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StartseiteCampus & KarriereSchluss nach zwei Semestern13.06.2008

Schluss nach zwei Semestern

Trotz Umstellung auf das Bachelorstudium bleibt die Quote der Studienabbrecher hoch

Jeder vierte Bachelorstudent bricht sein Studium an der Universität ab. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik oder Geowissenschaften geben viele frühzeitig auf. Das ist das vernichtende Ergebnis des Bildungsberichtes von Bund und Ländern.

Von Hilde Braun

Jeder vierte Studierende wird die Uni ohne Abschluss verlassen. (AP)
Jeder vierte Studierende wird die Uni ohne Abschluss verlassen. (AP)

In Deutschland bricht jeder dritte Physikstudent das Studium ab - spätestens im zweiten Semester. Ein bundesweiter Trend, so belegt es der neueste Bildungsbericht. Das ist aber keine Neuigkeit, weiß der Dekan des Fachbereiches, Professor Achim von Keudell:

"Also das ist ein Phänomen, was also die letzten Jahre schon immer so gewesen ist. Vor kurzem gab es eine Konferenz der Fachbereiche der Physik in ganz Deutschland, und die Kollegen an anderen Standorten berichten eigentlich genau dasselbe, es ist also ein fachspezifisches Phänomen, dass ein Drittel der Studierenden eben in den ersten beiden Semestern das Studium abbrechen."

Aus dem Bildungsbericht 2008 geht hervor, dass die straffere Studienorganisation in den Bachelorstudiengängen der Abbrecherquote nicht entgegengewirkt hat. So gibt jeder vierte Bachelorstudent an der Universität sein Studium auf, an der Fachhochschule sogar jeder zweite bis dritte. Der Bericht verweist dabei auf hochschulspezifische Probleme. Dirk Meyer ist Studienberater im Fachbereich Physik. Er macht vor allem das Modell des Zwei-Fach-Bachelors für die Studienabbrecherquote verantwortlich, also für diejenigen, die zwei Fächer belegen:

"Wo ein Fach die Physik ist und das zweite irgendein Fach ist, was man an dieser Universität studieren kann, gerade da beobachten wir doch einen relativ großen Schwund, und ich denke, dass das darauf zurückzuführen ist, dass bestimmte Fächerkombinationen zwar möglich sind, rein technisch, aber eben letztlich inhaltlich überhaupt nicht zusammenpassen und von daher schon der Erfolg vom Ansatz her gefährdet ist."

Dekan Professor Achim von Keudell glaubt außerdem, dass die schulische Ausbildung nicht für ein Physikstudium reicht:

"Viele der Studierenden scheitern am Anfang an den mathematischen Fertigkeiten, die sie aus der Schule mitbringen. Aber gerade, dass also die Mathematik an den Schulen in den Hintergrund gedrängt wird, dass es teilweise Bereiche gibt, wo das gar nicht mal Physik heißt sondern Naturwissenschaften, was auch immer das sein mag, allein auch aus Lehrermangel, dass es eben auch nicht so viele Physiklehrer gibt, ist dieser Situation natürlich komplett abträglich."

Auch das Fach Geowissenschaften ist nach dem aktuellen Bildungsbericht ein Sorgenkind der Hochschulen. Hier bricht ebenfalls jeder Dritte das Studium ab. Bernhard Stöckhert ist Professor der Geowissenschaften in Bochum, außerdem Prorektor für die Lehre an der Ruhruniversität und kann vom Gegenteil berichten:

"Das ist so, dass in fast allen Bereichen, die wir messen können, dass der Studienerfolg nach oben geht und die Studiendauer sinkt, dass heißt mit der Einführung der gestuften Studiengänge ist grundsätzlich ein höherer Prozentsatz in einer kürzeren Zeit fertig gewesen nach unseren Beobachtungen."

Außerdem hat er Zweifel an der statistischen Richtigkeit des Bildungsberichtes:

"Einfach deswegen, weil an allen Orten die Umstellung auf das neue System noch nicht zu einem stationären stabilen Zustand geführt hat, das sind alles überall noch die Fälle, wo man die Übergangszeiten von mehreren Jahren nicht hinter sich gelassen hat und deswegen eine längerfristige Prognose, wie sich das ausgewirkt hat, nicht machen kann."

Eine weitere Einschätzung von Prorektor Bernhard Stöckhert ist, dass viele Studierende nicht abbrechen, sondern in ein anderes naturwissenschaftliches Fach wechseln, weil sie sich zu Beginn des Studiums falsch einschätzen. Wie Daniel Schmitz, er hat dem Physikstudium den Rücken gekehrt, studiert jetzt aber Mathe:

"Ich habe festgestellt, dass ist irgendwie komisch, Mathematik ist an einigen Stellen präziser, und das gefällt mir deshalb besser. Ich bin auch nicht so praktisch begabt, die praktischen Sachen in der Physik hätten mir auch nicht so Spaß gemacht, denke ich."

Martina Havenith-Newen ist Chemieprofessorin. Auch sie hat ihre Zweifel in Bezug auf die Studienabbrecherquote des Bildungsberichtes im Bereich Naturwissenschaften. Ihr Eindruck ist, dass die Abbrecherquote so hoch liegt, weil Studierende, die sowieso das Studium schon aufgegeben haben, sich jetzt wegen der Studiengebühren endgültig exmatrikuliert haben.

"Durch die Studiengebühren ist natürlich klar, dass die, die eingeschrieben waren, um ein Semesterticket zu erhalten, dass das für die natürlich kein Anreiz mehr ist künstlich im 25. Semester eingeschrieben zu bleiben, und sie aufgrund dessen auch ihr Studium abbrechen und dann in der Statistik als Studienabbrecher auftauchen, aber in Wirklichkeit schon ganz lange nicht mehr an der Hochschule waren."

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