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StartseiteComputer und Kommunikation"Wikipedia ist ja kein Branchentelefonbuch"23.11.2013

Schleichwerbung"Wikipedia ist ja kein Branchentelefonbuch"

Immer wieder versuchen Unternehmen, Wikipedia für Werbezwecke zu nutzen. IT-Journalist Achim Killer erläutert im Gespräch, wie PR-Agenten dabei vorgehen und was die Online-Enzyklopädie dagegen tun will.

Hände auf der Tastatur eines Notebooks.  (Stock.XCHNG / Steve Woods)
Mutmaßliche PR-Agenten aus dem Kreis der Wikipedia-Autoren auszuschließen, würde dem Grundprinzip der Online-Enzyklopädie widersprechen: der Offenheit. (Stock.XCHNG / Steve Woods)

Maximilian Schönherr: Die Sockenpuppen, Achim Killer auf der Wikicon in Karlsruhe - ist das ein reines Wikipedia-Thema oder gibt es das auch noch woanders?

Achim Killer: Nein, also PR-Unternehmen schreiben im gesamten Web 2.0 mit Also bei Facebook und bei der Kommentarfunktion von Blogs – da schmuggeln sich PR-Agenten gerne ein. Sie sagen nicht, ich komme jetzt von der Firma und ich schreibe im Auftrag von dieser Firma.

Schönherr: Und wie ist es bei den Wikipedia-Einträgen. Was machen die Sockenpuppen da?

Killer: Da schönen sie die Artikel von Firmen, die sie dafür bezahlen.

Schönherr: Warum schließt die Wikipedia nicht solche PR-Agenturen oder ihre Undercover-Alter-Egos, also die Sockenpuppen, einfach aus?

Killer: Das würde dem Prinzip der Offenheit widersprechen. Und das wird bei Wikipedia sehr hoch gehalten. Dadurch unterscheidet sich Wikipedia ja gerade von anderen Lexika.  Man will niemanden ausschließen, jeder darf mitschreiben, wenn er sich denn an die Regeln hält.

Schönherr: Dazu gehört aber auch, dass man nicht in eigener Sache schreibt.

Killer: Im Prinzip ja. Allerdings: Sachliche Änderungen und kleine Ergänzungen dürfen Unternehmen schon in eigener Sache vornehmen. Also beispielsweise wenn in Wikipedia steht, dass ein Konzern eine Milliarde Umsatz hat, in den Büchern des Konzerns stehen allerdings 1,1 Milliarden, dann ist man bei Wikipedia für einen entsprechenden Hinweis durchaus dankbar. Das Unternehmen bekommt dann einen sogenannten verifizierten Account. Das bedeutet, hinter dem User ABC steht tatsächlich die Firma ABC.

Schönherr: Statt irgendein Tarnname?

Killer: Ja. Also die Firma steht dann im Klartext als Username da. Und dann ist auf der Diskussionsseite und in der Versionsgeschichte des Artikels ersichtlich, wer welche Änderung vorgenommen hat. Und wenn Änderungen in eigener Sache erfolgt sind, dann wird man das kritische prüfen, aber wenn es stimmt es akzeptieren.

Schönherr: Und in dem Fall aus den USA, den Sie angesprochen haben, ging es nicht um solche sachlichen Änderungen?

Killer: Nein, inhaltlich verstoßen wurde da vor allem gegen das sogenannte Relevanzkriterium. Wikipedia ist ja kein Branchentelefonbuch. Da muss nicht jede Firma drinstehen, da soll auch nicht jede Firma drinstehen, sondern nur die wichtigen. Dafür gibt es klare Kriterien: Etwa ein Umsatz von 100 Millionen Dollar im Jahr. In dem Fall allerdings haben sich meist Klitschen reinschreiben lassen. Und formal ist es natürlich ein Verstoß gegen die Wikipedia-Regeln, Sockenpuppen so etwas machen zu lassen. Man darf mehrere Accounts haben, man darf sehr eingeschränkt auch in eigener Sache schreiben. Aber von mehreren Accounts aus in eigener Sache zu schreiben, das geht natürlich nicht. Allerdings scheint da ein richtiges Geschäftsmodell draus geworden zu sein mittlerweile. Kleinunternehmen beauftragen PR-Agenturen, die beschäftigen billige freie Mitarbeiter, und die versuchen von zu Hause aus, das heißt unter verschiedenen und wechselnden IP-Adressen Werbung zu platzieren.

Schönherr: Das war also offenbar ein wichtiges Thema jetzt auf der Wikicon in Karlsruhe. Achim Killer, kann die Wikipedia dieses Sockenpuppen-Problem in den Griff bekommen, gibt’s da Werkzeuge dafür?

Killer: Formal ist es schwierig, auf der formalen Ebene das in den Griff zu bekommen. Wikipedia kann und will keine Mehrfach-Accounts verbieten. Allein schon deshalb: Ein solches Verbot müsste dann gegebenenfalls auch durchgesetzt werden. Und das würde dem Prinzip der Anonymität widersprechen. Und das wird bei Wikipedia sehr hochgehalten. Man hat es auf der Wikicon gesehen: Da gibt’s Autoren, die stellen sich prinzipiell nur mit ihrem Pseudonym vor. Und einen Sticker haben sie dann auch anstecken, auf dem draufsteht, dass sie nicht fotografiert werden wollen. Die Anonymität wird sehr hoch gehalten bei Wikipedia. Die Sockenpuppen-Problematik lässt sich meines Erachtens nur durch inhaltliche und sprachliche Analyse in den Griff bekommen. Das bedeutet Arbeit für die Wikipedianer. Weil: Je beliebter die Wikipedia bei den Surfern wird, desto beliebter wird sie auch bei den Sockenpuppen.

Schönherr: Achim Killer, letzte Frage: Wann haben Sie ihren letzten Edit gemacht?

Killer: Vor einem halben Jahr. Da wollte ich ausprobieren, wie die Sichten-Funktion bei Wikipedia funktioniert. Und deshalb habe ich krampfhaft nach einem Fehler gesucht und habe auch nach einer halben Stunde tatsächlich einen gefunden – das war ein Kommafehler. Den habe ich korrigiert und der ist dann auch von der Wikipedia dankbar übernommen worden.

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