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StartseiteEssay und Diskurs"Schicksal ist kein blindes Verhängnis"07.07.2013

"Schicksal ist kein blindes Verhängnis"

Die unzeitgemäße Aktualität Max Horkheimers

Vor 40 Jahren starb der Sozialphilosoph Max Horkheimer, Vordenker der Kritischen Theorie und Mitbegründer der Frankfurter Schule. In seinen Hauptwerken ging es auch um das massenpsychologische Fundament faschistischer Diktaturen - vor dem Naziregime floh er selbst in die USA.

Von Kurt Lenk

Der Philosoph Max Horkheimer (AP Archiv)
Der Philosoph Max Horkheimer (AP Archiv)
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Die Schwierigkeit einer Darstellung der Kritischen Theorie ergibt sich daraus, dass es sich weder um ein philosophisches System noch gar um eine abgerundete Weltanschauung handelt. Sie ist, getreu der Aufklärungstradition, eher ein Konglomerat von Fragmenten, wie sie sich etwa auch in den Essays und Aphorismen Friedrich Nietzsches finden, mit dem die Kritische Theorie allerdings nur das Interesse an der psychologischen Interpretation gesellschaftlicher Verhältnisse verbindet.

Eine weitere Schwierigkeit resultiert aus dem Umstand, dass angesichts der sich wandelnden politischen und sozialen Verhältnisse während des Zeitraums von 1930 - als Max Horkheimer ein Frankfurter Ordinariat für Sozialphilosphie übernahm - bis zum Tode der Schlüsselfiguren Horkheimer und Adorno eine Reihe von gravierenden theoretischen Neuorientierungen erforderlich wurden. Die lebenslange Symbiose der beiden, dokumentiert durch das 1947 erschienene gemeinsame Werk "Dialektik der Aufklärung", ist schon insofern bemerkenswert, als es sich bei ihnen um recht unterschiedliche Charaktere handelt.

Im Gegensatz zu Adorno war der Stil der Horkheimerschen Arbeiten von einem nüchternen Realismus gekennzeichnet, der sich biografisch erklären lässt: Horkheimers Jugend begann mit einer mehrjährigen kaufmännischen Lehre; er blieb stets auf Realitätsnähe programmiert, im Unterschied zu Adorno, der in einer liebevollen Gemeinschaft von Frauen, von musikalisch bewanderten Tanten und einer Mutter, einer ehemaligen italienischen Koloratursängerin, aufwuchs. Deshalb wohl auch von früh an bei all seiner Gesellschaftskritik ein schier unerschütterliches Urvertrauen behielt. Frei nach Freud: Horkheimer steht für das Realitäts-, Adorno für das komplementäre Lustprinzip. Zumindest wussten beide stets, was sie einander zu verdanken hatten.

Auch hinsichtlich ihrer Wirkungen zeichnen sich Differenzen zwischen den beiden Protagonisten deutlich ab: Während Adornos vielfältige - nicht zuletzt auch die moderne Literatur- und Musiktheorie umspannenden - Arbeiten bis heute eine weltweite Rezeption erfahren haben, kann mit Blick auf Horkheimer Vergleichbares kaum behauptet werden. Zwar war er der unbestrittene Begründer und Organisator eines Kreises hervorragender Wissenschaftler, doch blieb sein eigenes Forschungsfeld im Wesentlichen auf Sozialphilosophie und Soziologie beschränkt.

Die bei nicht wenigen linken Intellektuellen noch in den 20er-Jahren virulente Hoffnung auf eine revolutionäre Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft durch eine klassenbewusste Arbeiterschaft war spätestens mit dem Sieg des Nationalsozialismus so gut wie gänzlich geschwunden, sodass die Kritische Theorie ihre Adressaten von da an nur mehr in Gruppierungen gesellschaftskritischer Intellektueller - als "Flaschenpost" - sehen konnte.

In der später Frankfurter Schule genannten Theorie gewann nun die Kritik einer universell dominanten "verwalteten Welt" - mit ihren Komponenten einer "instrumentellen Vernunft" und der dazu komplementären Kultur- und Vergnügungsindustrie - die Oberhand. Von diesem Ansatz her blieb konsequenterweise für die utopischen Hoffnungen der 68er-Bewegung nur wenig Raum. Sahen doch Horkheimer und Adorno in der bundesrepublikanischen Gesellschaft noch keine stabile Ordnung, sodass sie befürchten mussten, dass studentische Gewaltaktionen nur die Gefahr eines Rückfalls in ein autoritär-neofaschistisches Klima heraufbeschwören könnten.

Zumindest bewahrt Horkheimer der eigene skeptisch-nüchterne Blick auf die Geschichte als einer Abfolge von Katastrophen vor einer allzu optimistischen Anthropologie. Die kapitalistischen Verhältnisse mit ihren vergleichbar subtilen Formen der Herrschaft waren ihm zufolge längst zu einem Ferment auch des individuellen Verhaltens der überwiegenden Mehrheit geronnen, sodass Herrschaft nicht bloß als ein Zwang von außen, sondern zugleich als habitualisiertes kollektives Verhalten selbst gelten konnte.

Hinter der an Hegel und Marx orientierten Gesellschaftstheorie stand bei Horkheimer von früh an ein an Schopenhauers Weltbild orientierter theoretischer Pessimismus, von dem her sich utopisches Ausgreifen in ein wie immer konstruiertes "Reich der Freiheit" verbot.

In seinen letzten Lebensjahren beschwor Horkheimer eine "Sehnsucht nach dem ganz Anderen", worin er den wahren Kern allen religiösen Glaubens sehen wollte. Gemeint ist damit das Unabgegoltene in der menschlichen Geschichte, das nur durch gedankliches Überschreiten der je gegebenen Wirklichkeit aufscheinen kann.

Es war Horkheimer, der in der ausgehenden Weimarer Republik früh schon die drohende Gefahr für alle Formen marxistisch belehrter Gesellschaftskritik erkannte und demgemäß seine erzwungene Emigration des Jahres 1933 bereits vorbereitet hatte. Den letzten Ausschlag für dieses sensible Gespür lieferte eine Anfang der 30er-Jahre von Erich Fromm geleitete empirische Untersuchung über die wirkliche innere Verfassung der nach außen hin noch republiktreuen Gewerkschaften.

Sie offenbarte nämlich, dass das in ihnen durchwegs autoritäre und ganz auf Defensive eingestellte Bewusstsein nicht erwarten ließ, dass bei einem Generalangriff der seit Ende 1930 auch im Reichstag erfolgreichen NSDAP auf die Republik von der organisierten Weimarer Arbeiterschaft noch ein nennenswerter Widerstand erfolgen könnte. Einzig KPD und SPD boten der drohenden NS-Bewegung Paroli, doch sie waren längst zu schwach und untereinander feindselig gestimmt, um den Gang der Dinge zu verhindern.

Horkheimer gelang es schließlich, durch ein großzügiges Angebot der Columbia University mit einem neuen Forschungsinstitut in den Vereinigten Staaten Fuß zu fassen: Eine Schenkung, die der damals knapp 40-jährige Soziologe nie vergessen sollte. Noch in Zeiten des Vietnamkrieges der USA erinnerte der nach wie vor seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufrechterhaltende Horkheimer sich dieser ihm einst gewährten Chance.

In der Emigration entfaltete der Kreis um Horkheimer - zu ihnen gehörten vor allem Leo Löwenthal, Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Franz Neumann und Friedrich Pollock - eine vielfältige Forschungstätigkeit, die sich auch in der berühmt gewordenen "Zeitschrift für Sozialforschung" von 1932 bis 1940 niederschlug, in der Empirie und Theorie auf eine bis dahin kaum bekannte Weise produktiv vermittelt wurde. Das Institut Horkheimers galt binnen Kurzem als eine effiziente und inspirierende Forschungsstätte, die auch vielen jüngeren amerikanischen Kollegen eine wissenschaftliche Plattform bot. Zudem bekamen zu Beginn der 40er-Jahre Herbert Marcuse und Franz Neumann Gelegenheit, an der Planung der amerikanischen Kriegsführung mitzuarbeiten.

Als Ertrag ihrer Emigrationszeit können einige Untersuchungen gelten, die bahnbrechend auch für die nachfolgende Soziologie geworden sind. Dazu zählen neben der "Dialektik der Aufklärung" von 1947 die in fünf Bänden erschienenen "Studies in Prejudice", zu denen unter anderem die "The Authoritarian Personality" von Adorno aus dem Jahre 1949 gehört. In diesen Arbeiten geht es vor allem auch um das massenpsychologische Fundament faschistischer Diktaturen, wie auch schon in der vorangehenden großen Untersuchung "Studien über Autorität und Familie" (1936). Ein Großteil ihrer späteren Analysen der Entstehungsbedingungen kollektiver Mythen, Vorurteile und Aggressionen, speziell der fatalen Anfälligkeit kleinbürgerlicher und deklassierter Massen für faschistische Propaganda, geht auf diese Forschungsprojekte zurück.

Im Jahre 1949 berief die Universität Frankfurt Horkheimer zurück auf einen Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie und ermöglichte damit die 1950 erfolgte Wiedererrichtung des Instituts für Sozialforschung im Nachkriegsdeutschland. Während im selben Jahr auch Adorno seine Tätigkeit am Frankfurter Institut wieder aufnehmen konnte, blieb die überwiegende Mehrzahl der Institutsangehörigen in den Vereinigten Staaten. Außer Friedrich Pollock hat keiner der ehedem Exilierten in den folgenden Jahren im Frankfurter Institut mehr als eine Gastrolle gegeben.

Weit mehr als Adorno verstand Horkheimer es, komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge in einer allgemein verständlichen Sprache darzustellen. So etwa die Bestimmung dessen, was in der Kritischer Theorie der oft missbräuchlich verwendete Allerweltsbegriff der Ideologie bedeutete. Vereinfacht formuliert ließe sich mit Horkheimers Ideologie - wie schon bei Hegel - im Wesentlichen als das hinter dem jeweils fortgeschrittensten Stand der Wissenschaften zurückgebliebene bloße Meinen bestimmen.

Die ersten Impulse zu einer ideologiekritischen Intention gehen zurück bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Es ist die Erfahrung der Militarisierung des öffentlichen Lebens und das Erschrecken über die scheinbar reibungslose Integration der Menschenmassen in eine staatlich betriebene Propagandamaschinerie, die den 19-jährigen Horkheimer beunruhigen und zu einer ersten Stellungnahme bewegen. Was ihn an aller Kriegsbegeisterung besonders provoziert, ist das Geheimnis,

"auf welche Art und Weise es die 'menschliche Gesellschaft' überhaupt fertigbringt, ihre Mitglieder so glänzend zu organisieren."

Seine damalige Erklärung dafür - durch "Lüge und Gewalt" -, enthält im Keim bereits eine moralische Komponente seiner späteren Ideologie- und Herrschaftskritik. Von diesen ersten Notizen Horkheimers zum entfalteten Programm seiner Ideologiekritik ist es freilich ein weiter Weg. Der Begriff des Ideologischen, wie Horkheimer ihn später fasst, bleibt stets bezogen auf den der Wahrheit. Ihm zufolge sollte

"der Name der Ideologie dem seiner Abhängigkeit nicht bewussten, geschichtlich aber bereits durchschaubaren Wissen, dem vor der fortgeschrittensten Erkenntnis bereits zum Schein herabgesunkenen bloßen Meinen, im Gegensatz zur Wahrheit, vorbehalten werden."

Entnähme man dieser Bestimmung ex negativo die Kriterien für den Begriff von Wahrheit, so könnten sie lauten: Wahr ist nur jenes Wissen, das sich seiner vielfältigen Abhängigkeit bewusst werden und das darum auch vor der je fortgeschrittensten Erkenntnis bestehen kann. Doch wären diese beiden Kriterien noch unzureichend, um sich dem zu nähern, was für Horkheimer Wahrheit genannt zu werden verdient, denn diese ist für ihn nicht bloß ein immanent-theoretisches, sondern stets auch ein implizit praktisches Verhältnis, mit dem Tun der Menschen unauflöslich verbunden. Da Horkheimer Wahrheit zudem an den Begriff der "Bewährung" knüpft, kann er behaupten, Wahrheit sei ein Moment der richtigen Praxis.

Bei der Intention auf Wahrheit kann es sich nur um einen Prozess handeln, der in ständiger Kritik und Selbstkritik gefördert wird. Im Widerstand gegen den vom jeweiligen Status quo stets erneut ausgehenden Absolutheitsanspruch, in fortwährender Korrektur von Teilwahrheiten und in der kritischen Prüfung der Resultate des Denkens allein liegt die Intention auf Wahrheit: die dialektische Anstrengung nämlich,

"die einzelnen Seiten des gesellschaftlichen Lebens genetisch abzuleiten, Erscheinung und Wesen voneinander zu trennen, die Grundlagen der Dinge zu untersuchen, sie also kurz gesagt: 'wirklich zu erkennen'."

Und selbst ein so gewonnenes Resultat könnte noch nicht als ein für alle Mal Fixierbares festgehalten werden, vielmehr ist erst der ganze Prozess des Denkens selber, samt seiner Konstitution, Ferment des Wahren.

Die noch in der Emigration entstandene "Dialektik der Aufklärung" entfaltet den zentralen Gedanken, dass die abendländische Vernunft von Anfang an einem Prozess der Selbstzerstörung unterlag. Das zentrale Problem der neuzeitlichen Kultur- und Zivilisationsentwicklung ergibt sich daraus, dass die mathematisch-naturwissenschaftliche Denkform mit einer identifizierenden Logik operiert, in der die Mannigfaltigkeit der Naturobjekte unter formale und allgemeine Begriffe gefasst wird.

Darin sahen Horkheimer und Adorno das originäre Paradigma der Herrschaft. Da dieses Verfahren nicht bei logischen Operationen bleibt, vielmehr darauf gerichtet ist, in die Natur praktisch einzugreifen und sie zu instrumentalisieren, ist der Gestus der Herrschaft von moderner Naturaneignung nicht abzulösen. Doch bei diesem Akt der Unterwerfung der Naturkräfte unter den Identitätszwang der instrumentellen Rationalität bleibt es nicht. Im gleichen Maße, wie die Menschen sich der Natur bemächtigen, erscheinen sie - selbst Teil der Natur - potenziell beherrschbar.

Um für die arbeitsteilig organisierte Naturbeherrschung funktionalisiert und konditioniert zu werden, müssen fatalerweise Anstalten gemacht werden, die die innere Triebnatur des Menschen kontrollieren und kanalisieren. Deshalb bleibt für Horkheimer die Geschichte zunehmender Naturbeherrschung zugleich auch eine Geschichte der Unterdrückung und Abwehr aller spontanen Impulse der Menschen.

Das Unternehmen der Aufklärung mündet somit in menschliche Selbstverleugnung: Je mehr "die Natur" dem Menschen gehorcht, umso weniger bleibt den Individuen selbst von dem übrig, was ihre eigene Natur gewesen war. Schließlich verliert sich die Identität der Subjekte, und der subjektlos gewordene Betrieb triumphiert über seine Schöpfer, über den vom unmittelbaren Naturzwang zwar befreiten, dafür aber in die Zwänge seiner eigenen unterdrückten Natur geratenen Menschen.

Gescheiterte Aufklärung zeigt sich schließlich daran, dass hoch differenzierte Technik und organisierte gesellschaftliche Barbarei koexistieren können. Auschwitz ist hierfür nur ein extremes Exempel einer allmählich auch weltweit um sich greifenden Rebarbarisierung.

Für die "Dialektik der Aufklärung" gilt, was Thomas Assheuer in "Der Zeit" so formuliert:

"Anders, als sie sich weismachen wolle, habe die moderne Gesellschaft das 'Schicksal' keineswegs abgeschafft, im Gegenteil: Sie sei jederzeit von der Wiederkehr der Moira und des Chaos bedroht. Das Schicksal ist aber nicht ein blindes Verhängnis oder ein 'Ursprüngliches', das Schicksal ist radikal modern, es ist nämlich ganz und gar selbst gemacht. Der Neuzeit, so heißt das, ist die eigene Freiheit zum Schicksal geworden, die ökonomische und technische Mobilmachung der Welt. Und diese Mobilmachung lässt ihr heute nur noch die 'Freiheit', die Folgen ihres Handelns zu bekämpfen. Mit ihrem Triumph ist sich die Moderne über den Kopf gewachsen, sie ist eine neue Antike, die die mythischen Mächte der Krise eigenhändig in die Welt gesetzt hat."

Die Position der Kritischen Theorie Horkheimers lässt sich nur jenseits von Metaphysik und Positivismus bestimmen. Sie ist der Versuch, den drohenden Zerfall der Philosophie in eine Vielzahl von Einzelwissenschaften und der ihnen unvermittelt gegenüberstehenden metaphysischen und ontologischen Spekulation (etwa Martin Heideggers) zu überwinden. Damit zielt sie auf eine neue Synthese von Soziologie, Philosophie und empirischen Wissenschaften. Zumindest war dies schon das Programm der Antrittsrede von Horkheimer im Jahre 1931 mit dem Titel: "Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung".

Kritische Theorie lässt sich demnach als die bestimmte Negation sowohl der in den 20er-Jahren virulenten Formen der Metaphysik als auch der ihnen konträren Spielformen des Positivismus verstehen. Der von Horkheimer kritisierte "Positivismus" ist ihm zufolge nicht schlechthin Ideologie und falsches Bewusstsein, sondern enthält einen Bezug zur gesellschaftlichen Realität, der ihn als die richtige Widerspiegelung einer verkehrten Wirklichkeit erscheinen lässt. Richtig ist - nach Horkheimer - die im Positivismus vertretene Auffassung der Existenz faktisch atomisierter Einzelner, die sich aus der Hegemonie der dominanten ökonomischen Mechanismen ergibt.

Das Ideologische am Positivismus wie auch in der heutigen Vergnügungsindustrie besteht nicht zufällig in der permanenten Wiederholung der Tatsachen- und Erscheinungswelt, die eben dadurch zur Norm erhoben wird, so wie es die "Dialektik der Aufklärung" formuliert: Die positivistische Ideologie

"macht vom Kultus der Tatsachen Gebrauch, indem sie sich darauf beschränkt, das schlechte Dasein durch möglichst genaue Darstellung ins Reich der Tatsachen zu erheben. Durch solche Übertragung wird das Dasein selber zum Surrogat von Sinn und Recht."

Dass der Positivismus zum Paradebeispiel des zeitgenössischen ideologischen Bewusstseins wird, erklärt sich sonach daraus, dass der ihm eigene, geradezu mythische Respekt vor dem einmal Gegebenen die Welt der Tatsachen tendenziell verewigt:

"Das Tatsächliche behält recht, die Erkenntnis beschränkt sich auf seine Wiederholung, der Gedanke macht sich zur bloßen Tautologie. Je mehr die Denkmaschinerie das Seiende sich unterwirft, um so blinder bescheidet sie sich bei dessen Reproduktion. Damit schlägt Aufklärung in die Mythologie zurück, der sie nie zu entrinnen wusste. In der Reduktion des Denkens auf mathematische Apparatur ist die Sanktion der Welt als ihres eigenen Maßes beschlossen. Was als Triumph subjektiver Rationalität erscheint, die Unterwerfung alles Seienden unter den logischen Formalismus, wird mit der gehorsamen Unterordnung der Vernunft unters unmittelbar Vorfindliche erkauft."

Horkheimers Kritik des Positivismus gipfelt in der These, dass mit der von diesem betriebenen Hypostasierung der Tatsachen die qualitativen Differenzen zwischen Erkenntnis und bloßer Ideologie verschwinden. Das Mantra allen ideologischen Bewusstseins lautet deshalb auch: "So ist´s nun mal, daran lässt sich nichts ändern." Dass dies auch für die gegenwärtig erneut propagierte "Alternativlosigkeit" politischer Entscheidungen gilt, liegt auf der Hand. Der je vorgegebene gesellschaftliche Zustand wird zum schlechthin Absoluten, wodurch Wissenschaft sich der Chance begibt, die Gesellschaft noch spontan beurteilen zu können.

So wie Horkheimer zufolge der Positivismus die Fakten nur verdoppelt, so auch die Kulturindustrie. Beide, Positivismus wie Massenkultur, vereinen sich denn auch im Refrain:

"Dies ist die Wirklichkeit, wie sie ist und sein sollte und sein wird."

So heißt es in der "Dialektik der Aufklärung":

"Kulturindustrie hat die Tendenz, sich zum Inbegriff von Protokollsätzen zu machen und eben dadurch zum unwiderlegbaren Propheten des Bestehenden. Die Ideologie wird gespalten in die Fotografie des sturen Daseins und die nackte Lüge von seinem Sinn, die nicht ausgesprochen, sondern suggeriert und eingehämmert wird. Zur Demonstration seiner Göttlichkeit wird das Wirkliche immer bloß zynisch wiederholt. Kulturindustrie schlägt den Einwand gegen sich so gut nieder wie den gegen die Welt, die sie tendenzlos verdoppelt."

Durch diesen Vorgang der Präparierung des kulturindustriellen Produkts werden alle Möglichkeiten spontaner Erfahrungen systematisch ausgeklammert. Aktuell: Das alles verkabelnde Schema der Massenkultur nimmt die Regungen ihrer Konsumenten so in Beschlag, dass sie ihr Selbst preisgeben, bevor es sich artikulieren konnte. Kulturindustrie ist somit materialisierter Positivismus.

Eine weitere Frontstellung der Kritischen Theorie richtet sich vehement gegen einen vulgär-orthodoxen Marxismus. Gegen ihn gilt das Axiom des frühen Marx, wonach "die Geschichte" als Subjekt nichts tut, sondern allein die Menschen in ihrer konkreten Lebenswirklichkeit es sind, die handeln. Deshalb kann Horkheimer zufolge auch nicht von einem Sinn der Geschichte gesprochen werden, da es in ihr gerade nur so viel Sinn gibt, wie die Menschen selbst ihn stiften. Diesen Sachverhalt nennt Horkheimer "Materialismus", womit er sich gegen jedwede Form einer transzendentalen Geschichtsphilosophie absetzt.

"Die vollständig gelungene Erklärung, die durchgeführte Erkenntnis der Notwendigkeit eines geschichtlichen Ereignisses, kann für uns, die wir handeln, zum Mittel werden, Vernunft in die Geschichte hinein zu bringen; aber die Geschichte hat keine Vernunft 'an sich' betrachtet, ist keine wie immer geartete 'Wesenheit', weder 'Geist', dem wir uns beugen müssten, noch 'Macht', sondern eine begriffliche Zusammenfassung von Ereignissen, die sich aus dem gesellschaftlichen Lebensprozess der Menschen ergeben. Von der 'Geschichte' wird niemand ins Leben gerufen oder getötet, sie stellt weder Aufgaben noch löst sie solche. Nur die wirklichen Menschen handeln, überwinden Hindernisse und können dazu gelangen, einzelnes oder allgemeines Leid, das sie selbst oder das Naturmächte geschaffen haben, zu verringern. Es existiert keine Wesenheit oder einheitliche Macht, die den Namen der Geschichte tragen dürfte."

In der Nachkriegszeit und in Horkheimers Spätwerk wird immer wieder die geschichtliche Tendenz zur Vorherrschaft großer und übermächtiger Institutionen in Staat und Gesellschaft thematisiert. Die soziologische Diagnose kreist hier um den Begriff der "verwalteten Welt". Das mit deren Totalisierung drohende "Ende des Individuums" meint dessen Ersetzbarkeit und Fungibilität, verbunden mit der nachlassenden Kraft zur Reflexion seiner eigenen Lebensbedingungen. Mit der Reduktion seiner Lebenschancen auf Mechanismen der Anpassung zum Zwecke der Selbsterhaltung verlieren die Ideen eines Mündigwerdenkönnens oder gar einer Autonomie ihren Sinn.

Erhöhter Anpassungsdruck und die verbreitete Bereitschaft zur "Identifikation mit dem Angreifer" nach Anna Freud schaffen ein gesellschaftliches Klima, in welchem der Begriff des Individuums selbst schon zu einem Anachronismus zu werden droht. Es scheint, als erweise die Idee einer identischen Subjektivität sich als bloßes Übergangsphänomen in der menschlichen Gattungsgeschichte.

In einer derart funktionalistisch gewordenen Wirklichkeit regiert bloß die instrumentell gewordene Vernunft. Sie beschränkt sich auf das Ordnen von Tatsachen getreu der positivistischen Maxime, wonach nur jene Wissenschaften, die unter den gegebenen Verhältnissen reibungslos funktionieren, die einzige Art von Wahrheit seien, die man gewinnen könne. Der damit vollzogenen Marsch zur Durchrationalisierung, zu einer automatisierten, antiindividualistischen Welt ist zwar das Ergebnis einer irreversiblen Dynamik, gleichwohl und gerade darum bedarf diese Tendenz der bestimmten Negation:

"Diese Methode der Negation, die Denunziation alles dessen, was die Menschheit verstümmelt und ihre freie Entfaltung verhindert, beruht auf dem Vertrauen in die Menschen."

Horkheimers Theorie wird getragen von der Überzeugung, dass es heute mehr darauf ankommt, Freiheit zu bewahren, anstatt den Lauf der verwalteten Welt zu beschleunigen.

"Tun können, was man will, unter Vielem wählen können, durch möglichst wenig Umstände beschränkt sein, das ist die Freiheit, die der Kampf der Einzelnen, der sozialen Schichten wie der Nationen, sichern soll."

Im Spiegel der Philosophie Schopenhauers formuliert er gleichsam das Ethos der Kritischen Theorie. Viele Motive der Arbeiten aus den 30er-Jahren kehren hier wieder, so die doppelte Frontstellung gegen Positivismus und Metaphysik, der Widerstand gegen illusionäre Verblendung durch falsche Absoluta, sodann die Überzeugung, dass Wahrheit den Entschluss bedeute, sich bei keinem Wahn zu beruhigen. Wie in den Frühschriften folgt daraus die Forderung:

"Wider das unbarmherzige Ewige dem Zeitlichen beizustehen."

Und so wird Schopenhauer als unbeirrter Ideologiekritiker gewürdigt:

"Die Doktrin vom blinden Willen als dem Ewigen entzieht der Welt den trügerischen Goldgrund, den die alte Metaphysik ihr bot. Indem sie ganz im Gegensatz zum Positivismus das Negative ausspricht und im Gedanken bewahrt, wird das Motiv zur Solidarität der Menschen und der Wesen überhaupt erst freigelegt, die Verlassenheit."

Man darf behaupten, dass Horkheimer in seiner Würdigung Schopenhauers wesentliche Motive der späteren Kritischen Theorie auf den knappsten Begriff bringt. Es sind eigene Bekenntnisse, die er im Medium des von ihm aktualisierten Schopenhauer formuliert. Deshalb ist es nur konsequent, wenn er in diesem Zusammenhang als eine der großen Leistungen Schopenhauers die transzendentale Ästhetik bezeichnet, in der das Prinzip der Individuation als Schein erwiesen wird:

"Da Raum und Zeit den Dingen an sich nicht zukommen, erweist sich die Vielheit aller Menschen und Dinge als Schein und die Bemühung ums eigene Wohlsein auf Kosten des anderen als Fehlinvestition. Philosophie ist dazu da, dass man sich nicht dumm machen lässt."

Das Bewusstsein davon, dass Wahrheit nirgends aufgehoben ist als in den vergänglichen Menschen, ist kein Grund zur Resignation, sondern ein mögliches Motiv zur Solidarität. "Wider das unbarmherzige Ewige dem Zeitlichen beizustehen" gehört zum Programm der Kritischen Theorie.

Horkheimers Ideologiekritik bleibt trotz des heute weithin geschwundenen Vertrauens in den früheren geschichtsphilosophischen Vernunftbegriff aktuell, weil von ihr auch das Scheitern des Anspruchs auf praktische Veränderung als Möglichkeit stets mitreflektiert wird. Das Vertrauen auf Geschichte wird ermäßigt auf die Hoffnung, dass die Versprechen von gestern kritisch bewahrt und für künftige Praxis fruchtbar gemacht werden könnten.

Horkheimer und Adorno haben sich wiederholt zum Problem des Utopischen geäußert. Ihre Bestimmungen enthalten eine Kritik an Hegels Geschichtsphilosophie und deren Utopie vom Fortschritt der Freiheit im Sinne eines werdenden "Weltgeistes" als auch eine Absage an das orthodox-marxistische Dogma vom Proletariat als eines notwendig revolutionären Subjekts. Utopie im Sinne der Kritischen Theorie ist - wie auch schon bei Marx - kein positives Bild einer zukünftigen herrschafts- und klassenlosen Gesellschaft, schon weil für sie die Vorstellung einer besseren Gesellschaft sich nur aus der bestimmten Negation erfahrener Leiden und Defizite der bestehenden Gesellschaft ergibt. So heißt es bei Horkheimer:

"Wir waren uns klar, dass man diese richtige Gesellschaft nicht im Vorhinein bestimmen kann. Man konnte sagen, was an der gegenwärtigen Gesellschaft das Schlechte ist, aber man konnte nicht sagen, was das Gute sein wird, sondern nur daran arbeiten, dass das Schlechte schließlich verschwinden würde. Wir können die Übel bezeichnen, aber nicht das absolut Richtige."

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