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StartseiteCampus & KarriereSchräge Töne aus dem Ministerium18.07.2013

Schräge Töne aus dem Ministerium

Baden-Württembergs Musikhochschulen wehren sich gegen Kahlschlag

Das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft und Kunst will sparen: Vier Millionen Euro pro Jahr an den fünf Musikhochschulen im Land. Von den 2500 Studienplätzen sollen 500 gestrichen werden - und zwar nur in Mannheim und Trossingen. Lehrende und Studierende wollen protestieren.

Von Thomas Wagner

Laut Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat sich der Arbeitsmarkt verändert. (AP)
Laut Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat sich der Arbeitsmarkt verändert. (AP)
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Das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft und Kunst will sparen. Vier Millionen Euro pro Jahr in den fünf Musikhochschulen im Land ist das Ziel. Ein vollwertiger Hochschulbetrieb sei damit nicht mehr möglich, befürchten Kritiker. Lehrende und Studierende wollen protestieren.

Oboenklänge dringen aus dem geöffneten Fenster eines Probenraums der Musikhochschule Trossingen: Über dem Eingang des nüchternen Zweckbaus aus den 80er Jahren hängt ein in bunten Buchstaben gemaltes Transparent. "Bespaßungsanstalt Trossingen" steht darauf - und: "MH Trossingen muss erhalten bleiben."

"Das ist einfach schade, dass so eine gute Hochschule geschlossen wird. Das wird nur eine Akademie aus dem normalen Hochschulbetrieb gemacht. Das finde ich sehr schade. Drum reden wir jetzt vom Bespaßungsinstitut."

Marina Leminskaya aus dem russischen Kaliningrad studiert im siebten Semester Akkordeon an der Musikhochschule Trossingen ganz im Süden Baden-Württembergs. Wie die meisten der rund 500 Studierenden macht sie einen leicht niedergeschlagenen Eindruck. Der Grund: die Sparpläne des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Wichtigste Eckpunkte: Vier Millionen Euro pro Jahr sollen in den fünf Musikhochschulen im Land eingespart werden. Betroffen sind vor allem die Standorte Mannheim und Trossingen. In Mannheim strebt das Ministerium eine Zusammenlegung mit der Pop-Akademie an. Und in Trossingen?

"Trossingen wird als Hochschule deklassiert. Es soll eine Akademie werden. Diese Akademie soll während der Semesterzeiten die anderen zwei Hochschulen bedienen mit irgendwelchen Kursen. So sieht es das Konzept vor. Ich kann das nicht anders lesen, wenn es da heißt: Die Räumlichkeiten und die Verwaltungskapazitäten der Musikhochschule Trossingen werden für eine landesweite Musikhochschule zur Verfügung gestellt. Das ist für mich ein Raumnutzungskonzept und kein Hochschulkonzept",

zitiert Professor Elisabeth Gutjahr, Rektorin der Musikhochschule Trossingen, ziemlich verärgert aus dem jüngsten Papier des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Das, was dort geschrieben steht, bedeutet nach Ansicht von Elisabeth Gutjahr nichts anderes, als dass Trossingen nach über sechs Jahrzehnten seinen Status als vollwertige Musikhochschule verlieren wird.

Die Musikhochschule Trossingen konzentriere sich zukünftig auch die Schwerpunkte "Alte Musik" und "Elementare Musikpädagogik" und soll, so liest es Elisabeth Gutjahr aus dem Papier heraus, in diesen Bereichen hauptsächlich Studierende ausbilden, die den Rest ihrer Ausbildung an anderen Standorten fortsetzen. Zudem soll die Zahl der Studierenden alleine in Trossingen von derzeit 500 auf 300 heruntergefahren werden. Ein eigenständiger Hochschulbetrieb sieht anders aus, klagt Rektorin Elisabeth Gutjahr:

"Tatsächlich ist es sehr, sehr schlimm, viel schlimmer als ich befürchtet habe. Tatsächlich wurde kein Sparkonzept oder ein Konzept zur Qualitätssteigerung umgesetzt, sondern ein Kahlschlag."

"Also der Unterricht fängt jetzt gerade an. Ich habe eine Mozartsonate in Arbeit."

Doch die Studierenden lassen sich durch die Schreckensmeldungen aus Stuttgart so schnell nicht unterkriegen, proben unermüdlich weiter. In Stuttgart dagegen weist die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer allerdings auf eines hin: In allen Bereichen müsse gespart werden, eben auch an den Musikhochschulen. Und: Mit derzeit 2500 Studienplätzen halte Baden-Württemberg derzeit ohnehin Überkapazitäten vor, so Theresia Bauer im Programm SWR 2:

"Der Arbeitsmarkt der Musiker hat sich verändert. Wir haben weniger Möglichkeiten, qualifizierte Absolventen in Orchestern unterzubringen. Und wir haben einige Anzeichen dafür, dass es für Absolventen der Musikhochschulen schwierig ist, auch freiberuflich ordentlich viel zu verdienen und durchs Leben zu kommen. Und deshalb, glauben wir, ist es auch im Interesse der Studierenden, dass wir einen vertretbaren Rückbau im Bachelor- und Masterbereich vornehmen: 500 fallen weg. 2000 bleiben erhalten."

Die Rektorin der Trossinger Musikhochschule kann diese Argumentation nicht nachvollziehen. Das Gegenteil sei wahr: Mehr Musiklehrer braucht das Land, sagt Elisabeth Gutjahr:

"Es ist nachgewiesen, dass in den Musikberufen ein großer Bedarf ist. Seit über zwölf, dreizehn Jahren ist die Arbeitslosigkeit bei den Musikern unter dem Bundesdurchschnitt, Tendenz fallend. Es gibt bestimmte Bereiche, wo Fachkräftemangel herrscht: Elementare Musikpädagogik, Kinderstimmenbildung, Rhythmik, Musik und Bewegung. Das ist im Bereich Gitarre. Jeder Student hat schon im ersten Semester eine Vollanstellung in einer Musikhochschule, weil die um Lehrkräfte buhlen. Ähnliches gibt es im Gesang."

Viele Absolventen arbeiteten freiberuflich, würden engagiert von Chören, Blasorchestern, Musikschulen. Ohnehin dürfe sich das Studienangebot nicht nur an den aktuellen Beschäftigungschancen orientieren.

"Schauen Sie mal Mozart an: Unter dem Aspekt Festanstellung wäre er ein Looser. Unter dem Aspekt 'Wertschöpfung' ist er der Held schlechthin. Wie viele Industrien leben heute vom Label Mozart. Das können sie gar nicht mehr in Geld aufwiegen."

Und so proben die Studierenden der Musikhochschule Trossingen dann unverdrossen weiter. Auf einer eiligst einberufenen Vollversammlung haben sie im Einklang mit den Lehrenden beschlossen: Sie wollen dem Streichkonzert der Landesregierung etwas entgegensetzen - und zwar auf ihre ganz eigene Art und Weise. Studentin Marina Leminskaya:

"Ab nächstem Semester gibt's dann auch Protestaktionen. Es gibt dann viele Konzerte, fast jede Woche wird dann jeden Tag eines stattfinden."

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