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Schlecht vorbereitet für Tag X

Technik. – Gut einen Monat ist es her, dass der Hurrikan Katrina Louisiana und New Orleans verwüstete. Inzwischen sind die Wiederaufbauarbeiten in vollem Gange und ein Ingenieur-Team der "National Science Foundation" hat vor Ort untersucht, warum damals die Deiche nachgaben. Der Wissenschaftsjournalist Volker Mrasek im Gespräch mit Deutschlandfunk-Moderator Arndt Reuning.

03.11.2005

Reuning: Herr Mrasek, warum sind die Deiche gebrochen?

Mrasek: Man muss da unterscheiden, zum einen sind viele Deiche durch die Sturmflut einfach überspült worden. Die Sturmflut, das weiß man heute, oder so schätzt man es ab, war 7,50 Meter hoch, die da von Osten nach New Orleans reinfegte. Und das Wasser hatte eine solche Wucht, dass das Bodenfundament auf der Rückseite der Deiche erodiert wurde, das ist regelrecht abgetragen worden oder regelrecht eingeschnitten worden, wie die Ingenieure sagen. Und das hat die Deiche geschwächt. In den Entwässerungskanälen der Stadt und im Lake Pontchartrain, das ist der See im Norden von New Orleans, ist gleichzeitig der Wasserspiegel gestiegen, der Wasserdruck damit auch, auch in der Stadt, und das ging beides hoch, und das hat letzthin dazu geführt, dass die geschwächten Deiche mit Zeitverzögerung gebrochen sind. Es gab aber auch noch einen anderen, einen zweiten Fall, und der ist wohl bei den entscheidenden Deichen aufgetreten. Deren Versagen führte dazu, dass die City von New Orleans am Tag 2 nach Katrina mit Wasser vollief. Das sind drei Deiche gewesen, entlang von Bewässerungskanälen in Norden. Und die, sagen die Ingenieure, sind nicht überspült worden. Das heißt, eigentlich hätten sie dieser Sturmflut standhalten müssen. Das haben sie aber nicht, sie sind gebrochen. Und da machen die Ingenieure die Feststellung, dass es so etwas wie eine innere Erosion gegeben habe, Wasser ist durch das Bauwerk, also durch den Boden durchgesickert und die Deiche waren insofern also eigentlich überhaupt nicht intakt. Und die Vermutung der Ingenieure ist, dass das vielleicht auch etwas mit labilen Bodenschichten zu tun haben könnte, dass die eine Rolle gespielt haben. Nach den ersten Analysen gibt es teilweise Torf im Untergrund von New Orleans, und da ist die Vermutung, dass der Torf nicht einen solchen starken Halt bietet, dass er richtiggehend rutschig ist, dass die Reibung der Bodenpartikel im Kontakt mit anderen Bodenpartikeln reduziert ist, und dass dadurch gewissermaßen das Bauwerk weggerutscht ist. Das sei aber noch zu klären, da bräuchte es noch genauere Analysen für.

Reuning: Gibt es denn ein einheitliches Konzept, wie diese Deiche die Stadt schützen?

Mrasek: Es gibt kein einheitliches Konzept. Man muss sich vorstellen, dass überhaupt diese Hochwasserschutzbauwerke, wenn man sie denn zählte, der Länge nach über 500 Kilometer lang sind, und da gibt es unterschiedliche Konstruktionen: Da gibt es einerseits reine Erdwälle, dann gibt es Hochwasserschutzmauern, die aus Beton sind, es gibt stellenweise auch Stahlplattenkonstruktionen. Typisch ist aber wohl eine Mixtur aus verschiedenen Dingen, dass man einen Erdwall hat, auf dem eine Betonwand steht, darin versteckt ist eine Stahlkorsett, und das zusammen macht dann eine solche Hochwasserschutzmauer aus.

Reuning: Welche Empfehlung geben denn die Wissenschaftler jetzt?

Mrasek: Sie sagen, dass man im Prinzip ohne großen finanziellen Aufwand hätte verhindern können, dass es zu diesen Deichbrüchen kommt, und dass man tunlichst jetzt etwas tun sollte, damit es in Zukunft in der nächsten Hurrikan-Saison nicht geschieht. Und das ist zum Beispiel etwas an der Rückseite der Böschung zu machen, die erodiert ist. Dass man da pflastert, oder Kies aufschüttet, oder dass man dort auch mit Beton arbeitet, um zu verhindern, wenn es noch einmal zu einer Überflutung kommt, dass diese Deiche brechen. Das ist also im Prinzip die Hauptempfehlung. Bei den Deichen, die quasi durchsickert worden sind, sagen sie, da müsse man sich das noch einmal genauer anschauen, aber grundsätzlich schlagen sie vor, dass man alle Maßnahmen, die jetzt natürlich unter einem hohen Zeitdruck getroffen worden sind, und weiter getroffen werden, also nach diesem Prinzip schnell die Löcher stopfen, dass man die sich genau anschaut, und dass man eine unabhängige Gruppe von Gutachtern einsetzt, die sich anschaut, was da gemacht wird, um Fehler, die vielleicht in Zukunft fatal sein könnten, zu vermeiden.