Samstag, 02. Juli 2022

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Schluss mit der Verbreitung

Medizin. - Manche Parasiten leben im Innern unserer Zellen, ohne dass sie dort großen Schaden anrichten oder Krankheiten verursachen. Das gilt auch für den einzelligen Parasiten Toxoplasma gondii. Nur in Einzelfällen kann er gefährlich werden. Bei Menschen mit einer Immunschwäche oder bei Schwangeren. Toxoplasma kann den Fötus schädigen. Deshalb wäre es gut, wenn es einen Stoff gäbe, um den Parasiten lahmzulegen. Eine solche Möglichkeiten beschreiben US-Wissenschaftler heute in der Wissenschaftszeitschrift "Nature". Sie lähmten den Parasiten mit Unkraut-Vernichtungsmittel.

Von Michael Lange | 10.01.2008

Das Wort "Toxoplasma" kommt aus dem Griechischen und bedeutet bogenförmiges Gebilde. Und genau so sieht der Einzeller Toxoplasma gondii unter dem Mikroskop aus. Er lebt als Parasit in den Zellen von Tieren. Sein Hauptwirt sind Katzen. Aber auch der Mensch kann ein Zwischenwirt sein. David Sibley von der Washington-University in St. Louis hat an seinem Labor für Molekulare Mikrobiologie den Einzeller Toxoplasma gondii genauer untersucht. Sibley:

"”Der Parasit wächst im Innern von Säugetierzellen. Und manchmal bricht er aus den Zellen aus, befällt die Nachbarzellen, und die Infektion schreitet fort. Erst dann wird er gefährlich. Kontrolliert wird dieser Prozess durch einen Stoff namens Abscisinsäure, kurz ABA.""

David Sibleys Mitarbeiter Kisaburo Nagamune, der inzwischen an der Universität Osaka arbeitet, hat diesen Zusammenhang entdeckt. Eigentlich handelt es sich bei der Abscisinsäure, ABA, um ein Pflanzenhormon. Es ist bekannt, dass ABA wichtige Prozesse im Pflanzenleben steuert. Zum Beispiel: Die Entstehung von Blüten oder den Fall der Blätter im Herbst - also den Übergang zwischen zwei Lebensphasen einer Pflanze. Und ähnlich ist auch die Funktion von ABA im Parasiten Toxoplasma gondii. David Sibley:

"”Wir wussten, dass es Gemeinsamkeiten gibt im Stoffwechsel von Parasiten und Pflanzen. Das hat wahrscheinlich mit den pflanzenähnlichen Vorfahren der Parasiten zu tun.""

Genau wie in Pflanzen steuert ABA bei Toxoplasma den Übergang von einer Lebensphase in eine andere. Es beendet die Ruhephase im Innern der Tierzellen und startet die Verbreitungsphase: Das Ausschwärmen der Parasiten im Körper. Im Stoffwechsel von Tieren und Menschen jedoch kommt ABA nicht vor. Pflanzenschutzmittel mit der Substanz Fluridon, hemmen die Produktion von ABA. Das schädigt Pflanzen, hat aber keine Auswirkungen auf Mensch und Tier. Das macht Fluridon zum vielfach verwendeten Unkrautvernichter. Da Toxoplasma, wie Pflanzen, ABA bildet, müsste Fluridon auch gegen den Parasiten wirken. So die Idee von David Sibley und seinem Team an der Washington University:

"”Diese Unkrautvernichter sind weit verbreitet und vergleichsweise umweltverträglich. Wir fanden: Die Substanz Fluridon blockiert die Bildung von ABA auch in Toxoplasma. Im Tierversuch gelang es uns, den Parasiten zu lähmen und infizierte Mäuse zu heilen.""

Die Verwandtschaft mit den Pflanzen ist gewissermaßen die Achillesferse für den Parasiten. Und das gilt möglicherweise nicht nur für Toxoplasma, sondern auch für den eng verwandten Malaria-Erreger Plasmodium. Sibley:

"”Andere Wissenschaftler haben kürzlich entdeckt, dass die gleiche Substanz auch die Vermehrung von Malaria-Parasiten hemmt. Noch sind das nur Laborversuche. Aber die Ergebnisse machen Hoffung. Sie zeigen, dass es Sinn macht, weiter zu forschen und vielleicht eine Heilmethode zu entwickeln.""