Schon die Bühne wie ein Faust- oder Kantenschlag: nackt und gefährlich. Sie ragt - die klassische Guckkastenbühne ist hier aufgehoben - zu zwei Seiten tief und bedrohlich hinein ins Publikum. Das noch meint - wie immer, wenn eine Gefahr, eine Diktatur etwa, bereit ist, hereinzubrechen - dass es so weit schon nicht kommen wird, und alles wahrscheinlich nur ein Jux ist oder so.
Jene, die das Unglück haben, vorne in den ersten Reihen zu sitzen, sind besonders gefährdet. Denn man kann sie besonders gut ängstigen und manipulieren. Ja, so sind sie, die Räuber in Nürnberg. Denn es handelt sich um Georg Schmiedleitners renitente, fiese und kluge Nürnberger Inszenierung von Friedrich Schillers "Räubern". Es ist das lustige Schlachtfeld der "Showmaster" und gut aufgelegten "Game-Show"-Moderatoren, die hier agieren. Derjenigen, die mit der Masse Mensch routiniert zu spielen gewohnt sind.
Unsere schöne Toleranz- und Entertainment-Gesellschaft, sehr schnell kann sie hier in Gewalt übergehen. Was als, wenn auch publikumsbedrohliches Tortenschlachtfeld und mediale Albernheit, beginnt, wird später in so mancher Folterszene enden: Denn es gibt einen Weg von der "Show" nach Guantanamo.
"In Nürnberg hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass das so ein schlafender Riese ist, weil das ist ja eigentlich ein großes Theater mit vielen Möglichkeiten. Es ist eine große Stadt, verhältnismäßig. Und da kann man sich nicht ausruhen und sagen: Wenn wir so '08/15'-Spielplan machen und die Bude ist voll, dann ist das in Ordnung. Das wäre zu wenig."
Klaus Kusenberg, Jahrgang 1953, seit nunmehr sechs Jahren Chef des Nürnberger Schauspiels, das sich bereits kurz nach seinem Start und unter seiner Ägide zu einem erstaunlichen Zentrum des Kunstgeschehens nicht nur innerhalb der Stadt entwickelt hat. Gegenwartstheater heißt Klaus Kusenbergs Devise vor allem. 75 Prozent des Nürnberger Schauspiels prägt das zeitgenössische Stück.
Sarah Kanes irrsinnige "Psychose 4.48" war hier ebenso in geglückt-puristischer Inszenierung zu sehen, wie Caryl Churchills Klon-Vision "Die Kopien." Lukas Bärfuss moderne Religionsstudie "Der Bus" stellte der Schauspielchef sogar auf die Große Bühne. Dabei spart Kusenberg auch weniger arrivierte moderne Dramatiker nicht aus und riskiert dabei durchaus mal dramaturgische Flops, wie Arne Sierens Hartz IV-Komödie "Die Brüder B." in den Kammerspielen.
Mehr als 20 Erst- und Uraufführungen in sechs Jahren, an den drei Spielstätten Großes Haus, Kammerspiele und Blue Box. Vor allem aber hat der Schauspielchef ein eigentümliches Gespür dafür bewiesen, zumeist noch unerprobte - teils direkt von den Schauspielschulen weg engagierte - junge Kräfte, auch Risikotalente, ins bestehende Ensemble einzubinden. Damals, als er antrat, hatte man ihm dabei nur eines prophezeit, nämlich, bloß die Finger von "so was" zu lassen. Weil "so was", in einer kulturell traditionell eher schläfrigen, nahezu sedierten Stadt wie Nürnberg nun mal "nicht ginge".
"Es waren, wie es sich herausstellte, rückwärtsgewandte wohlmeinende Ratgeber, die aber verschlafen hatten, dass sich das Nürnberger Publikum gewandelt hat. Das mag ja so gewesen sein in der Vergangenheit, dass das Publikum irgendwie unneugierig war. Das hat sich aber in den letzten Jahren geändert, und das, was wir dann hier neu gemacht haben. Damit haben wir ja keinen Schock ausgelöst, oder gar einen Publikumsschwund, sondern die Leute haben uns ja noch mehr die Bude eingerannt. Die haben darauf gewartet, dass neue Stücke hier gespielt werden, darauf gewartet, dass man den Klassikern ansieht, in welchem Jahr sie inszeniert worden sind, sodass unser Antritt ja gar nicht umstritten war. Sondern wir hatten von Anfang an das wunderbare Gefühl, Erfolg zu haben, und das hat sowohl intern für gute Stimmung gesorgt. Natürlich, es hat uns aber auch ein gutes Stück unangreifbar gemacht."
Hunger nach Kunst, nach frischer, junger Kunst in dieser Stadt, davon spricht der Schauspielchef und derzeitige stellvertretende Staatsintendant Kusenberg auch. Hunger sicher nicht zuletzt auch deshalb, weil die örtliche Kulturpolitik eben nicht gerade auf den Versuch setzt, auf die Lust an Idee und Innovation. Sondern man hier für gewöhnlich klar auf Tradition, auf alte Hasen, und den vermeintlich zuverlässigen, "ewigen Herrn Dürer" spekuliert.
"Das eine ist ein genereller Trend, den ich feststelle. Dass die Leute wieder mehr Aussagen, Anregungen und Standpunkte erwarten von der Bühne. Also es muss um irgendwas gehen, es darf nicht läppisch sein, es darf nicht albern sein. Das haben wir ganz stark gespürt hier in Nürnberg, und das hat sich natürlich auch in den letzten Jahren dahin entwickelt."
Wichtig, dem Publikum zu zeigen, dass es letztlich nur um eins geht: um Zuschauer. Zugleich sind längst Fachzeitschriften auf das Nürnberger Schauspiel aufmerksam geworden. Klaus Kusenbergs Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2008. Dann soll auch das derzeit renovierungshungrige Schauspielhaus nach der Sanierungsphase für 26 Millionen Euro wieder eröffnet, und zu einem der modernsten Häuser in Deutschland werden.
Solange wird Kusenberg in jedem Fall noch in Nürnberg bleiben. Bleibt zu hoffen, dass er bis dahin das Niveau der Wachsamkeit in Nürnberg so weit erhöht hat, dass die Stadt danach nicht wieder in einen, wenn auch neu und hoch gerüsteten, dramatischen Tiefschlaf verfällt.
Jene, die das Unglück haben, vorne in den ersten Reihen zu sitzen, sind besonders gefährdet. Denn man kann sie besonders gut ängstigen und manipulieren. Ja, so sind sie, die Räuber in Nürnberg. Denn es handelt sich um Georg Schmiedleitners renitente, fiese und kluge Nürnberger Inszenierung von Friedrich Schillers "Räubern". Es ist das lustige Schlachtfeld der "Showmaster" und gut aufgelegten "Game-Show"-Moderatoren, die hier agieren. Derjenigen, die mit der Masse Mensch routiniert zu spielen gewohnt sind.
Unsere schöne Toleranz- und Entertainment-Gesellschaft, sehr schnell kann sie hier in Gewalt übergehen. Was als, wenn auch publikumsbedrohliches Tortenschlachtfeld und mediale Albernheit, beginnt, wird später in so mancher Folterszene enden: Denn es gibt einen Weg von der "Show" nach Guantanamo.
"In Nürnberg hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass das so ein schlafender Riese ist, weil das ist ja eigentlich ein großes Theater mit vielen Möglichkeiten. Es ist eine große Stadt, verhältnismäßig. Und da kann man sich nicht ausruhen und sagen: Wenn wir so '08/15'-Spielplan machen und die Bude ist voll, dann ist das in Ordnung. Das wäre zu wenig."
Klaus Kusenberg, Jahrgang 1953, seit nunmehr sechs Jahren Chef des Nürnberger Schauspiels, das sich bereits kurz nach seinem Start und unter seiner Ägide zu einem erstaunlichen Zentrum des Kunstgeschehens nicht nur innerhalb der Stadt entwickelt hat. Gegenwartstheater heißt Klaus Kusenbergs Devise vor allem. 75 Prozent des Nürnberger Schauspiels prägt das zeitgenössische Stück.
Sarah Kanes irrsinnige "Psychose 4.48" war hier ebenso in geglückt-puristischer Inszenierung zu sehen, wie Caryl Churchills Klon-Vision "Die Kopien." Lukas Bärfuss moderne Religionsstudie "Der Bus" stellte der Schauspielchef sogar auf die Große Bühne. Dabei spart Kusenberg auch weniger arrivierte moderne Dramatiker nicht aus und riskiert dabei durchaus mal dramaturgische Flops, wie Arne Sierens Hartz IV-Komödie "Die Brüder B." in den Kammerspielen.
Mehr als 20 Erst- und Uraufführungen in sechs Jahren, an den drei Spielstätten Großes Haus, Kammerspiele und Blue Box. Vor allem aber hat der Schauspielchef ein eigentümliches Gespür dafür bewiesen, zumeist noch unerprobte - teils direkt von den Schauspielschulen weg engagierte - junge Kräfte, auch Risikotalente, ins bestehende Ensemble einzubinden. Damals, als er antrat, hatte man ihm dabei nur eines prophezeit, nämlich, bloß die Finger von "so was" zu lassen. Weil "so was", in einer kulturell traditionell eher schläfrigen, nahezu sedierten Stadt wie Nürnberg nun mal "nicht ginge".
"Es waren, wie es sich herausstellte, rückwärtsgewandte wohlmeinende Ratgeber, die aber verschlafen hatten, dass sich das Nürnberger Publikum gewandelt hat. Das mag ja so gewesen sein in der Vergangenheit, dass das Publikum irgendwie unneugierig war. Das hat sich aber in den letzten Jahren geändert, und das, was wir dann hier neu gemacht haben. Damit haben wir ja keinen Schock ausgelöst, oder gar einen Publikumsschwund, sondern die Leute haben uns ja noch mehr die Bude eingerannt. Die haben darauf gewartet, dass neue Stücke hier gespielt werden, darauf gewartet, dass man den Klassikern ansieht, in welchem Jahr sie inszeniert worden sind, sodass unser Antritt ja gar nicht umstritten war. Sondern wir hatten von Anfang an das wunderbare Gefühl, Erfolg zu haben, und das hat sowohl intern für gute Stimmung gesorgt. Natürlich, es hat uns aber auch ein gutes Stück unangreifbar gemacht."
Hunger nach Kunst, nach frischer, junger Kunst in dieser Stadt, davon spricht der Schauspielchef und derzeitige stellvertretende Staatsintendant Kusenberg auch. Hunger sicher nicht zuletzt auch deshalb, weil die örtliche Kulturpolitik eben nicht gerade auf den Versuch setzt, auf die Lust an Idee und Innovation. Sondern man hier für gewöhnlich klar auf Tradition, auf alte Hasen, und den vermeintlich zuverlässigen, "ewigen Herrn Dürer" spekuliert.
"Das eine ist ein genereller Trend, den ich feststelle. Dass die Leute wieder mehr Aussagen, Anregungen und Standpunkte erwarten von der Bühne. Also es muss um irgendwas gehen, es darf nicht läppisch sein, es darf nicht albern sein. Das haben wir ganz stark gespürt hier in Nürnberg, und das hat sich natürlich auch in den letzten Jahren dahin entwickelt."
Wichtig, dem Publikum zu zeigen, dass es letztlich nur um eins geht: um Zuschauer. Zugleich sind längst Fachzeitschriften auf das Nürnberger Schauspiel aufmerksam geworden. Klaus Kusenbergs Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2008. Dann soll auch das derzeit renovierungshungrige Schauspielhaus nach der Sanierungsphase für 26 Millionen Euro wieder eröffnet, und zu einem der modernsten Häuser in Deutschland werden.
Solange wird Kusenberg in jedem Fall noch in Nürnberg bleiben. Bleibt zu hoffen, dass er bis dahin das Niveau der Wachsamkeit in Nürnberg so weit erhöht hat, dass die Stadt danach nicht wieder in einen, wenn auch neu und hoch gerüsteten, dramatischen Tiefschlaf verfällt.