alles. Lessings Ringparabel kommt bei Samuel Wilsi übrigens in Form von drei Hula-Hoop-Reifen vor. Und Lessings Diktum, keine Religion sei die richtige, heißt bei Wilsi offenbar auch, dass wir gar keine Religion brauchen.