Montag, 05. Dezember 2022

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Sauger auf dem Vormarsch

Medizin. - Der milde Winter lässt die Pollen schon fliegen. Doch nicht allein die Flora ist zeitig aktiv, auch die Fauna. Schon tauchen die ersten Warnungen vor Zecken auf. Auch wenn die Forscher diesen extrem milden Winter nicht ahnen konnten, als sie vor zwei Jahren das Thema für das IX. Internationale Jena-Symposium zu zeckenübertragbaren Krankheiten wählten, es passt perfekt: Klimawandel und zeckenübertragbare Krankheiten. Diskutiert wird auf der Tagung über Möglichkeiten einer Zeckengefahrvorhersage.

Von Hartmut Schade | 16.03.2007

    Als Frühsommer–Meningoenzephalitis bezeichnen Mediziner die durch Zecken übertragene Form der Hirnhautentzündung. Frühsommer - die Zeitangabe dürfte bald überholt sein. Denn die Frühsommer–Meningoenzephalitis, kurz FSME, tritt nicht allein zu Beginn der warmen Jahreszeit auf, sagt Dr. Jochen Süß vom Jenaer Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

    "Die tschechischen Kollegen haben 2006 über 1000 Erkrankungen registriert. Und das Verblüffende war, das etwa 500 Erkrankungen im letzten Drittel des Jahres 2006 zu Buche geschlagen sind. Und das ist ja eine Zeit, wo wir eigentlich kaum oder nur Einzelfälle an FSME beobachten, bisher."

    Aber die Indizien lassen befürchten, es bleiben keine Einzelfälle. Rund um Berlin waren in diesem Winter die Zecken sogar von Oktober bis Januar unterwegs, obwohl das normalerweise ihre Zeit der Winterruhe ist. Aktiv wird der Gemeine Holzbock, die in Deutschland mit großem Abstand häufigste Zeckenart, erst bei Bodentemperaturen über sieben Grad Celsius und einer Luftfeuchte von mehr als 85 Prozent. Dann geht er auf Wirtssuche. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Zecken dabei immer neue Lebensräume erobert.

    "Die Zecken machen sich seit 30 Jahren vermehrt bemerkbar, seit etwa 30 Jahren haben wir einen sehr starken Anstieg der Temperatur. Das geht wirklich parallel, wir würden sagen hochkorreliert einher","

    sagt Professor Friedrich Wilhelm Gerstengarbe von Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Klimaforscher und Zeckenspezialisten wollen künftig ihr Wissen bündeln, um vorauszusagen, wie sich die Zeckenpopulationen entwickeln, welche Regionen besonders gefährdet sind. Gerstengarbe:

    ""Also wenn zum Beispiel in Brandenburg im Sommer die Trockenheit sehr groß würde, dann wäre die Zeckengefahr dort sicher gering, dafür vielleicht dafür im Frühjahr mehr, weil dort mehr Niederschlag fällt, so wie wir das jetzt abschätzen können. Der Südwesten Deutschlands hat 300 bis 400 Millimeter mehr Niederschlag innerhalb der letzten 50 Jahre lang in der Jahressumme gehabt als in dem Zeitraum davor. Das hat natürlich Auswirkung. Da ist die Luftfeuchte ständig über 85 Prozent und der Krankheitsbefall nimmt natürlich zu, wenn dann auch noch die Temperatur entsprechend hoch ist. Und dies, was ich gerade geschildert habe für den Südwesten, zieht sich nach Norden hin, breitet sich das aus, vom Klima her. Die Frage ist: Wie wird sich die Zecke ausbreiten? Wandert die mit, wandert die nicht mit?"

    In Deutschland fehlen exakte Wanderdaten der blutliebenden Sauger. Aber Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, die Zecke wandert mit. In Schweden ist sie von der südschwedischen Küste ins Landesinnere vorgedrungen, sie tauchte im bislang zeckenfreien Norwegen auf und finnische Wissenschaftler entdeckten die ersten Exemplare nur 200 Kilometer von Polarkreis entfernt. Kaum anzunehmen, dass sich die Zecken hierzulande anders verhalten. Das Fatale dabei: Stimmt die Prognose der Klimaforscher, dann breitet sich mit der südwestdeutschen Holzbockpopulation gerade diejenige aus, die neben der Borreliose auch die FSME überträgt. Allerdings bedeutet nicht jeder Biss automatisch eine Infektion. Nur ein bis fünf Prozent aller Blutsauger tragen das FSME-Virus in sich. Die Borreliose-Bakterien finden sich zwar bei fünf bis 50 Prozent aller Zecken, aber bis sie in die Blutbahn gelangen, dauert es wenigstens zwölf Stunden. Trotzdem erkranken in Deutschland schätzungsweise 50.000 Menschen an Borreliose und die Zahl der FSME-Fälle hat sich in den letzten zwei Jahren auf über 500 verdoppelt. Süß:

    "Wenn man weiß, welche Gebiete gefährdet sind und jetzt sieht, welche Witterung sich im Winter abzeichnet, könnte man schon im voraus warnen, bitte liebe Bevölkerung macht eine Schutzimpfung. In diesem Sommer wird es verstärkt zum Auftreten von Zecken kommen in eurer Region. So wie es bei Grippeschutzimpfung eigentlich schon üblich ist. So was brauchen wir letztendlich dann als Ergebnis."

    Geimpft werden kann allerdings nur gegen die FSME, nicht gegen die Borreliose. Auch wenn noch nicht alle Daten hieb und stichfest sind: Dieser Winter ist ein Favorit für eine solche Warnung.