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Schäden in Milliardenhöhe

Er begann als Praktikant, arbeitete sich hoch, verdiente irgendwann 750.000 Euro pro Jahr. Kweku Adoboli wurde im letzten Jahr zu einem der berühmtesten Investmentbanker der Welt – in negativem Sinne. Vor fast genau zwölf Monaten wurde der Mitarbeiter der UBS-Bank in London festgenommen. Nun steht er vor Gericht.

Von Jochen Spengler | 10.09.2012

    Es ist einer der größten Fälle von mutmaßlichem Bankbetrug in Großbritannien. Verantwortlich dafür soll Kweku Adoboli sein, ein 32-jähriger Investmentbanker – geschätztes Jahreseinkommen inklusive Bonus – rund 750.000 Euro. In Ghana geboren, ging der Diplomatensohn in Großbritannien zur Schule und begann im Jahr 2002 als Praktikant bei der Schweizer Großbank UBS. Später arbeitete er in der Londoner UBS-Niederlassung im Investment Banking. Delta One hieß seine fünfköpfige Händlergruppe. Am 15. September 2011 wurde Adoboli nachts um drei an seinem Büroschreibtisch verhaftet und der Polizeikommandant Ian Dyson erklärte:

    "”He was taken to City of London police station for questioning and he remains in custody while detectives continue to investigate the matter.”"

    Erst Anfang Juni wurde Kweku Adoboli nach neun Monaten auf Kaution und mit elektronischer Fußfessel aus der Untersuchungshaft entlassen.

    Heute Vormittag hat der auf acht Wochen anberaumte Strafprozess vor dem Londoner Southwark Krongericht begonnen. Die Anklagepunkte lauten Betrug und Bilanzfälschung. Adoboli habe der Bank durch nicht genehmigte Handelsgeschäfte Verluste von 2,3 Milliarden Dollar beschert. Im Fall einer Verurteilung droht ihm eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Der junge Schwarze erschien in Begleitung seines Anwalts lächelnd, aber ohne Kommentar. Vor Gericht, in dem es zunächst um Verfahrensfragen ging, plädiert er auf nicht schuldig und die Grundfrage, die die zwölf Geschworenen werden beantworten müssen lautet: ist Kweku Adoboli ein Krimineller oder ein Opfer des Finanzsystems, das die Banker zu immer riskanteren Geschäften verleitet – sie womöglich sogar verlangt.

    Adoboli soll mit Wetten auf unterschiedliche Aktienindizes spekuliert und dabei die Risikolimits überschritten haben. Verluste habe er vertuscht mit fiktiven Absicherungsgeschäften. Unklar ist, wieso UBS-Kontrolleure ihm erst nach drei Jahren auf die Schliche kamen und Vorgesetzte lange nichts von dem Milliardenverlust bemerkt haben wollen:

    ""Es ist nicht unmöglich und man kann solche Vorfälle nicht völlig verhindern. Aber es ist schon schwer sich vorzustellen, dass dies jetzt in einer Zeit passiert, wo soviel Wert auf bessere Regulierung gelegt wird","

    sagt Richard Reid vom Internationalen Zentrum für Finanzregulierung. Und der Fall Adoboli ist beileibe kein Einzelfall - erst vor zwei Wochen wurden drei Ex-UBS-Mitarbeiter in den USA wegen Betrugs verurteilt.

    Nach der Aufdeckung des Milliardenverlusts vor einem Jahr hat UBS die internen Kontrollen verschärft. Zwei Chefs des globalen Aktienhandels mussten den Hut nehmen und UBS-Vorstandsvorsitzender Oswald Grübel zurück.

    Die Schweizer fürchten jetzt einen weiteren Ansehensverlust durch die im Prozess zu erwartende Aufdeckung der Unternehmenskultur und -Abläufe en Detail. Das machte der jetzige UBS-Vorstandschef Sergio Ermotti in einer E-Mail an die Mitarbeiter deutlich. Ermotti drängte sie, öffentliche Kommentare zum Fall zu vermeiden und ermahnte zur Wachsamkeit. Wörtlich schrieb er: "Wir dürfen nie vergessen, dass unser Ansehen wichtiger ist als alles andere."