Sonntag, 31.05.2020
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellSchlamperei oder Fälschung?05.07.2013

Schlamperei oder Fälschung?

Londoner Forscher finden Fehler in Studien zur Stammzelltherapie nach Herzinfarkt

Auf dem Höhepunkt des Hypes um die Stammzellenforschung veröffentlichte ein Düsseldorfer Professor 2001 sensationelle Ergebnisse: Er hatte einen Herzinfarkt-Patienten mit seinen eigenen Stammzellen behandelt. Jetzt wurde festgestellt: Die Studie ist wahrscheinlich gefälscht.

Martin Winkelheide im Gespräch mit Jochen Steiner

Viele positive Ergebnisse der Studie wurden überinterpretiert (AP)
Viele positive Ergebnisse der Studie wurden überinterpretiert (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Zellen für das kranke Herz
Nur für Ausnahmefälle

Jochen Steiner: Vor knapp zwölf Jahren im August 2001 hat ein Ärzteteam um den Herzspezialisten Bodo-Eckehard Strauer in Düsseldorf bekannt gegeben, dass es erstmals einen Herzinfarktpatienten erfolgreich mit seinen eigenen Stammzellen behandelt hat. Eine Weltpremiere.

Zahlreiche weitere Patienten hat der Düsseldorfer Herzmediziner so behandelt. Und er hat zahlreiche Studien zum Thema veröffentlicht. Trotzdem hat es schon früh Zweifel gegeben, ob die Stammzellen wirklich zu einer nennenswerten Erholung nach einem Herzinfarkt führen, und wie nachhaltig der Effekt ist. Jetzt haben britische Kardiologen die von Bodo-Eckehard Strauer veröffentlichten Studien genauer unter die Lupe genommen und Hunderte Fehler gefunden.

Im Studio ist mein Kollege Martin Winkelheide. Wie schwerwiegend sind die Fehler, die das Londoner Team gefunden hat?

Martin Winkelheide: Ja, die Londoner Forscher um Darrell Francis vom Empirial College in London haben 48 Studien sehr kleinteilig auseinandergenommen und sie haben die unterschiedlichsten Fehler gefunden. Von einfachen Rechenfehlern bis hin über widersprüchliche Auswertungen von Statistiken bis hin zu schwerwiegenderen Sachen, dass man gemerkt hat, die 48 Studien basieren eigentlich nur auf fünf klinischen Studien. Also, dass Studien mehrfach veröffentlicht worden sind, teilweise umetikettiert worden sind, dass Illustrationen mehrfach benutzt worden sind, obwohl angeblich unterschiedliche Patientenzahlen eingegangen sein sollen in die Analyse, plötzlich identische Werte herauskamen. Also ganz viele verschiedene Widersprüchlichkeiten, die nicht auslösbar sind und die dann doch große Zweifel hinterlassen, was die Glaubwürdigkeit der Studien angeht.

Steiner: Ist das jetzt Schlamperei oder geht es um Forschungs-Fälschung?

Winkelheide: Die Londoner Forscher lassen die Frage offen. Aber sie sagen, eigentlich bleibt wenig übrig, wenn man die Substanz der Studien prüft. Und alles, was widersprüchlich ist, herausnimmt, bleibt eigentlich keine klare Aussage zurück. Sie sagen, viele Faktoren, also positive Ergebnisse sind überinterpretiert worden und negative entweder gar nicht berücksichtigt worden oder uminterpretiert worden. Erschreckend war aber eigentlich, dass sie die Fachzeitschriften, die damals die Studie veröffentlicht haben, damit konfrontiert haben und dass die sich nicht auf eine Diskussion eingelassen haben.

Steiner: Warum sind die Fehler den Fachzeitschriften damals nicht aufgefallen?

Winkelheide: Man muss ein bisschen zurückdenken. Es geht um die Zeit nach 2001, damals gab es einen Stammzellenforschungs-Hype, es gab die Alternative, embryonale Stammzellen zu benutzen für die Forschung. Da war aber das Problem, dass man eben Embryonen töten musste. Die adulten Stammzellen schienen eben ethisch korrekte Zellen zu sein. Und Professor Strauer aus Düsseldorf kam eben sehr früh mit positiven Ergebnissen, er hatte als Erster diese Therapie ausprobiert und hat gesagt: Seht her, es geht auch ohne embryonale Stammzellen. Und das ist sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen worden, auch sehr positiv zur Kenntnis genommen worden im politischen Raum, aber eben auch Fachzeitschriften haben sich gerne mit solchen Studien geschmückt, die eben eine "progressive" Forschungsrichtung repräsentieren und vielleicht hat man nicht so genau hingeschaut.

Steiner: Warum ist die Fehlerliste jetzt erst veröffentlicht worden?

Winkelheide: Weil viele zwar gemerkt haben - auch Forscher, die versucht haben, die Ergebnisse so zu reproduzieren, sei es im Tierversuch, sei es im Patienten - haben gesehen, das klappt eigentlich nicht richtig gut, es klappt nicht so, wie es in den Studien von Strauer eben vorgegeben ist. Und man hat aber eigentlich mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand darüber geredet und es nicht so öffentlich gemacht. Und erst die Londoner Gruppe ist hingegangen und hat die Studie wirklich haarklein auseinandergenommen und hat gezeigt, da ist eigentlich keine Substanz hinter.

Steiner: Es sind also wohl Fehler gemacht worden. Sind denn Folgen für die Patienten zu befürchten?

Winkelheide: Erst mal nicht. Also im Moment gibt es wenige Arbeitsgruppen, die noch auf die Therapie mit adulten Stammzellen setzen und wenn, dann passiert das im Rahmen von klinischen Studien, aber eigentlich ist es inzwischen eher eine Außenseiter-Methode, eben weil man gesehen hat, man kann nicht so richtig erklären, was die Stammzellen machen. Sie bauen sich eben nicht ins Herz ein, sie werden nicht zu neuen Herzzellen und helfen dem Herzen nicht beim Pumpen. Möglicherweise haben sie einen positiven Effekt auf das Umfeld. Aber das ist alles eben wissenschaftlich nicht korrekt nachweisbar.

Steiner: Vielen Dank, Martin Winkelheide, für diese Informationen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk