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StartseiteCampus & KarriereSoziologe: Der positive Effekt ethnischer Vielfalt17.12.2019

Schüler mit Migrationshintergrund Soziologe: Der positive Effekt ethnischer Vielfalt

Ein erfolgreiches Zusammenleben verlange nicht, dass sich alle gleich stark als Deutsche fühlten, sagte der Soziologe Clemens Kroneberg im Dlf. Wo nur wenige Migrantenkinder das Gymnasium besuchten, spiele Deutschsein eine große Rolle. An Gymnasien mit vielen dieser Schüler trete das in den Hintergrund.

Clemens Kroneberg im Gespräch mit Thekla Jahn

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Unterricht in einer Berliner Schulklasse (Imago / Thomas Trutschel)
Ein erfolgreiches Zusammenleben in ethnischer Vielfalt verlange nicht, dass sich alle gleich stark als Deutsche fühlten, so Kroneberg im Dlf (Imago / Thomas Trutschel)
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Thekla Jahn: Seit Jahren ändert sich nichts. Schüler mit Migrationshintergrund gehen sehr viel seltener zum Gymnasium als Kinder ohne Migrationshintergrund. Und das hat natürlich weitreichende Folgen für die Bildungs- und Karrierewege. Natürlich können Schüler ohne Fachabitur oder Abitur diese Schulabschlüsse später nachholen und studieren, sie können aber auch nach einer beruflichen Ausbildung ohne Studium Karriere machen – es wird nur deutlich schwieriger. Doch das schulische Umfeld beeinflusst nicht nur den beruflichen Lebensweg, es beeinflusst auch, wie sehr sich Jugendliche mit Migrationshintergrund als Deutsche fühlen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Köln, Mitautor ist Professor Clemens Kroneberg vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie, jetzt bei mir im Studio. Schönen guten Tag!

Clemens Kroneberg: Guten Tag, Frau Jahn!

Schule, Lehrer, Mitschüler beeinflussen die Identität

Jahn: Herr Kroneberg, inwiefern, das müssen Sie uns erklären, beeinflusst die Schule, ob sich Schüler als Deutsche fühlen?

Kroneberg: Generell ist es so, dass gerade in der weiterführenden Schule im Jugendalter Jugendliche natürlich ihre Identität erst ausbilden, da ganz auch sozialen Einflüssen unterliegen, also nicht nur vom Elternhaus, sondern gerade auch von den Lehrern, von der Institution Schule, aber auch von ihren Mitschülerinnen. Und man kann eben nachweisen, dass die Schule, die die Jugendlichen besuchen, stark mitbeeinflusst, wie stark sie sich als Deutsche fühlen.

Starke Tendenz, sich als Deutsche zu fühlen

Jahn: Warum ist das so?

Kroneberg: Wir haben uns 144 Schulen angeschaut in Deutschland. Und da gibt es nun Gegenden, in denen die Gymnasien relativ wenig ethnische Vielfalt aufweisen. Und die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die es in den Gegenden dennoch schaffen, aufs Gymnasium zu gehen, die unterscheiden sich eben stark auch in ihrer eigenen Wahrnehmung von Jugendlichen, die auch Migrationshintergrund haben. Und wir können zeigen, dass die dann plötzlich – ein Teil von denen zumindest – eine starke Tendenz hat, sich sehr stark als Deutsche zu fühlen, weil sie eben auf diese Gymnasien gehen, was andere Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Gegenden nicht tun. Ein Grund ist sicherlich, dass man sich als anders erlebt und dass auch das natürlich eine attraktive Identität ist, insofern als dass man selber erfolgreich ist, man selber hat es geschafft aufs Gymnasium, das gibt erst mal die Möglichkeit, eine positive Identität zu entwickeln, wenn man denn als Deutscher akzeptiert wird. Und da sind wir bei dem Zweiten, man muss sagen, dass diese Schulen natürlich dann eher auch nach wie vor Schulen sind, in denen eine deutsche Leitkultur verankert ist. Das heißt, dass man sich vielleicht auch unter sozialem Druck fühlt, stärker sich deutsch zu verhalten oder als das, was als deutsch gilt. Und da finden wir interessanterweise nämlich, dass die Schülerinnen und Schüler auch eher befreundet sind mit Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, wenn sie sich sehr stark als Deutsche fühlen und dann wahrscheinlich auch geben. Also auch gerade für die soziale Akzeptanz unter Mitschülern scheint es auf diesen Gymnasien durchaus relevant zu sein, wie stark man sich als Deutscher fühlt.

Migrantenkinder als Normalfall

Jahn: Jetzt muss man natürlich ganz kurz mal über die Zahlenverhältnisse sprechen. Was heißt denn wenige Schüler in einer Klasse mit Migrationshintergrund? Vielleicht haben sie dann gar keine andere Chance, als sich deutsche Mitschüler als Freunde zu suchen.

Kroneberg: Das variiert von Schule zu Schule.

Jahn: Aber wenig heißt dann wie viel? Also ein Schüler mit Migrationshintergrund oder fünf oder …

Kroneberg: Ja, also, sagen wir sieben oder acht oder zehn. Also, das variiert von Schule zu Schule, aber es ist nicht so, dass es so wenige sind, dass man keine Gelegenheit hätte, auch nur eigenethnische Freundschaften zu haben. Aber das Zentrale ist eben, dass es in anderen Gegenden anders ist. Wir befinden sowohl auf anderen Schulformen als auch in Gegenden mit stärkerer Bildungsgleichheit, wo es einfach der Normalfall ist, auch auf den Gymnasien mehr Kinder mit Migrationshintergrund zu haben, dass dort diese starke Identifikation als Deutscher, dieses Deutschsein, einfach nicht mehr so eine relevante Frage ist. Da gibt es keinen besonderen, starken Impuls, sich sehr als Deutscher zu fühlen – und diese Gefühle sind auch weniger wichtig für die Freundschaften.

Frage des Deutschseins nicht so wichtig

Jahn: Jetzt sind aber Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund keine homogene Gruppe, sondern die setzt sich aus vielen verschiedenen Ethnien zusammen. Identifiziert sich denn dann jeder mit einem anderen kulturellen Hintergrund oder alle zusammen als nicht Deutsche oder wie ist das dann in diesen Klassen?

Kroneberg: Wir haben uns die nationale Seite der Identifikation angeschaut. Häufig, das ist eigentlich der Normalfall, haben aber auch Jugendliche mit Migrationshintergrund eben zwei Identitäten, leben sozusagen gerade im Dazwischen, aber das war nicht so sehr der Fokus unserer Studie. Interessant ist aber doch, dass einfach in Gegenden, in denen das Normalfall ist, dass sie auf das Gymnasium gehen, es scheinbar nicht so wichtig ist die Frage des Deutschseins. Die sind, was ethnische Vielfalt angeht, im Normalmodus. Und wahrscheinlich ist es auch so, dass Jugendliche auf diesen Schulen weniger stark sich auch unter Druck fühlen, sich besonders deutsch geben zu müssen.

Akzeptanzprobleme muslimischer Jugendlicher

Jahn: Sie sprechen jetzt von dem Druck. Ist es von den Kindern aus so geäußert worden, dass sie sich unter Druck fühlen?

Kroneberg: Das können wir nicht unterscheiden, inwiefern das gewünschte Übernahme der Identität ist oder man es eher als Druck empfindet. Aber es gibt ganz wichtige Unterschiede, je nach Religionszugehörigkeit. Es ist nämlich so, dass dieser verstärkte Versuch, deutsch zu sein und als deutsch auch sozial akzeptiert zu werden, dass sich das nicht bei muslimischen Jugendlichen findet, dass selbst an diesen Gymnasien in diesen Gegenden, in denen eigentlich die Gymnasiasten mit Migrationshintergrund eher einen Anreiz haben, sich als deutsch zu sehen, dass das bei Muslimen auch da eher unterbleibt. Und ein Grund könnte sein, dafür gibt es viele Hinweise in der Forschung, dass für muslimische Jugendliche es einfach sehr viel schwieriger ist, von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden als Teil der deutschen Nation, gerade weil die deutsche Nation ja auch so eine sehr stark ethnisch definierte Nation ist.

Ablehnung verfestigt "Othering"

Jahn: Sie sagen, es ist schwieriger für die Jugendlichen, sich akzeptiert zu fühlen. Könnte man das auch andersherum drehen, sie wollen sich möglicherweise gar nicht so fühlen?

Kroneberg: Da gibt es natürlich einen Prozess zu Rückwirkungen hin und her. Es gibt starke auch experimentelle Evidenz dafür, dass es Diskriminierung insbesondere von muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gibt, sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auf dem Wohnungsmarkt. Man sieht es auch an der Diskussion um Leitkultur und Kopftuchverbot, dass sich muslimische Jugendliche dem ausgesetzt sehen, was man auch Othering nennt in der Literatur, also dass sie als andersartig, als fremd konstruiert werden von der Mehrheitsgesellschaft. Und insofern, kann es gut sein, dass eine geringere Bereitschaft sich ausbildet, nachdem man diese Ablehnungen erfahren hat.

Ausmaß der Teilhabe am Gymnasium sehr wichtig

Jahn: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihren Studienergebnissen für die Schulformen, möglicherweise auch für die Zusammensetzung von Klassen? Das könnte man ja je nachdem auch steuern.

Kroneberg: Also erst mal ist es wichtig, dass man eben davon weggeht, das deutsche Bildungssystem einfach sehr pauschalisierend zu kritisieren für seinen Umgang mit ethnischer Vielfalt. Viel wichtiger ist, dass man wirklich genau hinschaut, lokal, auch in konkreten Schulen, wie ist das Klima, gibt es so was wie Alltagsrassismus im schulischen Bereich, ist der mehr oder weniger stark ausgeprägt, wovon hängt das ab. Und wir können eben zeigen, dass das Ausmaß der Teilhabe am Gymnasium ein wichtiger Faktor ist. Und es gibt generell natürlich politische Gründe, warum man befürworten kann, dass mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund auch das Gymnasium besuchen. Und wir zeigen praktisch, dass das auch noch eine zusätzlichen positiven Effekt hätte, nämlich dass es wahrscheinlich so ist, dass damit ethnische Vielfalt auch in diesen Institutionen zur Normalität noch stärker wird, was dann bedeuten kann, dass einfach diese Frage des Deutschseins etwas in den Hintergrund tritt. Und man muss auch sagen, es ist wahrscheinlich so, dass ein erfolgreiches Zusammenleben in ethnischer Vielfalt nicht verlangt, dass sich alle gleichermaßen stark sehr als Deutsche fühlen, sondern dass ein Stück weit auch diese Frage in den Hintergrund treten kann. Und das wird eben eher möglich, wenn es eine breitere Teilhabe gibt – auch auf dem Gymnasium.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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