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StartseiteSport am WochenendeSchicksalsgemeinschaft der Turnbrüder03.02.2013

Schicksalsgemeinschaft der Turnbrüder

Präsident Brechtken und der neue DTB-Schatzmeister sind vom Konsolidierungskurs überzeugt

Nach dem Neubau eines finanziell aus dem Ruder gelaufenen Hotels, steckt der Deutsche Turner-Bund weiterhin in finanzieller Schieflage. Nun hat der Rücktritt von Heinz-Joachim Güllüg, als Vize-Präsident Finanzen eine der zentralen Figuren des Gesamtprojekts, für neuerliche Unruhe gesorgt.

Von Sandra Schmidt

Sportlich erfolgreich, aber finanziell in Bedrängnis: Der Deutsche Turner-Bund (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
Sportlich erfolgreich, aber finanziell in Bedrängnis: Der Deutsche Turner-Bund (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Die Worte Solidarität, Vertrauen und Geschlossenheit fallen seit einer Weile häufig, wenn DTB-Präsident Rainer Brechtken das Wort an seine Landesturnverbände richtet. So wohl auch gestern, als die Länderpräsidenten in der Frankfurter Gymakademie über die jüngsten Entwicklungen informiert wurden: Es gibt zum Beispiel einen neuen Vize-Präsident für Finanzen, Alfred Metzger aus Bayern folgt kommissarisch auf Heinz-Joachim Güllüg. Metzger ist bislang einer der beiden Treuhänder, welche die Länder eingesetzt hatten, um das Finanzgebaren der Führungsspitze zu überprüfen. Am Samstag bekräftigte er laut DTB-Pressemitteilung seine Überzeugung, dass "die bisher beschlossenen Maßnahmen und Unterstützungsleistungen der Landesturnverbände die Konsolidierung sicherstellen".

Güllüg, allseits hoch geschätzter Steuerberater aus Düsseldorf und aktuell auch Mitglied im Wirtschaftsbeirat des DOSB, war gut zehn Jahre Schatzmeister des zweitgrößten deutschen Sportverbandes. Nach Darstellung der Frankfurter Rundschau soll er zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe an das Planungsunternehmen für den Neubau für genau dieses tätig gewesen sein. Die Insolvenz des Unternehmens ist laut Brechtken das Hauptmotiv für die Explosion der Kosten. Güllüg trat vor knapp zwei Wochen zurück und mag sich nun nicht mehr äußern. Im Rücktrittsschreiben nennt er "mangelnde Kommunikation" als Grund und konstatiert, er halte, "die derzeitige Vorgehensweise mittel- und langfristig für kaum realisierbar". Beide Aussagen treffen punktgenau den Nerv einiger Landesverbände.

Rainer Brechtken sieht keinerlei Versäumnisse in Fragen der Kommunikation und Transparenz. Doch bis heute haben die Landesverbände viele Fragen. Warum zum Beispiel spricht Brechtken mal von sechs und mal von sieben Millionen Euro Mehrkosten, wo doch der interne Bericht seines Generalsekretärs eine Gesamtsumme von 14,9 Mio. ausweist?
Volker Klüßendorf, Präsident in Schleswig-Holstein, sieht noch "erheblichen Informationsbedarf",

"wie und durch welche Maßnahmen es da zu einem so großen Differenzbetrag gekommen ist, der ja letztlich durch keine offiziellen Gremien abgesegnet worden ist."

Ein "umfangreicher Fragenkatalog" der Landesverbände ist bis heute noch nicht zur Zufriedenheit aller Verbände beantwortet worden, erklärte Heiner Bartling, Präsident aus Niedersachsen.
Das andere sind die grundsätzlichen Zweifel am Konsolidierungskurs der DTB-Spitze. Niedersachsen zum Beispiel entschied sich gegen die Konstruktion der Beitragsvorauszahlung.

"Aber eine Vorauszahlung, wo wir den Eindruck hatten, das sei ein Kredit – das ist juristisch umstritten, da gibt es Leute, die sagen, das ist kein Kredit – da waren wir der Meinung, das sollten wir nicht tun, weil wir auch gegenüber denjenigen, die uns Geld geben, in Erklärungsschwierigkeiten kämen."

Niedersachsen ist mit rund einer halben Million Euro der größte Beitragszahler des DTB, aus Solidarität überwies man das Geld für 2013 komplett zu Jahresbeginn, mehr aber nicht. Insgesamt haben sich sechs der 22 Landesverbände nicht an der Rettungsaktion beteiligt. Die Zahlungen von zwei Landesverbänden stehen noch aus, dies bestätigte Treuhänder Michael Götz am Donnerstag: 200 000 Euro aus Hessen und 400 000 Euro aus dem Rheinland – insgesamt fast ein Drittel der Gesamtsumme aus den Verbänden. Götz erklärte, beide Zahlungen seien "grundsätzlich geklärt". Das liest sich in einem Schreiben der Rheinländer vom 24. Januar anders: Man erwarte angesichts der aktuellen Umstände eine "aktualisierte Prüfung des Sanierungskonzeptes" heißt es dort und warte immer noch auf die "rechtliche Stellungnahme zur Frage der Gefährdung der Gemeinnützigkeit". Die Antwort des DTB vom 31. Januar bekräftigt, die Konsolidierung sei "erfolgreich eingeleitet", vor allem aber bittet sie um "eine zügige Auszahlung" einer ersten Rate von 200 000 Euro. Es scheint also dringend.

Doch das ist keineswegs Brechtkens einziges Problem: Bis Ende März hat er versprochen, einen neuen Plan über diverse Trainerstellen in den Neuen Bundesländern vorzulegen, die aufgrund der Kürzungen akut gefährdet sind. Zu allem Übel ist jetzt auch noch Lotto, bislang ein "Premiumpartner des DTB" als Sponsor abgesprungen.
Brechtken bestätigte am Freitag seine Interviewaussagen von Ende November, damals erklärte er:

"Wir haben insgesamt Belastungen aus dieser Immobilie von rund zwei Millionen, mit Zins und Tilgung, jährlich, und wir haben gesicherte Einnahmen von 1,2 bis 1,3 Millionen."

Als gesicherte Einnahme bezeichnet er somit auch die 700 000 Euro, die laut internem Bericht im Haushalt 2013 als Überschuss aus dem Hotelbetrieb veranschlagt werden. Doch das ist nur eine Prognose. Externe Wirtschaftsprüfer hatten bereits letzten Sommer festgestellt, dass die angestrebten Belegungsquoten nur dann erzielbar seien, wenn "die Übernachtungsnachfrage deutlich" gesteigert würde. Auch unter diesem Aspekt kann man das gestrige Treffen in Frankfurt sehen, denn eventuelle Übernachtungskosten im Hotel müssen die Landesvertreter selbst tragen. Eine, wenn auch nicht ganz freiwillige, Solidaritätsbekundung der Turnfamilie.

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