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StartseiteSport am Wochenende"Wir sind begeistert vom Konzept des langsamen Fernsehens"17.11.2018

Schach-WM"Wir sind begeistert vom Konzept des langsamen Fernsehens"

Die Schach-WM verfolgen in Norwegen rund eine Million Menschen vor dem Fernseher. Das liege zum einen an Nationalheld Magnus Carlsen, zum anderen aber auch am Konzept, sagte der Schach-Experte Atle Gronn im Dlf. Eine Mischung aus Experten und Entertainern im Studio mache die WM zu einem speziellen TV-Event.

Atle Gronn im Gespräch mit Matthias Friebe

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181109 Fabiano Caruana of USA and Magnus Carlsen of Norway during round 1 of The FIDE World Chess Championship 2018 on November 9, 2018 in London. Photo: Fredrik Varfjell / BILDBYRAN / kod FV / 150157 PUBLICATIONxNOTxINxDENxNORxSWExFINxAUT Copyright: FREDRIKxVARFJELL BB181109FV003  (imago sportfotodienst)
Gegner auf Augenhöhe: Fabiano Caruana und Magnus Carlsen bei der WM in London (imago sportfotodienst)
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Matthias Friebe: Sehen Sie als Experte Unterschiende, die für oder gegen Carlsen oder Caruana sprechen?

Atle Gronn: Das macht es so aufregend. Zum ersten Mal in Magnus Carlsens Karriere hat er einen Gegner, der mehr oder weniger auf dem selben Niveau ist. Das ist also sehr unvorhersehbar, wer gewinnen wird. Das Level des Schachs, das sie spielen, ist extrem hoch. Beide Spieler spielen unglaubliches Schach. Ich würde sagen, es ist unmöglich zu raten, wer gewinnen wird. In Norwegen denken die meisten, dass Magnus Carlsen gewinnen wird. Aber objektiv denke ich, dass Fabiano Caruana mindestens genauso gute Chancen wie Magnus hat.

Friebe: Magnus Carlsen scheint nicht besonders zufrieden mit seinem eigenen Spiel bei dieser Weltmeisterschaft zu sein. Können sie das nachvollziehen?

"Mehr als eine Million Norweger verfolgen das Spiel"

Gronn: Es geht auf und ab. Allerdings hat er aber auch großartiges Schach gespielt. Ich finde nicht, dass es Gründe gibt, besonders unzufrieden zu sein. Aber natürlich hat es dieses auf und ab gegeben, besonders im ersten Spiel. Er hatte sehr realistische Chancen, das zu gewinnen. Und er hat das Spiel ruiniert. Das war nicht gut. Aber in den letzten beiden Spielen hat er gewaltiges Kampf-Schach gezeigt. Es war sehr aufregend für die Zuschauer. Hier in Norwegen sind die Leute jetzt ganz verrückt nach dieser Begegnung. Mehr als eine Million Norweger verfolgen das Spiel. Für ein kleines Land wie Norwegen mit nur fünf Millionen Menschen ist das ziemlich viel.

Friebe: Können Sie das vielleicht erklären? Was sind die Besonderheiten an dieser Begegnung, die sie für die Menschen so aufregend macht?

Gronn: Magnus Carlsen ist in Norwegen ein Nationalheld. Er ist einer der größten Sporthelden aller Zeiten in Norwegen. Wir sind begeistert vom Konzept des langsamen Fernsehens. Die Spiele werden im Fernsehen gezeigt, und zum Beispiel gestern dauerte das Spiel sieben Stunden. Und die Leute gucken sich das im nationalen Fernsehen sieben Stunden lang an.

Friebe: Wie schafft man es, sieben Stunden Schach im Fernsehen so zu senden, dass alle begeistert sind?

"Prominente fragen die dummen Fragen"

Gronn: Das ist eine gute Frage. Und ich glaube, wir haben es nur in Norwegen geschafft, ein Format dafür zu finden. Der Mensch, der sich dieses Format ausgedacht hat, war einer der Hauptentwickler und -produzenten hinter den Biathlon-Übertragungen. Er hatte ein paar brillante Ideen für Schach. Es ist schwer zu erklären, aber eine davon ist, dass man ein Panel von Leuten im Studio braucht, die es schaffen, das ganze auf einem sehr einfachen Level zu halten.

Aber man braucht außerdem Experten und großartige Persönlichkeiten wie Comedians oder Schauspieler und solche Leute. Die Prominenten im Studio spielen die Rolle der normalen Zuschauer. Sie sind keine Schachspieler, sondern fragen die dummen Fragen.

Friebe: Dann lassen sie uns zum Spiel zurückkommen und noch mehr dumme Fragen hier aus Deutschland stellen. Sind sie vom aggressiven Auftritt von Fabiano Caruana überrascht?

Gronn: Nein, das überrascht mich nicht. Im letzten Jahr hat er das beste Schach der Welt gespielt. Und er ist bekannt dafür, ein recht aggressiver Spieler zu sein. Er ist ein sehr guter Berechner. Seine Berechnungsfähigkeiten sind eindrucksvoll. Das zeigt er jetzt. Magnus Carlsen auf der anderen Seite hat das beste Gefühl für das Spiel. Vielleicht das beste Gefühl und die beste Intuition in der Geschichte des Schachs.

Es ist also wirklich ein Aufeinanderprallen von Persönlichkeiten. Berechnender Stil oder forcierender Stil von Caruana und der mehr auf Positionen und Intuition beruhende Stil von Carlsen. Und das macht die Begegnung auch sehr interessant, weil man da oben wirklich diese beiden Persönlichkeiten sieht.

Begeisterung für Genie Carlsen

Friebe: Sie haben gesagt, dass Magnus Carlsen in Norwegen ein echter Superstar ist. Was macht ihn so besonders?

Gronn: Er hat das, was wir den X-Faktor nennen. Dieser zusätzliche Faktor, der ihn besonders macht. Das ist schwer zu definieren. Er ist natürlich ein Genie. Aber wir verstehen nicht wirklich, was diese Genialität ausmacht. Ich glaube, dass das Konzept "Genie" ohnehin nicht wirklich gut definiert ist. Und das macht es sehr faszinierend. Die Leute verstehen, dass er der Beste auf der Welt ist, also ein wahres Genie. Und davon sind Menschen schon immer fasziniert. Und wir wissen einfach nicht wirklich, was das ist.

Andererseits sieht er ziemlich gut aus. Er ist ziemlich lustig. Er ist ein guter Sportler, gut beim Fußball oder Ski - Sachen, die Norweger mögen. Also ist er auch ein ganz normaler Typ. Aber er hat eben diese Genialität, wenn es um Schach geht. Das macht ihn sehr rätselhaft für die Norweger. Und von dieser Geschichte sind wir fasziniert: "Wie kann ein Norweger der beste Schachspieler der Welt werden?"

Schach sollte von den Russen und den Chinesen und den Indern und den Amerikanern dominiert werden – die großen Länder. Und plötzlich haben wir diesen norwegischen Typen, der aus dem Nichts kommt. Er hat kein formales Training im Schach, wie die Russen. Und trotzdem wird er der Beste. Dieses reine Genie aus dem Nichts ist wirklich faszinierend.

Friebe: Was ist ihre Erwartung? Wird das erste gewonnene Spiel von Carlsen oder Caruana das entscheidende Spiel sein?

Gronn: Es ist möglich, dass das erste gewonnene Spiel die Begegnung jetzt entscheidet, denn wir nähern uns dem Ende. Es ist etwas überraschend, dass wir all diese Unentschieden haben. Caruana war gestern sehr knapp davor, den ersten Sieg zu holen. Der erste Sieg kann jeden Tag kommen. Deshalb sind diese Unentschieden auch nicht wirklich langweilig. Denn mit den Unentschieden bleibt auch die Spannung.

Und die Spannung wird mit jedem Unentschieden größer. Wir warten also auf den ersten Sieg. Ich glaube er kommt morgen oder übermorgen. Aber man weiß nie. Diese Ungewissheit verstärkt nur die Spannung. Und ich denke, es verstärkt auch die Faszination für die Begegnung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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