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StartseiteForschung aktuellSchnell tickt die biologische Uhr18.11.2002

Schnell tickt die biologische Uhr

Vermehrte Unfruchtbarkeit ab dem 30. Lebensjahr

Beim Versuch, dieses Wissen unter das amerikanische Volk zu bringen, sind die dortigen Fruchtbarkeitsexperten auf eine weitere, verblüffende Wissenslücke gestoßen – diesmal bei ihren Kollegen.

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Warum hat mir das keiner gesagt ? Diese vorwurfsvolle Frage hört Karen Hammond an der Kirklin Klinik in Birmingham/Alabama immer wieder von Patientinnen. Nachdem sie mit 35 oder 36 die Karriereleiter erfolgreich bis zu einem gewissen Niveau erklommen haben, wünschen sie sich Kinder und merken: Es ist nicht mehr so leicht, schwanger zu werden. Warum hat ihnen das also niemand gesagt? Weil Ärzte und Krankenschwestern selbst nicht im Bild sind, so die profane Antwort, Das musste Karen Hammond bei einer Umfrage unter ihren Kollegen feststellen. 370 haben ihren Fragebogen ausgefüllt.

Die erste Frage war: In welchem Alter beginnt die Fruchtbarkeit von Frauen abzunehmen ? Mehr als die Hälfte antwortete: mit über 36. Ein Viertel glaubte gar, der Rückgang setze nicht vor 40 ein. Wir haben die Daten noch weiter analysiert um zu sehen, ob sich die Antworten unter männlichen und weiblichen Ärzten und Pflegepersonal unterschied. Interessanterweise schätzten die Frauen ein deutlich höheres Alter, als die Männer. Sie meinten im Schnitt, die Fruchtbarkeit beginne mit 37,7 Jahren abzunehmen. Die Männer rieten durchschnittlich 33,4 Jahre.

Tatsächlich ist mit 37 Jahren bereits die Hälfte aller Paare unfruchtbar, das heißt, obwohl sie versuchen, ein Kind zu zeugen gelingt das nicht innerhalb eines Jahres. Das war vor 30 Jahren nicht anders. Doch damals waren die Paare, die Kinder wollten im Schnitt jünger. Heute fühlen sie sich mit 36 oder 37 zwar vielleicht genauso jung, doch die biologische Uhr tickt deshalb nicht langsamer. Ab Anfang 30 setzt der Rückgang der Fertilität ein.

In einer Internet-Umfrage unter mehr als zwölftausend Frauen untersuchte die Amerikanische Gesellschaft für Infertitlität im vergangenen Jahr den Wissensstand im Land. 15 Fragen zum Thema Fruchtbarkeit und den Einfluss von Alter und Verhütungsmethoden konnte nur eine der zwölftausend Frauen vollständig richtig beantworten. Beim Alter für den Rückgang der Fruchtbarkeit verschätzten sich 88 Prozent um fünf bis zehn Jahre.

Da habe sie sich gefragt, wo die Frauen ihre Informationen her haben, berichtet Karen Hammond. Vielleicht würden sie ja auch falsch informiert, wenn sie sich Rat holen wollen – eben von Frauenärzten und deren Mitarbeitern.

Über die Fruchtbarkeit von Männern kursieren genauso falsche Vorstellungen. So meinen die meisten Menschen, nur ein hohes Alter der Mutter mache Krankheiten des Kindes, wie das Down Syndrom wahrscheinlicher. Tatsächlich finden sich aber bei Kindern von älteren Männern vermehrt Schizophrenien und auch bestimmte Fehlbildungen an Zähnen und Gliedmaßen. Diesem Phänomen ist der aus Indien stammende Biologe Narendra Singh von der Staats-Universität von Washington auf den Grund gegangen. Singh hat das Erbgut der Spermien von 60 Männern im Alter von 22 bis 60 untersucht.

Dabei fanden wir zwei wichtige Dinge heraus, erzählt er. Mit zunehmendem Alter wird die DNA der Spermien schadhafter, das heißt es treten immer häufiger Brüche in den DNA –Strängen auf. Spermien unterscheiden sich wesentlich von anderen Körperzellen dadurch, dass sie keine Reparaturmechanismen für die DNA haben. Dazu kommt, dass mit höherem Alter die Fähigkeit abnimmt, beschädigte Spermien auszusortieren. Kaputte Spermien werden nicht mehr durch Apoptose zerstört.

Die Apoptose, das Selbstmordprogramm von Zellen, das sie zerstört, wenn sie kaputt sind oder nicht mehr gebraucht werden, funktioniert ab einem Alter von etwa 35 immer weniger gut. Deshalb bleiben mehr der beschädigten Spermien am Leben. Narendrah Singh empfiehlt den Männern daher:

Entweder Sie schauen, dass sie ihre Kinder so für wie möglich haben. Oder sie sollten auf ihren Lebensstil achten, damit die Spermien in einem guten Umfeld reifen.

Will sagen, möglichst unbeeinflusst von schädlichen Substanzen wie Pestiziden, Zigarettenrauch oder Alkohol.

Dann packt der Inder sein eigenes Mittagessen aus. Ein Töpfchen voll Reis mit Erbsen.

von Grit Kienzlen

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