Montag, 05. Dezember 2022

Archiv

Schottlands Natur im Wandel
Die Moore kehren allmählich zurück

Die Bedeutung von Mooren für das Klima ist erst in den vergangenen Jahren deutlich geworden. Auch in Schottland wird versucht, trockengelegte Moore wieder zu bewässern. Wenn das noch geht. Denn für den Torf der Moore interessiert sich nicht nur der Gartenbau, sondern auch eine typisch schottische Branche: die Whiskyindustrie.

Von Gabor Paal | 12.08.2016

    Clifton Bain in einem Moor bei Edinburgh. Er leitet von Edinburgh aus das Moorprogramm der internationalen Naturschutzorganisation IUCN.
    Moorexperte Clifton Bain in einem Moor bei Edinburgh. (Gabor Paal)
    Gleich am Stadtrand von Edinburgh befindet sich das Red Moss of Balerno, ein altes Moor unterhalb der Pentland Hügel, beziehungsweise das, was davon übrig geblieben ist. Clifton Bain leitet von Edinburgh aus das Moorprogramm der internationalen Naturschutzorganisation IUCN. "Ein Fünftel von Schottlands Fläche besteht aus Mooren. Und 80 Prozent dieser Flächen sind geschädigt."
    Vier Meter mächtig ist das Moor hier – zumindest dort, wo es noch intakt ist. Doch genau das ist es an vielen Stellen nicht. "Diese Baumstümpfe dort sind vermutlich mehr als tausend Jahre alt. Als sich diese Landschaft nach der Eiszeit gebildet hat, wuchsen hier nämlich Bäume, dann wurde das Klima feuchter, ein Moor entstand, die Bäume sind abgestorben, die Moose haben sich durchgesetzt und die toten Baumstümpfe versanken im Moor. Und später haben die Menschen das Moor entwässert. Es sank in sich zusammen, die Baumstümpfe kamen wieder zum Vorschein."
    "Hier kann man die Schädigung am Moor gut sehen. In den 1950ern und 60ern hat die Regierung Landwirten bezahlt, wenn sie die Moore entwässerten und sie in Weideland verwandelten. So entstanden diese Kanäle, der Torf wird in die Flüsse ausgewaschen, aber noch wichtiger, wenn das Moor austrocknet, gelangt all der Kohlenstoff, der in diesen Mooren gespeichert ist, als CO2 in die Atmosphäre. Die geschädigten Moore in Großbritannien setzen so viel Treibhausgase frei wie die Städte Edinburgh, Leeds und Cardiff zusammen."
    Flora und Fauna kehren in die Moore zurück
    Ist das Moor ausgetrocknet, lässt sich der Schaden wieder halbwegs reparieren. In den alten Entwässerungskanälen stehen jetzt einfache niedrige Plastikwände, die das Wasser stauen, sodass das Moor wieder nass wird. "Und dann wächst das Moor wieder, das Sphagnum Moos blockiert den Kanal und irgendwann saugt sich das Moor wieder mit Wasser voll und formt eine natürliche Kuppe, das ist ja das Merkmal eines Hochmoors."
    "Und wenn wir näher gehen… , oh ja, hier ist es nass." Das Moor kommt zurück und mit ihm die ursprüngliche Vegetation, neben den Moosen sind das auch insektenfressende Pflanzen wie der rundblättrige Sonnentau mit seinen klebrigen Fangblättern. Und auch die typischen Brach- und Schnepfenvögel fühlen sich hier wieder heimisch.
    Das Red Moss bei Edinburgh ist klein. Viel größer sind die Moorgebiete im Norden des Landes. Das Flow Country an der schottischen Nordspitze ist eines der größten zusammenhängenden Deckenmoore der Welt und ein wichtiges Brutgebiet für Vögel. Bis in die 1980er-Jahre hinein wurde es nicht nur großflächig entwässert. Es wurden auch Bäume ins Moor gepflanzt. Die Aufforstung sollte Arbeitsplätze schaffen. Nun sind Bäume grundsätzlich ökologisch zwar sinnvoll, nicht jedoch in Moorgebieten. Sie trocknen das Moor aus, dadurch wird unter Umständen mehr CO2 freigesetzt als in den Bäumen wieder gespeichert wird. Doch die Erkenntnis kam sehr spät.
    Bäume werden aus Mooren entfernt
    "In den 1960ern bis 80er gab es Steuervergünstigungen für Leute, die Bäume im Moor pflanzten, dort wo Jahrtausende keine Bäume standen. Sie haben es entwässert und Nadelbäume gepflanzt. Heute dagegen gibt die Regierung Geld, um die Bäume wieder zu entfernen und zu helfen, das Moor zu restaurieren."
    Solche Restaurierungsmaßnahmen greifen aber nur dort, wo die Torfmasse zwar entwässert, aber immerhin noch vorhanden ist. Doch vielerorts gibt es gar kein Torf mehr. "Es werden immer noch lokale Hochmoore abgestochen, vor allem um Torf für den Gartenbau zu gewinnen. Was verrückt ist, weil es längst gute Alternativen gibt, auch für Heimgärtner. Trotzdem wird der Torf hauptsächlich für den Gartenbau verwendet. Aber auch die zunehmende Zahl an Windrädern stellen eine Bedrohung dar, wenn die Turbinen ins Moor gestellt werden mitsamt der ganzen Zufahrtswege."
    Windkrafträder bringen nämlich genau an den Standorten die beste Ausbeute, wo sich auch Moore befinden: an der windigen und regnerischen Westküste sowie auf den Bergkuppen. Da auf diesen Flächen auch sonst keine Landnutzung stattfindet, sind sie für die Windparkbetreiber auch finanziell kostengünstig. Es gibt aber noch eine Branche, die Torf abbaut – die Whiskyindustrie.
    Ein großer Haufen Torf auf dem Hof der Mälzerei Glenord in Schottland.
    Torf auf dem Hof der Mälzerei Glenord in Schottland. (Gabor Paal)
    Am Fuß von Schottlands höchstem Berg, dem Ben Nevis, befindet sich die Ben Nevis Distillery. Sie baut kräftig aus. Und produziert vor allem günstigen Whisky für den Massenmarkt. Sie produziert auch peated Whisky.
    Dieses Malz besteht aus Gerste, die nach dem Keimen über schwelendem, feuchtem Torf gedarrt wird, erklärt der junge Mitarbeiter Ian Fife. Je feuchter der Torf, desto rauchiger werde das Malz. Mit der wachsenden Nachfrage vor allem aus Asien könne er kaum Schritt halten, erklärt Geschäftsführer Colin Ross. Und auch die Japaner mögen den getorften Whisky mit seinem rauchigen Geschmack. "Ja, das tun sie! Bisher haben wir im Jahr etwa eine LKW-Ladung, also 28 Tonnen torfgedarrtes Malz verarbeitet. Aber am Ende dieses Jahres wird es wohl schon das Dreifache sein."
    Der Torf bringt den Geschmack in den Whisky
    Die Ben Nevis Distillery produziert ihr Malz nicht selbst, sie bezieht es aus der Nähe von Inverness. In dem Städtchen Muir of Ord befindet sich so eine Mälzerei, die torfgedarrtes Malz produziert. Strenger Malzgeruch liegt in der Luft. Im Hof der Mälzerei Glenord liegt eine LKW-Ladung von frischem dunklen Torf praktisch auf dem Boden herum. Etwa zehn Prozent der Malzproduktion sei torfgedarrt, erläutert Betriebsleiter Alister MacKenzie. Er führt mich zu einem mit Ziegeln ausgekleideten Ofen, unterhalb der Trommel mit dem Malz. Alister MacKenzie zeigt auf einen flachen Haufen Asche – die Überreste des letzten Torffeuers. "Früher gingen richtig Leute raus und haben hier in der Gegend Torf gestochen. Das war in der Zeit, als Torf auch noch als Brennstoff verwendet wurde. Heute beziehen wir unseren Torf von weiter her, aus dem Norden Schottlands."
    "Der Torf dient bei uns nicht der Erzeugung von Wärme." MacKenzies Kollegin Clair Frazer versucht mir klar zu machen, dass die Malz- und Whiskyindustrie so geringe Mengen Torf benötige, dass die wertvollen Moorbiotope darunter jedenfalls nicht litten. "Uns kommt es auf den Rauch an, wir brauchen keine Flammen. Deshalb halten wir ihn feucht, sodass er so langsam wie möglich herunter schwelt. Je langsamer der Torf verbrennt, desto mehr Rauch."
    Whiskyindustrie setzt sich für Restaurierung von Mooren ein
    Tatsächlich: Moorschutzexperte Clifton Bain sieht in der Whiskyindustrie nicht das große Problem. "Naja, von der Menge her geht das schon. Die Whiskyindustrie macht um den Torf so einen Zauber, deshalb denken viele, es gehe da um große Mengen, aber tatsächlich verwenden sie nur sehr wenig. Die Whiskyindustrie alleine wäre keine Gefahr für die Moore. Sie setzt sich im Gegenzug sogar für die Restaurierung von Mooren ein und schützt auf diese Weise die Moore mehr, als dass sie sie schädigt. Auch deshalb, weil Moore das Regenwasser filtern – und auch die Whiskyindustrie ist auf sauberes Wasser angewiesen."
    Clifton Bains Meinung deckt sich mit der Position anderer schottischer Naturschutzverbände. Sie alle lassen auf die Whiskyindustrie nichts kommen. Aus Überzeugung? Oder vielleicht doch, weil es höchst unpopulär wäre, sich mit dieser Branche anzulegen? Clifton Bain lacht. "Jeder Schotte mag Whisky. Und wer ihn nicht mag, sagt es nicht."