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Schacht voller Probleme

Geologie. - Im alten Salzbergwerk Asse II in Niedersachsen sind seit 1967 radioaktive Abfälle gelagert. In letzter Zeit geriet das Lager in die Schlagzeilen. weil das Gebirge instabil zu werden droht. Doch darüber, wie das zu verhindern ist, gehen die Meinungen auseinander.

Von Björn Schwentker | 11.12.2008

Im Schacht Asse II. Unterwegs unter Tage, 500 Meter unter der Erdoberfläche. Der Wagen fährt durch die breiten Tunnel im Steinsalz, rechts und links liegen Kammern. In einigen davon lagert radioaktiver Abfall. Ob er hier sicher ist, und wie das Bergwerk umgebaut und verschlossen werden müsste, damit davon auch in 100.000 Jahren nichts in die Biosphäre gelangt, darum gibt es derzeit erbitterte Diskussionen. Doch die Zeit läuft davon. Die Asse könnte schon bald einstürzen. Annette Parlitz vom Helmholtzzentrum München, das die Schachtanlage hier in Niedersachsen betreibt, bleibt vor einem Loch in der Tunnelwand stehen. Die Öffnung zu einem Seitengang wird von zerbröckelnden Säulen gestützt.

"Man hat hier so genannte Bullflex-Pfeiler genommen. Das sind solche Gewebesäcke, die man mit Beton gefüllt hat. Sie sehen, dass dieser Pfeiler zerplatzt wie ein Apfel, der vom Tisch runterfällt, durch die enorme Last, die hier aufgetragen ist. Sie sehen hier diese Stahlträger, die einfach gerissen oder gebogen sind und nachgeschweißt werden mussten."

Tausende Tonnen Gebirgsgestein drücken die gut 130 Kammern ebenso zusammen wie Gänge und Stollen. Sechs Meter dick sind die Zwischendecken aus Steinsalz, die die verschiedenen Etagen des Grubengebäudes voneinander trennen. Die Etagen selbst sind durch alte Abbaukammern ausgehöhlt. Nur die Wände dazwischen blieben stehen. Diese so genannten "Pfeiler" tragen jetzt den ganzen Berg. An einigen Stellen klaffen bereits große Risse. Parlitz:

"Sie sehen, Sie können den Zollstock fast zwei Meter weit reinschieben, der Pfeiler blättert sich auf wie Blätterteig."

Die große Angst: Das ganze Grubengebäude könnte auf einmal in sich zusammenbrechen. Wasser könnte eindringen und irgendwann radioaktives Material ans Tageslicht pressen. Dass der Berg kollabieren wird, gilt als sicher. Nur wann, ist unklar. Wenn es zu früh passiert, bliebe nicht genug Zeit, um die radioaktiven Abfälle im Berg vor einfließendem Wasser zu schützen – oder vielleicht wieder herauszuholen. Das dauert Jahre. Eine Studie im Auftrag des Bundesforschungsministeriums macht jetzt Vorschläge, wie man die Asse stabilisieren könnte: Indem man ihre Hohlräume stopft. Das Problem sind die alten Abbaukammern. Sie wurden zwar schon vor Jahren mit Salz vollgeblasen, das den Gebirgsdruck mit tragen sollte. Doch das Granulat ist in sich zusammengesackt. Zwischen Salzfüllung und der Decke der Kammern haben sich große Spalte gebildet. Diese Löcher sollen nun mit Spezialbeton gefüllt werden, damit der Berg nicht weiter einsackt.

"Man könnte sofort beginnen, wenn diese entsprechende Baumaßnahme freigegeben wird. Das ist ja alles im Augenblick ein bisschen kompliziert."

Rolf Bertram, emeritierter Professor für Chemie, ist einer der Wissenschaftler, die die Bürgerbewegungen aus dem Asse-Gebiet benannt haben, um die Vorgänge im Bergwerk kritisch zu begleiten. Gerade, sagt Bertram, sei die Lage besonders schwierig. Ab Januar 2009 wird die Grube nicht mehr vom Helmholtzzentrum, sondern vom Bundesamt für Strahlenschutz betrieben. Ab dann gelten nicht mehr die vergleichsweise laxen Regeln des Bergrechtes, sondern die des strengeren Atomrechts. Und das schreibt vor, dass jede Baumaßnahme langwierig beantragt wird. Auch wenn sie der Stabilisierung dient.

"Sodass die eigentliche Zeitverzögerung in erster Linie auf der Genehmigungsseite liegt. Die technischen Maßnahmen könnten meines Erachtens ab sofort beginnen."

Um die Methode zu testen, sollte man sofort in einer Kammer damit beginnen, fordert Bertram. Doch bisher tut sich nichts. Man wolle, heißt es offiziell, erst das Ergebnis von Computersimulationen abwarten, die zeigen sollen, wie stabil der Berg durch die neuen Maßnahmen wird. Ein aussichtsloses Unterfangen, das Zeit vergeude, glaubt Rolf Bertram.

"Das sind so hilflose Versuche, die für mich schon so ein bisschen in Aktionismus hineinmünden, nach dem Motto: Man tut was, und jetzt haben wir wieder eine neue Studie vergeben, und wir tun ja was – aber daraus diese Schlüsse zu ziehen, wenn ich diese dreidimensionale Modellierung habe, dann habe ich es in der Hand, das ist ein Trugschluss."