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StartseiteForschung aktuellSchlafattacken nach Schweinegrippe-Impfung01.09.2011

Schlafattacken nach Schweinegrippe-Impfung

Sind Adiuvantien an Narkolepsiefällen schuld?

Medizin. - Als 2009 die Schweinegrippe in Europa für große Aufregung sorgte, wurden in einem organisatorischen Kraftakt zahlreiche Menschen gegen diesen besonders gefährlich scheinenden Viren-Stamm geimpft. Warnungen vor Nebenwirkungen, weil der Impfstoff nicht ausreichend getestet sei, gab es schon damals. Jetzt berichtet die finnische Gesundheitsbehörde von einem erhöhten Risiko an Narkolepsie zu erkranken.

Von Marieke Degen

Pandemrix scheint das Narkolepsierisiko zu erhöhen. (AP)
Pandemrix scheint das Narkolepsierisiko zu erhöhen. (AP)

Die Finnen seien immer für die Schweinegrippe-Impfung gewesen, sagt Hanna Nohynek. Besonders nach dem 8. November 2009.

"Damals ist in Finnland ein Mädchen an H1N1 gestorben. Danach wollte jeder die Impfung haben. Die Schweinegrippe wurde als große Bedrohung wahrgenommen."

Die Ärztin Hanna Nohynek arbeitet bei der finnischen Gesundheitsbehörde THL in Helsinki. In Finnland ist der gleiche Impfstoff eingesetzt worden wie in Deutschland: Pandemrix von GlaxoSmithKline, eine Vakzine mit Wirkverstärkern, oder Adjuvantien. Jeder zweite Finne hat sich mit Pandemrix impfen lassen. Bei den zehn- bis 14jährigen waren es sogar 80 Prozent. Doch in paar Monate später sind 79 Kinder und Jugendliche an Narkolepsie erkrankt. Alle sind vorher mit Pandemrix geimpft worden. Hanna Nohynek und ihre Kollegen haben daraufhin eine große epidemiologische Studie gemacht und sind zu diesem Ergebnis gekommen:

"Das Risiko, an Narkolepsie zu erkranken, war für Kinder, die mit Pandemrix geimpft worden sind, fast 13 Mal höher als für Kinder, die nicht geimpft worden sind. Das bedeutet konkret: Auf 100.000 geimpfte Kinder kommen sechs Narkolepsie-Fälle."

Narkolepsie ist eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Betroffenen leiden an plötzlichen Schlafattacken. Manche verlieren sogar bei vollem Bewusstsein die Kontrolle über ihre Muskeln und sacken einfach in sich zusammen. Wie Narkolepsie entsteht, wissen die Forscher noch nicht. Und erst recht nicht, welche Rolle Pandemrix dabei spielt. Dass Narkolepsie durch eine Impfung ausgelöst werden kann, damit hatte bislang keiner gerechnet. Hanna Nohynek vermutet, dass die Adjuvantien dahinter stecken könnten - die Wirkverstärker, die dem Impfstoff beigemischt waren.

"Einige der narkolepsiekranken Kinder haben Antikörper gegen die Adjuvantien gebildet. Das ist ziemlich neu. Bisher hat man gedacht, dass der Wirkverstärker selbst keine Immunantwort auslöst, dass gegen den Wirkverstärker keine Antikörper gebildet werden."

Diese Antikörper könnten spezielle Nervenzellen im Gehirn der Patienten irgendwie lahmgelegt haben: Nervenzellen, die dafür sorgen, dass wir wach bleiben. Aber das sei bislang noch reine Spekulation, sagt Hanna Nohynek.

"Die Impfung ist jedenfalls nicht der alleinige Auslöser für Narkolepsie. Wir gehen davon aus, dass da mehrere Dinge zusammenkommen müssen. Wir haben herausgefunden, dass alle Kinder, die an Narkolepsie erkrankt sind, genetische Risikofaktoren im Erbgut tragen, die mit Narkolepsie in Verbindung gebracht werden. Die genetische Prädisposition und die Impfung müssen zusammenkommen und vielleicht noch ein dritter Faktor, den wir noch nicht kennen."

In Deutschland hatten Impfkritiker schon immer gewarnt, die Impfung sei nicht ausreichend getestet worden. Das stimmt so nicht: Pandemrix wurde an Tausenden Probanden getestet und ganz normal zugelassen – als Impfstoff gegen die Vogelgrippe H5N1, lange vor der Schweinegrippe. Aber selbst ein paar Tausend Probanden würden nicht ausreichen, um so eine seltene Nebenwirkung zu erkennen, sagt Hanna Nohynek.

"Wir haben das mal ausgerechnet: Man hätte dreieinhalb Millionen Probanden testen müssen, bis man auf die Narkolepsie als Nebenwirkung gekommen wäre. Und das ist absolut unrealistisch, vor allem, wenn eine Pandemie bevor steht."

Man müsse deshalb immer, bei jeder Impfung, abwägen zwischen dem Nutzen und dem möglichen Risiko, sagt die Gesundheitsexpertin.

"Keine Frage: Es ist schlimm, dass die Kinder an Narkolepsie erkrankt sind. Trotzdem: sechs Fälle pro 100.000, das ist immer noch sehr wenig. Auf der anderen Seite stehen die positiven Effekte der Impfung. Wir haben verhindern können, dass Hunderte Menschen an der Schweinegrippe sterben, oder zu Tausenden auf der Intensivstation landen."

Auch in Deutschland wird zur Zeit untersucht, ob Pandemrix bei einigen Kindern Narkolepsie ausgelöst haben könnte. Es gibt aber noch keine Ergebnisse. Die europäische Arzneimittelbehörde Ema hat schon ihre Konsequenzen gezogen: Wenn andere Impfstoffe zur Verfügung stehen, empfiehlt die Behörde, dann sollten Kinder und Jugendliche nicht mehr mit Pandemrix geimpft werden.

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