Samstag, 10. Dezember 2022

Archiv


Schmiergelder stets eingepreist

Die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 an Russland ging einher mit Veröffentlichungen von Regierungsdokumenten auf der Enthüllungs-Plattform Wikileaks. In einem hieß es: "Die Strategie der russischen Regierung ist, Gruppen des organisierten Verbrechens zu benutzen, um das erledigen zu lassen, was man als Regierung unzulässigerweise selber nicht tun könnte."

Von Jens Weinreich | 04.12.2010

    Die künftigen sportlichen Großereignisse, die Wladimir Putin und die Seinen akquiriert haben, sind ein gigantischer Selbstbedienungsladen für Staatsdiener, Politiker und Oligarchen. Das ist bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi, der Fußball-WM 2018 oder der Universiade 2013 in Kasan nicht anders als etwa beim Bau der Formel-1-Strecke in Sotschi.

    Elena Panfilowa, Chefin der russischen Sektion von Transparency International:

    "Es gibt jede Menge Geschichten im russischen Fußball. Da geht es nicht nur um Schmiergeld. In systemisch-korrupten Ländern wie Russland hat das Verbrechen viele Gesichter."

    Es gibt ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten aus Skandalen der vergangenen Jahre. Etwa mit Alimsan Tochtachunow, alias Taiwantschik, der 2002 für den Bestechungsskandal beim olympischen Eislaufen in Salt Lake City verantwortlich war. Tochtachunow darf Russland nicht verlassen, anderswo würde er verhaftet. Er lebt in Moskau, leitet die Stiftung des russischen Fußballverbandes, ist im Baugeschäft der Fußball-EM 2012 in der Ukraine engagiert und wird auch Großaufträge für die WM 2018 bekommen. Tochtachunow übrigens trifft sich in Moskau schon mal mit dem FIFA-Präsidenten Joseph Blatter.

    Roman Anin beschäftigt sich als Journalist der regierungskritischen Zeitung Nowaja Gaseta mit unsauberen Geschäften. Er sagt:

    "In Russland sind Schmiergelder gerade in der Bauwirtschaft stets inoffiziell eingepreist. Wenn unsere Regierung also davon spricht, zwölf Milliarden Dollar in Sotschi zu investieren, weiß jeder, dass 20 bis 30 Prozent dieses Geldes gestohlen werden. Deshalb werden die Summen am Ende immer größer."

    Schmiergelder für Politiker und Bürokraten sind stets eingerechnet. Und die Oligarchen und staatsnahen Firmen, von denen es oft heißt, sie würden "investieren", investieren nicht wirklich. Weil sie über staatliche Zuschüsse auf verschiedenen Kanälen so viel kassieren, dass sie am Ende kaum eigenes Geld in die Projekte gesteckt haben - aber den Profit kassieren.

    Das trifft für Oligarchen wie Oleg Deripaska oder Roman Abramowitsch genau so zu wie für Konzerne wie Gasprom, Rosneft, Rostelekom oder Sberbank, die allesamt im olympischen und Fußball-Business engagiert sind. Und schließlich ist da noch eine dritte Gruppe, die abkassiert, wobei die Grenzen fließend sind: die lokalen Autoriäten, die Bosse der organisierten Kriminalität, auch Diebe im Gesetz genannt.

    In Sotschi läuft beispielsweise kein Geschäft ohne Aslan Usojan alias Großvater Hasan. Der Gangster ist natürlich auch im Fußball-Business aktiv. In jedem russischen Profiklub sind kriminelle Autoritäten und/oder Oligarchen engagiert. Sie bekommen durch die Weltmeisterschaft ultramoderne Arenen, für die sie keinen Rubel zahlen müssen. In Sotschi übrigens tobt gerade ein blutiger Kampf von georgisch dominierten Clans um die Herrschaft im Schattenreich. Usoyan wurde im September in Moskau angeschossen, überlebte den Anschlag glücklich - Ende Oktober wurde sein Statthalter Eduard Kakosjan ermordet.

    Die Aufdeckung derartiger Vorgänge - ob nun Staats-Korruption oder organisiertes Verbrechen, was oft dasselbe ist - ist nicht unmöglich, aber hochgefährlich. Sechs Journalisten der Nowaja Gaseta sind bisher getötet worden. Die Gefahr ist allgegenwärtig. Roman Anin und neunzehn weitere Journalisten der Nowaja Geseta haben Ende November Elektroschocker erhalten, die ihnen in Notsituationen helfen sollen.

    Den besten Schutz für Journalisten in Russland beschreibt Chefredakteur Dmitri Muratow in neun Sekunden mit einigem Sarkasmus. Journalisten sind sicher, wenn...

    "… sie nicht über Neonazis, nicht über Korruption, nicht über den Geheimdienst und nicht über den Kaukasus-Konflikt schreiben."

    Dann aber, sagt Muratow, seien sie keine Journalisten mehr.

    Und wer auspackt, wer etwa kein Schmiergeld mehr zahlen will, wie der Bauunternehmer Waleri Morosow, der wird bedroht. Morosow hat große Aufträge in Sotschi abgewickelt - und er musste viele Millionen Schmiergeld zahlen. Das hat er öffentlich gemacht, nun muss er mit der Gefahr leben:

    "Meiner Frau und meinem Anwalt haben sie gesagt, dass Blut fließen wird, wenn wir nicht schweigen und aufhören, uns zu beschweren."

    Für die Fußball-WM in Russland will der Staat mehr als 30 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investieren. Viele Milliarden davon landen in dunklen Kanälen und auf Privatkonten. Das Geschäft kann beginnen.