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Schriftstellerin Jane Bowles vor 100 Jahren geborenEin ausschweifendes Leben

Ein Roman, ein Theaterstück und eine gute Handvoll Kurzgeschichten: Das Werk der 1917 geborenen amerikanischen Schriftstellerin Jane Bowles ist übersichtlich. Dabei bot ihr Leben genügend Stoff für weit mehr: Bowles war manisch-depressiv, geplagt von Phobien, offen lesbisch und dennoch verheiratet mit einem Mann, der ihr zumindest beruflich die Show stahl.

Von Ruth Fühner | 22.02.2017

Blick auf die Altstadt von Tanger in einer Aufnahme von 1961
Ende der 40er-Jahre führten Jane Bowles und ihr Mann ein ausschweifendes Leben in Tanger. (dpa / picture alliance / Gerhard Rauchwetter)
"Mrs. Copperfield ... ließ die Hand auf den Tisch fallen. Sie sah ganz erbärmlich aus. 'Ich bin vor die Hunde gegangen – und das ist etwas, das ich mir seit Jahren gewünscht habe. Ich weiß, meine Schuld könnte nicht größer sein, aber ich habe mein Glück, und das verteidige ich wie eine Wölfin, und Autorität habe ich jetzt, und etwas mehr Kühnheit.'"
Dass und wie sie selbst einmal "vor die Hunde" gehen würde, war noch nicht absehbar, als Jane Bowles dies schrieb. Mrs. Copperfield ist eine der "Zwei sehr ernsthafte(n) Damen", die im Zentrum ihres ersten und einzigen Romans stehen: Zwei Frauen, denen kein Preis zu hoch ist, um sich Freiheit und Autonomie zu erobern.
Jane Bowles, geboren am 22. Februar 1917, entstammte einer New Yorker Mittelschichtfamilie. Von einem Reitunfall in ihrer Jugend behielt sie eine Gehbehinderung zurück – sarkastisch bezeichnete sie sich selbst als "Crippie the Kike Dike", jüdische Krüppel-Lesbe. Doch mindestens genauso haltbar wie ihre provokativ offen ausgelebte Neigung zu Frauen war die widersprüchliche Beziehung zu dem Mann ihres Lebens, dem Komponisten Paul Bowles.
Ein seltsames Paar
Seit 1938 verheiratet, waren Jane und Paul Bowles ein seltsames Paar. Beide bisexuell und ansonsten extrem unterschiedlich: er der elegante Gentleman, sie ein Kobold mit unbezähmbarer rotgefärbter Mähne und einer Vorliebe für kubanische Zigarren. Er vernarrt in abenteuerliche Reisen, sie geplagt von Ängsten aller Art, vor Aufzügen und tropischen Krankheiten, Phobien, die ihnen beiden schon die Hochzeitsreise nach Panama vergällten. Ein vergiftetes Echo dieser Reise findet sich in ihrem Roman "Zwei sehr ernsthafte Damen".
"Ich bin unglücklich", sagte sie.
"Schon wieder? Was ist es denn diesmal?", fragte Mr. Copperfield.
"Ich fühl mich so verloren und so weit weg von allem, und ich fürchte mich so."
"Was gibt's denn hier zum Fürchten?"
"Ich weiß nicht. Es ist alles so seltsam, und es hat keine Verbindung mit irgendwas."
Erfrischend antipsychologisch
"Two serious Ladies" ist eine einzige Attacke auf bürgerliche Werte und Anstandsregeln – erfrischend antipsychologisch, lockert der Roman jede festgefahrene Vorstellung davon, welches die angemessene emotionale Reaktion in jeder Lebenslage sein sollte.
Der Roman, 1943 veröffentlicht, machte Jane Bowles zum literarischen Shooting Star. Ihren Mann allerdings hatte die gemeinsame Bearbeitung ihres Manuskripts auf den Geschmack gebracht. Paul Bowles begann nun selber zu schreiben – was eine ungute Rivalität beförderte. Ihn sollte sie zum Welterfolg führen, sie zu immer schlimmeren Schreibblockaden.
Drogen und Sex für wenig Geld
1948 folgte Jane Bowles ihrem Mann nach Tanger, damals eine internationale Enklave, in der Drogen und Sex für wenig Geld zu haben waren. Beide machten sie – zusammen und getrennt – ausgiebig Gebrauch davon. Sie, Jane, ging eine fatale Beziehung zu einer Marokkanerin ein, die er verabscheute und die Jane nach Strich und Faden ausnutzte.
Noch einige Kurzgeschichten schrieb Jane Bowles - und das Theaterstück "Im Sommerhaus", das am Broadway, mit Musik von Paul, allerdings eher gemischte Aufnahme fand.
In seinem Roman "Der Himmel über der Wüste" nimmt Paul Bowles den kommenden Zusammenbruch seiner Frau vorweg, die hier Kit heißt:
"Ein großer Teil ihres Daseins war mit der Sondierung von 'Vorzeichen' ausgefüllt. Und so war es weiter nicht verwunderlich, dass ihre Fähigkeit, die Alltagsroutine zu ertragen, sich auf ein Minimum reduzierte, wenn ein Zweifel sie hinderte, diese Vorzeichen zu klassifizieren. Es schien dann, als sei sie von einer seltsamen Lähmung befallen. Sie reagierte überhaupt auf nichts mehr; ihr ganzes Wesen zog sich in sich selbst zurück; sie bekam einen gehetzten Blick. An diesen Tagen sagten die Freunde, die sie gut kannten: 'oh, wieder mal einer von Kits Tagen'."
Tod mit nur 56 Jahren
Manisch-depressiv, abhängig von Pillen und immer größeren Mengen Gin, erlitt Jane Bowles um ihren 40. Geburtstag herum einen Schlaganfall. Ihr Mann pflegte seine am Ende blinde und gelähmte Frau über Jahre hinweg, hingebungsvoll und hasserfüllt gleichermaßen. Als sie begann, ungedeckte Schecks auszustellen, wurde ihre Lage in Marokko bedrohlich, und Paul ließ sie in eine psychiatrische Klinik im spanischen Málaga einweisen. Dort starb Jane Bowles 1973 im Alter von 56 Jahren.