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StartseiteForschung aktuellSauer ist nicht lustig14.11.2013

Sauer ist nicht lustig

Die Erde im Schwitzkasten 6: Ozeanversauerung

Ozeanographie. - Die Treibhausgase, die der Mensch in die Luft bläst, verändern nicht nur die Atmosphäre. Auch die Weltmeere werden durch das Kohlendioxid zunehmend beeinträchtigt. Im Wasser gelöst wirkt es als Kohlensäure und das setzt allen Organismen zu, die auf Kalk angewiesen sind.

Von Volker Mrasek

Kalkalgen gehören zu den Opfern der Ozeanversauerung. (AWI, Gerald Langer)
Kalkalgen gehören zu den Opfern der Ozeanversauerung. (AWI, Gerald Langer)

Es ist ein schleichender Prozess. Aber er dauert schon eine ganze Weile: Das Meer schluckt ständig einen Teil des Kohlendioxids, das Kraftwerke, Industrieanlagen und Autos in die Luft blasen. Und zwar ein gutes Viertel. Das hat einen positiven und einen negativen Effekt. Zum einen mildert es die Erwärmung der Atmosphäre durch das Treibhausgas. Zum anderen bringt es die Chemie des Ozeans gehörig durcheinander. Das Meer werde immer saurer, beklagt der US-Ozeanograph Richard Feely vom Nationalen Labor für Meeresumwelt im Pazifik in Seattle:

"Das Thema Meeresversauerung ist noch ziemlich jung. Uns war lange nicht bewusst, wie ernst dieses Problem ist. Seit Beginn der Industrialisierung ist der Säuregrad des Meerwassers um rund 30 Prozent gestiegen – eine ausgesprochen starke Veränderung."

Aus CO2 und Wasser bildet sich im Ozean Kohlensäure. Dadurch versauert das Meer peu à peu, der sogenannte pH-Wert des Wassers fällt. Zu einem Problem wird das für all jene marinen Organismen, die ein Kalkgehäuse besitzen oder auch ein Kalkskelett - also Korallen, Krebse und Seesterne, aber auch viele Schnecken- und Muschel-Arten. Ihnen droht ein Baustoff-Mangel. Der Biogeochemiker Scott Doney vom Woods-Hole-Institut für Ozeanographie in den USA:

"Meeresorganismen, die Schalen aus Kalk aufbauen, brauchen Karbonat-Ionen. Das ist eine im Meerwasser gelöste Form von Kohlenstoff. Wird das Wasser saurer, geht sein Karbonat-Gehalt aber zurück. Das ist ein Grund, warum uns die Versauerung der Ozeane solche Sorgen bereitet."

Daß die Sorgen der Meeresforscher nicht unbegründet sind, zeigt sich schon heute. Zum Beispiel an der Pazifikküste der USA. Doney:

"Vor der Küste der Bundesstaaten Oregon und Washington gibt es bedeutende Austernzuchten. Dort werden die Larven aufgezogen, bevor man sie später als ältere Tiere in Buchten und Flussmündungen aussetzt. In den letzten Jahren gab es starke Ausfälle in den Austernzuchten. Alle Larven gingen dabei zugrunde. Und man konnte zeigen: Die Ursache sind chemische Veränderungen infolge der Ozeanversauerung. Ein Betrieb hat inzwischen seinen Standort gewechselt. Er zieht die Austern-Babies jetzt auf Hawaii auf und läßt sie dann wieder einfliegen."

Nicht nur Austern sind durch fallende pH-Werte im Ozean bedroht. Das überlebenswichtige Karbonat könnte auch dem Meeresplankton ausgehen. Dabei handelt es sich zwar um winzig kleine Organismen. Doch ihr Verlust würde große Löcher ins marine Nahrungsnetz reißen, wie Richard Feely fürchtet:

"Das hätte weitreichende Konsequenzen. Denn viele Plankton-Vertreter sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für Speisefische wie Lachs, Hering und Dorsch."

Scott Doney denkt auch noch an andere prominente Bewohner der Weltmeere:

"Eine der größten Bedrohungen durch die Ozeanversauerung sehen wir für tropische Korallenriffe. Ihnen macht nämlich zusätzlich die Erwärmung des Meerwassers zu schaffen. In unseren Modellsimulationen sehen wir, daß sich der Zustand der tropischen Korallenriffe bei fortschreitender Erwärmung bis zur Jahrhundertmitte stark verschlechtert."

So lange sich Kohlendioxid weiter in der Atmosphäre anhäuft, so lange werden auch enorme Mengen des Treibhausgases ihren Weg in den Ozean finden - und ihn noch saurer werden lassen. Gemessen an der Zeit, die die natürliche Evolution beansprucht, vollzieht sich der globale Wandel im Moment rasend schnell. Sein Tempo könnte viele Arten in ihrer Anpassungsfähigkeit überfordern, warnt Victoria Fabry, Biologie-Professorin an der Staatsuniversität Kalifornien in San Marcos:

"Eine einzellige Meeresalge, die sich jeden Tag teilt, hat vielleicht gute Chancen, sich genetisch anzupassen. Aber schon bei kleinen Plankton-Schnecken in kalten, hohen Breiten sieht die Sache anders aus. Bei ihnen kann die Reproduktion über ein Jahr dauern. Daher ist es viel schwerer für sie, sich auf die Versauerung einzustellen."

Der Ozean hilft uns im Kampf gegen die Klimaerwärmung, indem er beständig enorme Mengen CO2 bunkert. Aber er zahlt einen Preis dafür, und der könnte hoch sein: der Verlust von wichtigen Arten im größten zusammenhängenden Ökosystem der Erde.

Hinweis: Die ist der sechste Teil der Sendereihe Die Erde im Schwitzkasten.

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