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StartseiteAls stünde die Zeit still …"Noch einmal neu anfangen"08.05.2005

Schriftstellerin Carola Stern zum Kriegsende"Noch einmal neu anfangen"

Als Deutschland den Krieg verloren, brach für ihre Mutter die Welt zusammen. Carola Stern, Tochter einer "fanatischen Nationalsozialistin", war bis zum Kriegsende eine eifrige Jungmädelführerin der NS-Bewegung, danach ein überzeugtes SED-Mitglied. Erst später kam die Trauer über die Zeit der falschen Ideale.

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

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Carola Stern, Journalistin und Schriftstellerin (picture-alliance / Sven Simon)
Carola Stern, Journalistin und Schriftstellerin (picture-alliance / Sven Simon)
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"Es war nicht so sehr Hitler, der mich beeindruckt hat. Also, ich habe ihn einmal gesehen und war eigentlich sehr enttäuscht. Ich fand, er sah aus wie ein Sparkassenangestellter und verwechselte wie und als. Das alles hat mich nicht beeindruckt. Was mich, glaube ich, am stärksten beeindruckt hat, ist die Idee vom Reich, die Idee von der Überlegenheit der Deutschen. Meine Großmutter sagte, stelle einen Deutschen auf einen Felsen und er macht einen blühenden Garten daraus."

Carola Stern wurde am 14. November 1925 in Ahlbeck auf Usedom geboren. Die Mutter, früh verwitwet, betrieb eine Fremdenpension und war fanatische Nationalsozialistin. Auch Carola Stern wollte dazu gehören, im Mittelpunkt stehen, den Ton angeben. Bis zum Kriegsende war sie eine begeisterte Jungmädelführerin. 1945 waren die NS-Blütenträume längst ausgeträumt. Deutschland lag in Schutt und Asche.

Mutter und Tochter halten lange an der Idee des "Endsiegs" fest

Wochenschau: "Panzerfaust-Schießen in einer deutschen Stadt. Hier kann jeder Deutsche die Handhabung dieses vom Feind gefürchteten Panzernahbekämpfungsmittels kennen lernen. Es ist genauso einfach, wie es aussieht. Auch Frauen können diese Waffe mit Leichtigkeit bedienen."

"So im Februar 1945 ging meine Mutter noch zusammen mit anderen Frauen in den Wald, um schießen zu lernen. Beim Ortsgruppenleiter. Was sie sich vorstellten? Wollten sie Ahlbeck, wollten sie unseren Ort verteidigen gegen russische Panzer, oder was? Ich weiß es nicht."

Als stünde die Zeit still ... Das Bild zeigt das zerstörte Nürnberg, Text: 8. Mai 1945, (imago images / Everett Collection) (imago images / Everett Collection)

Trotz der verheerenden Berichte von der Front fantasierten Carola Stern und ihre Mutter wie viele andere noch bis zum Frühling 1945 von einer Wende im Kriegsverlauf, vom Endsieg.

"Dann kann der 20. April 1945. Meine Mutter und ich hörten die Rede von Goebbels im Rundfunk."

Goebbels: "Wenn es aber männlich und deutsch ist, als Führer eines großen und tapferen Volkes ganz auf sich allein gestellt, diesen Kampf zu bestehen, dann ist es ebenso männlich und deutsch, einem solchen Führer zu folgen, auf den guten Stern zu vertrauen, der über ihm…"

"Der sagte: Wien wird wieder deutsch, Berlin bleibt deutsch. Der Sieg ist unser. Gott sei Dank, sagt meine Mutter. Jetzt kommen die Wunderwaffen. Ich sag: Mutti, glaubst du das im Ernst? Es ist alles verloren. Meine Mutter sagte: Denkst du etwa, dass uns der Führer in dieser Situation belügt, dass uns Goebbels in dieser Situation belügt? Ja, sage ich, das glaube ich. Und dann, eine Woche später, gingen meine Mutter, mein kleiner 15-jährigen Vetter und ich auf die Flucht."

Getrieben von der Angst vor der Rache der Sieger

"Auf diesem Weg nach Westen trafen wir dann Soldaten, die uns sagten, der Führer sei im Kampf um das großdeutsche Reich gefallen. Und mein kleiner Vetter sagte: Jetzt hat das Leben keinen Sinn mehr. Meine Mutter weinte, und ich sagte: Glaubt ihr das, dass der Führer gefallen ist? Der Führer hat sich das Leben genommen, und wir liegen hier im Dreck. Das ist das Ergebnis. Und ich habe ein dreckiges Kleid. Und das ist alles, was uns geblieben ist. Dann hielt der Zug am 1. Mai 1945 kurz vor dem Bahnhof in Rostock. Und einmal sah meine Mutter aus diesem kleinen Fenster und sagte: Kinder, seht mal, dort kommen die deutschen Panzer. Nee, sagten wir, Mutti, es sind die Russen. "

Carola Stern blieb nach Kriegsende im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands. Alte Überzeugungen verblassten, neue traten an ihre Stelle. Aus der einstigen Jungmädelführerin wurde ein überzeugtes Mitglied der SED. Die Zeit, um über falsche Ideale und eigene Verfehlungen zu trauern, nahm sie sich zunächst nicht.

"Erst ziemlich spät, weiß ich, dass ich zusammen mit einer Jüdin einen Film über Auschwitz gesehen habe, mit einer Jüdin, die selbst mit 14 Jahren nach Auschwitz gekommen ist. Und es ist einer der unvergesslichsten Augenblicke meines Lebens geblieben. Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals in meinem Leben so geschämt zu haben wie nach diesem Film, und so hilflos gewesen zu sein."

Carola Stern wandelte sich zur Demokratin. Sie arbeitete als Lehrerin, wurde Journalistin und Mitbegründerin der deutschen Sektion von amnesty international. Im Rückblick auf den Mai 1945 sagt sie heute:

"Dann dachte ich viel darüber nach, was es eigentlich bedeutet, treu zu sein. Denn wir hatten gesungen: Und haben wir die Treue und sonst nichts auf der Welt... und dann am Schluss hieß es: und im Unglück nun auch erst recht. Und ich dachte, muss man nicht treu sein, der Sache treu bleiben? Und dann dachte ich wieder, ja, aber Hitler ist ja auch nicht treu geblieben. Gibt es irgendetwas, was wichtiger ist als Treue? Und ich kam nicht damit zurecht. Dann wieder dachte ich: Schön, dass jetzt endlich Frieden ist. Und du bist 19 Jahre alt, und du kannst noch einmal neu anfangen. Und kannst versuchen, dir die ganze Welt zu erobern und in die Welt hinauszukommen. Jetzt kannst du mit Recht davon träumen, eines Tages auf einen Ball zu gehen und ein wunderschönes, langes Ballkleid tragen mit einem Kavalier im Frack an deiner Seite und mit einem Fächer und Wiener Walzer tanzen. Das war für mich Frieden. Ich bin bis heute nicht auf einem Ball gewesen."

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