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StartseiteEine WeltSchleichende Armut20.05.2006

Schleichende Armut

Die Folgen der Globalisierung und Urbanisierung in der kanadischen Metropole Vancouver

Am 19. Juni beginnt in Vancouver an der Westküste Kanadas das Weltstädteforum der Vereinten Nationen. Mehr als 8000 Experten und Vertreter von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt werden dann vier Tage lang zum Beispiel darüber diskutieren, wie Städte ihren Energieverbrauch reduzieren, Kriminalität wirksam eindämmen und die Armut nachhaltig senken können. Für die Konferenz könnte es wohl kaum einen passenderen Veranstaltungsort geben als Vancouver, das im vergangenen Jahr vom britischen Wirtschaftsmagazin Economist zum vierten Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt der Welt erkoren wurde. Auch die Initiatoren des Weltstädteforums loben Vancouver als bestes Beispiel für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Doch selbst in Vancouver haben Globalisierung und Urbanisierung Spuren hinterlassen: Mehr und mehr Menschen in der vermeintlich lebenswertesten Stadt der Erde fällt das Überleben immer schwerer. Die Obdachlosigkeit hat sich innerhalb von drei Jahren verdoppelt.

Von Jens Tönnesmann

Skyline von Vancouver
Skyline von Vancouver
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Wenn es Nacht wird und die Straßen im Zentrum von Vancouver fast menschenleer sind, macht Ron sich an die Arbeit. Im Nieselregen schiebt er einen Einkaufswagen durch düstere Hinterhöfe, vorbei an den eisernen Hintertüren der Geschäfte; vorbei an Müllcontainern, die er gründlich mustert. Belüftungsanlagen rauschen, Stromkabel baumeln zwischen den Fassaden.

Heute hat Ron Glück: Er findet ein paar leere Flaschen, einen nahezu unversehrten Hamburger und ein ausrangiertes Telefon. Der Hamburger wird sein Abendessen, die Flaschen bringt er am nächsten Morgen zu einem Schrotthändler, der ihm dafür das Pfand auszahlt und ihm vielleicht auch ein paar Cent für das Telefon gibt. Das wäre genug für Ron, um ein Frühstück aufzutreiben.

"Jeden Abend sammele ich eine Tüte leere Dosen und Flaschen. Dann weiß ich, dass meine Freundin morgen früh etwas zu essen hat. Wenn sie satt ist, bin ich zufrieden."

Ron ist einer von inzwischen rund 2.200 Obdachlosen in Vancouver, der Metropole an Kanadas Westküste. Wie viele andere schiebt er seinen gesamten Besitz in dem Einkaufswagen mit sich herum: Tüten und Säcke, in denen alte Kleider stecken, ein alter Schlafsack, eine Decke, löchrige Schuhe und Pappkartons. Das nächste Essen zu organisieren ist in der Regel Rons größtes Problem. Je schneller er es löst, umso mehr Zeit bleibt ihm, sich auch noch einen halbwegs trockenen und sicheren Schlafplatz zu suchen.

"So geht es jetzt seit fünf Jahren. In manchen Nächten bekommst Du überhaupt keinen Schlaf. Weil es zu kalt ist. Oder weil Taschendiebe herumschleichen. Und kannst du dieses Rauschen hören? Das ist ein Heißluftschacht. Die wärmste Stelle hier draußen. Da lege ich nachts meine Pappe hin und ruhe mich aus."

Vancouver gilt als eine der lebenswertesten und wohlhabendsten Städte der Welt. Dem britischen Wirtschaftsmagazin Economist zufolge hat keine andere Stadt eine so hoch entwickelte Infrastruktur, ist gleichzeitig so sicher vor terroristischen Anschlägen und weist so wenig Kriminalität auf. Vier Prozent Wirtschaftswachstum konnte die Stadt zuletzt verzeichnen, doch auch die Armut boomt in Vancouver. Einer offiziellen Studie zufolge hat sich die Obdachlosigkeit in den vergangenen drei Jahren verdoppelt. Die Notunterkünfte müssen jeden Abend Dutzende von Menschen abweisen. Zwar sei die Situation nicht schlimmer als in anderen nordamerikanischen Großstädten, sagt Michael Goldberg, Projektleiter der Studie. Dennoch haben ihn die Ergebnisse überrascht.

"Wir hätten nicht gedacht, dass die Zahl der Obdachlosen so sehr angestiegen ist. Die andere Überraschung war, dass es auch im reicheren Westen Vancouvers inzwischen viele Obdachlose gibt und nicht mehr nur in der Innenstadt."

Dort ist der enorme Gegensatz von Reichtum und Armut am augenfälligsten. Etwa auf der Robson Street, Vancouvers größter Einkaufsstraße, in der sich ein Modegeschäft ans nächste reiht. Nach Ladenschluss fährt hier Ellen Shousta mit ihrem Roller vor. Hinten auf dem Anhänger stehen Thermoskannen und blaue Plastikboxen.

"Jede Nacht bringe ich belegte Brote, warmes Essen, Medikamente, Vitamine, Socken - alles, um den Menschen, die draußen leben, das Leben etwas leichter zu machen. Aber eigentlich brauchen sie einen Platz, wo sie bleiben können."

Bis sie diesen Platz finden will Ellen Shousta, die von allen hier "Mum" genannt wird, die Obdachlosen einfach nur am Leben halten, sagt sie. Die ältere Dame lebt selbst nur in einem kleinen Zimmer, das Essen und die Decken sammelt sie tagsüber bei Einrichtungen und Privatleuten ein. Für viele, die dann abends zu ihr kommen, ist die Hilfe tatsächlich lebenswichtig. Sebastian etwa, der am ganzen Körper zittert und dem Ellen Shousta einen heißen Tee einschenkt.

"Wenn "Mum" nicht da wäre würde ich an manchen Tagen gar nichts essen. Ich bekomme sonst nirgendwo Essen. Und wenn es kalt draußen ist und ich einen Tee brauche, komme ich zu Mum."

Was aber sind die Gründe für die wachsende Armut in einer Stadt, in der die Wirtschaft blüht? Die Metropole am Pazifik lockt mit Arbeitsplätzen und Möglichkeiten und wirkt auf Einwanderer deswegen wie ein Magnet. Bis zu 40.000 Menschen jährlich sind seit den Neunzigern hergezogen, mehr als zwei Millionen Menschen leben inzwischen in der Stadt. Die Folge: Allein in den letzten fünfzehn Monaten sind Häuser, Appartements und Zimmer in Vancouver um 12 bis 20 Prozent teurer geworden. Das breche vielen das Genick, meint der Sozialforscher Michael Goldberg.

"Eine wachsende Wirtschaft ist zwar gut, aber die hohen Mieten machen den Menschen zu schaffen. Das große Problem ist, dass viele hier buchstäblich nur einen Gehaltsscheck davon entfernt sind, ihre Wohnung zu verlieren, weil sie 70 Prozent für die Miete ausgeben."

Mehr als 100.000 Einwohner im Großraum Vancouver sind deshalb von Obdachlosigkeit bedroht, schätzt die Stadtverwaltung. Brad etwa hat wegen einer Rückenverletzung seine Arbeit verloren und von den 20 Dollar Sozialhilfe, die er im Moment noch jeden Tag bekommt, gibt er 15 für ein kleines Zimmer aus. Der 45-Jährige fürchtet sich vor der Obdachlosigkeit.

"Viele Menschen in dieser Gegend sind sehr arm. Sie geben alles was sie haben für Drogen aus. Alles andere wird bedeutungslos. Sie versuchen nur noch, Geld für den nächsten Schuss zu bekommen. Viele Mädchen verkaufen ihre Körper. Es ist ein Teufelskreis, er dreht sich immer und immer weiter und hört nie auf."

Ohne Hilfe von außen kommen die meisten aus diesem Kreislauf nicht mehr heraus, meint der Sozialforscher Michael Goldberg. Doch wer soll helfen? Darüber herrscht Uneinigkeit. Vancouvers Bürgermeister Sam Sullivan verweist auf die Provinz-Regierung in Victoria. Die wiederum verlangt Zuschüsse von Kanadas föderaler Regierung in Ottawa. Und die hat die Subventionen für den sozialen Wohnungsbau trotz einer blendenden Haushaltslage zuletzt stets gekürzt.

Die Bedürftigen sind deswegen immer stärker auf sich allein gestellt und von der Unterstützung durch private Initiativen oder gemeinnützige Organisationen abhängig.

Eine davon ist die Union Gospel Mission in der East Hastings Street. Wenn sie zum großen Feiertagsdinner lädt, stehen über 3.000 Menschen für ein warmes Essen und eine Tüte alter Kleider Schlange. Der Speiseraum ist bis auf den letzten Platz besetzt und in der kleinen Kapelle findet pausenlos Gottesdienst statt.

Maurice McElrea, der Präsident der Mission, kam vor 27 Jahren selbst aus Irland nach Kanada, weil er hoffte, in Minen und auf Ölfeldern gute Arbeit zu finden. Ohne Erfolg. Viele Geschichten, die er heute zu hören bekommt, ähneln seiner eigenen:

"Viele Menschen kommen mit großen Zielen nach Vancouver und merken dann, dass es nicht so einfach ist. Hinter den schönen Postkartenbildern und den hellen Lichtern gibt es dunkle Schatten der Not und des Leids in Vancouver."

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