Donnerstag, 19. Mai 2022

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Schauspiel im Hotel
Heute Shakespeare, morgen James Bond

Schauspielabsolventen haben es schwer: Theater müssen sparen, TV- und Film-Engagements sind selten und die Konkurrenz ist groß. Eine mögliche Alternative zur großen Bühne bieten Klub-Hotels. Der Vorteil: Die allabendlichen Shows bieten finanzielle Sicherheit und jede Menge Abwechslung.

Von Bernd Sobolla | 19.06.2014

Blick auf einen geschlossenen Theatervorhang.
Klub-Hotels bieten Schauspielern und Entertainern eine sichere Einnahmequelle. (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)
Julia Schlierenkamp und Arvin Assarsson sind ganz in ihrem Element: Endlich können sie fast täglich auftreten, tanzen und singen. Und das Ganze auch noch vor einem großen Publikum. Julia ist 26 Jahre alt, sie kommt ursprünglich aus Freiburg und hat im letzten Jahr in Hamburg an der "Stage Art Musical School" eine Ausbildung zur Musical-Darstellerin abgeschlossen. Nach einigen ergebnislosen Castings, hat sie in Alidiana-Zypern den Sprung auf die Bühne geschafft.
"Ich habe das im Internet gesehen, dass die Musical-Darsteller, Live-Entertainer suchen. Und darunter habe ich mir natürlich vorgestellt, dass wir auf jeden Fall live singen werden, dass wir aber auch im schauspielerischen Bereich, Komödien mitspielen werden. Aber das hauptsächlich der Gesang und der Tanz im Vordergrund steht, weil es für mich nach der Schule das erste Engagement ist, die erste Bühnenerfahrung, die ich sammel."
Meist stehen sie nicht allein im Scheinwerferlicht, sondern sind Teil eines Ensembles, das aus bis zu 30 Animateuren besteht. Das Hotel bietet seinen Gästen ein Repertoire von zehn Shows, die sich nach zwei Wochen wiederholen: Komödien von Molière oder Shakespeare; Musicals, zum Teil mit Play-back, bis hin zu kompletten Liveshows, wie die Black Birds oder die James-Bond-Show.
"Mein Lieblingsprogramm, würde ich sagen, das ist James Bond. Ja. Sehr tolle Show. Ich bin ja James Bond, und ich mag den Charakter. Und ich finde die Tänze anspruchsvoll und die Lieder ist auch advanced sozusagen."
Der 24-jährige Arvid Assarson kommt aus Schweden und hat in Göteborg seine Ausbildung an der Ballett-Akademie absolviert. Doch in Schweden gibt es nur wenige Theater. Also kam er im letzten Jahr nach Berlin, lernte intensiv Deutsch, tingelte als Sänger und Klavierspieler durch Klubs und Pianobars und bewarb sich als Musical-Darsteller. Allerdings waren Arvid und Julia zwei von fast 180 Bewerben. 50 wurden zum Casting eingeladen und 20 schließlich engagiert. Die Live-Entertainer dürfen höchstens 28 Jahre alt sein und müssen eine abgeschlossene Ausbildung als Musical-Darsteller-Ausbildung vorweisen. Vor allem aber müssen sie auch belastbar sein und in der Lage, mit mehreren Regisseuren an verschiedenen Shows fast gleichzeitig zu arbeiten.
"Also zum Beispiel für "Herkules" war eine andere Regisseurin da, für "Taxi" war ein anderer Regisseur da. Man hat gar keine Zeit dazu darüber nachzudenken, wie finde ich jetzt den Regisseur oder hat er jetzt recht? Sollte man auch nicht, weil später im Theater wird es auch nicht anders sein. ... Muss man dann einfach annehmen und versuchen umzusetzen."
Für jedes knapp einstündiges Stück gibt es nur vier Wochen Probenzeit. Da neue Shows parallel zu den täglichen Auftritten einstudiert werden, sind Probezeiten zwischen Mitternacht und 2.00 Uhr morgens keine Ausnahme. Aber Julia Schlierenkamp sieht es pragmatisch.
"Also je mehr man gefordert ist, desto mehr macht das dann auch Spaß, ja."
Die größte Herausforderung aber wartet auf die Live-Entertainer noch. Nachdem sie sich jetzt ein halbes Jahr eingearbeitet haben, sollen sie auch die Leitung der Proben übernehmen. Denn die Regisseure verlassen nach der Premiere das Hotel, und alle Repertoire-Stücke werden am Nachmittag vor der Abendshow wiederholt. Da fühlen sich die Schauspieler schon mal wie bei der Adams Family.
"When you are an Adams, you need to have a sense of humor. When you´re an Adams, you need to have a taste for death."
Das Theater hat eigene Kostümschneider und Bühnenbauer, ein digitales 32-Kanäle-Mischpult, eine 100qm große Bühne und Shows vor bis zu 500 Zuschauern. Unter diesen Bedingungen macht den Live-Entertainer die äußert harte Arbeit Spaß. Vor allem wenn sie wie jetzt gefordert sind, Programme in Eigenverantwortung auf die Bühne zu stellen.
"Es ist auf jeden Fall sehr vielseitig. Jetzt zum Beispiel, Ende Juni, werde ich die Mutter Oberin in "Soul Sister" spielen. Da ist dann auch das schauspielerische Talent gefordert. Wir haben viele eigene Ideen auch, die wir machen wollen. Speziell gesanglich. Wir haben geplant, dass wir einen Musical-Gala-Abend machen. Wo wir einfach ein 30-minütiges Gesangsprogramm darstellen wollen. Es ist schon sehr abwechslungsreich, ja."