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StartseiteCampus & Karriere"Thema DDR fast so weit entfernt wie die Antike"06.11.2019

Schülerwissen über den Mauerfall"Thema DDR fast so weit entfernt wie die Antike"

Niko Lamprecht vom Geschichtslehrerverband stellt "wenig gefestigtes Wissen" über die DDR vor allem bei westdeutschen Schülern fest. Man dürfe aber nicht zu hart mit den jungen Leuten sein, sagte er im Dlf. Aufgabe des Geschichtsunterrichts sei es, sie für das Thema zu interessieren.

Niko Lamprecht im Gespräch mit Thekla Jahn

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Touristen und Besucher stehen vor dem sogenannten "Bruderkussgemälde" an der East Side Gallery. Vor fast 30 Jahren hatten sich hier Künstler verewigt und das längste noch erhaltene Teilstück der Berliner Mauer mit ihren Kunstwerken umgedeutet. (dpa / Arne Immanuel Bänsch)
Jugendliche fotografieren das "Bruderkussgemälde" in Berlin (dpa / Arne Immanuel Bänsch)
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Thekla Jahn: So wenig Wissen über die DDR, über die friedliche Revolution, über den Mauerfall und der Wiedervereinigung bei den Schülern in unserem Land - sind die Geschichtslehrer daran schuld? Und wie begegnen sie dem Thema? Das habe ich mit Niko Lamprecht vom Verband der Geschichtslehrer Deutschlands besprochen. Er ist Schulleiter der Carl-von-Ossietzky-Schule in Wiesbaden und selbst Geschichtslehrer. Als erstes habe ich ihn gefragt: Wie viel wissen denn Ihre Schüler über die DDR?

Niko Lamprecht: Wenn ich den Unterricht in meinen Oberstufenkursen beginne und zum Thema DDR komme, treffe ich auf eine sehr unterschiedliche Wissensbasis. Das ist uns klar, da die Schüler ja aus verschiedenen Systemen zu uns kommen. Und ich glaube, es ist auch der normale Befund für westdeutsche Schülerinnen und Schüler, dass sie relativ wenig gefestigtes Wissen haben. Sie können vielleicht sagen, dass Honecker etwas mit der DDR zu tun hatte, und sie wissen vielleicht auch, dass da ein Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten bestand, aber sobald man in die Details geht, wird das oft schwierig.

"Im Westen fehlt die Weitergabe über Großeltern oder Eltern"

Thekla Jahn: Wie kommt das, dass Schüler in Westdeutschland, Sie haben es gerade angesprochen, so fast gar nichts wissen?

Lamprecht: Nun, da kommt man zu einem Konglomerat an Problemen. Erstens darf man ja nicht zu hart mit den jungen Leuten sein, es gibt ja eine Vergessenskurve. Und selbst, wenn sich die Lehrkräfte in der neunten oder zehnten Klasse, wo man in die Jetzt-Zeit kommen sollte, Mühe geben, kann es ja passieren, dass Schülerinnen oder Schüler das bis zur elften, zwölften, dreizehnten Klasse wieder vergessen haben. Zweitens ist es ein Thema, das für 16-, 17-, 18-Jährige fast so weit entfernt ist wie die Antike. Sie haben es nicht direkt erlebt und im Westen fehlt dann ja oft auch die Weitergabe, das narrative Prinzip über Großeltern oder Eltern - es sei denn, man hat eben da entsprechende Positionen in der Familie.

"Die Narrative sind unterschiedlich"

Jahn: Jetzt haben wir gerade eben im Beitrag gehört über das DDR-Museum in Perleberg, dass auch in der ehemaligen DDR, also in Ostdeutschland, die Schüler nicht besonders viel wissen, obwohl ihre Eltern, ihre Großeltern ihnen eigentlich erzählen könnten, was in der DDR vorgefallen ist oder was sie erlebt haben. Wie lässt sich das denn erklären?

Lamprecht: Erstens verweise ich wieder auf die sogenannte Vergessenskurve, die auch im Osten vorhanden ist. Aber das zweite Problem ist, dass wir im Osten von Lehrkräften, die im Verband sind, oft berichtet bekommen, das Thema wird nicht von allen Lehrkräften sehr aktiv betrieben, da sie zum Teil eben noch selbst befangen sind. Da haben wir ein ähnliches Phänomen wie nach dem Dritten Reich, 1945, 50, 60 war das in den Schulen auch noch sehr schwierig mit der Aufarbeitung. Und in den Familien wird auch sehr unterschiedlich damit umgegangen. Die Narrative sind unterschiedlich. Ein ehemaliger SED-Anhänger wird seinen Kindern oder Enkeln etwas anderes erzählen als der Oppositionelle oder gar Dissident. Und insofern ist es sehr schwierig, da auf eine feste Basis zu kommen. Der Osten hat sozusagen mehr Geschichte in den Knochen, aber das wird den jungen Leuten, den Schülerinnen und Schülern unterschiedlich vermittelt.

"Man muss entsprechende Materialien anbieten"

Jahn: Das Vermitteln ist ja nun eins, da reden wir gleich noch drüber, das andere ist ja auch das Interesse. Sie haben es schon angesprochen, 16-, 17-Jährige sind nicht unbedingt so interessiert am Geschichtsunterricht möglicherweise insgesamt, aber vielleicht auch gar nicht am Thema DDR. Wie versuchen Sie an Ihrer Schule, die Schüler zu motivieren beziehungsweise sie zu interessieren für das Thema DDR?

Lamprecht: Man muss entsprechende Materialien anbieten, vielleicht nicht nur Textarbeit betreiben, sondern auch über die üblichen auditiven Medien noch dazusteuern, ein Video, natürlich nicht zwei Stunden lang, sondern in Kürze einblenden und nachbesprechen, einen Gedenkort besuchen und so versuchen, eine emotionale Basis zu schaffen, damit das Interesse anfängt. Das gelingt. Wir holen auch Referenten an die Schule, jetzt am 8.11. haben wir zum Beispiel Rudolf Dertinger an der Schule, der einem ganzen Jahrgang aus seiner Kenntnis des Außenministeriums der DDR etwas erzählen kann. Und auf dem Weg bekommen wir die jungen Leute. Zweitens versuchen wir als Geschichtslehrerverband die Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, nämlich im Netz. Es gibt verschiedene Internetportale, Lernangebote, die da entstanden sind oder im Werden sind. Und wenn man den Unterricht damit vernetzt, hat man in der Regel ganz gute Resultate.

"Zeitgeschichte ist sehr wichtig"

Jahn: Ist es eigentlich für den Geschichtsunterricht wichtig, die DDR als DDR nur zu besprechen oder die DDR im direkten Vergleich zur BRD?

Lamprecht: Ja, da haben ja die Lehrbücher und die Curricula mittlerweile eine Wende gebracht. Wir bringen immer diesen Vergleich bei der Geschichte von 1945 fortfolgende. Die doppelte Staatsgründung ist so der Titel dafür und man versucht dann immer diese Beziehung darzustellen, natürlich auch im internationalen Kontext. Ab 1990 ist es dann die gesamtdeutsche Geschichte. Dass das nicht überall wirklich funktioniert, das dürfte uns ja nun tagesaktuell deutlich werden.

Jahn: Umso wichtiger ist Geschichtsunterricht. Das Problem von Geschichtsunterricht ist ja, Geschichte läuft immer weiter, der Stoff wird immer mehr. Was bringt man da unter und wie sortiert man möglicherweise auch bestimmte Themen aus? Da ist es so eine grundsätzliche Frage, die sich aufdrängt: Wie wichtig ist denn Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht?

Lamprecht: Die ist sehr wichtig, wobei man jetzt nicht sozusagen den Baum ganz unten abschneiden darf. Also wenn ich Geschichte als Demokratiefach bezeichne - und unser Verband legt viel Wert darauf, dass wir ein Demokratiefach sind -, dann kann ich auch die attische Demokratie behandeln und die ist wichtig als Wurzel des Ganzen. Aber wir haben in den Lehrplänen - und ich glaube auch im kollegialen Einverständnis - die Zeitgeschichte zentral dabei. Eine Lehrkraft, die das verweigert, ist keine gute Geschichtslehrkraft. Und die Lehrpläne legen das ja in der Regel auch sehr exakt fest, dass man mindestens bis zur Wiedervereinigung, gerne auch noch etwas weiter im Stoff kommt.

"Ein Systemvergleich muss einigermaßen deutlich werden"

Jahn: Und was soll man da mindestens wissen, was wäre so das Mindestwissen, dass Sie sagen, das müssen alle Schüler haben?

Lamprecht: Dafür reicht jetzt unsere Sendung nicht, das müsste man ausweiten. Aber es muss ein Systemvergleich einigermaßen deutlich werden, dass man eben nicht meint, die DDR war ein Sozialstaat und die Bundesrepublik war ein bisschen demokratischer. Ja, da muss ein bisschen mehr an Begrifflichkeit kommen, ein paar Namen müssen da sein, ein paar Kenntnisstände zu wichtigen Ereignissen wie Mauerbau, zur friedlichen Wende oder meinetwegen auch zum Aufstand vom 17. Juni 1953 müssen aus meiner Sicht da sein. Aber über den genauen Katalog, da muss man sich dann leider von Land zu Land immer wieder ganz unterschiedlich einigen.

Jahn: Jetzt als Geschichtslehrer gefragt: Was ist Ihre wichtigste Lehre aus 30 Jahre Mauerfall?

Lamprecht: Die wichtigste Lehre ist eigentlich, dass damit noch nicht alles gut war, sondern dass ein großer Prozess angestoßen wurde, der uns heute noch beschäftigt. Und wenn man jungen Leuten diese Perspektive, was war davor, was ist dann bei dieser Wende 1989, 1990 passiert und wie gehen wir mittlerweile damit um, vermittelt, ist das ein wichtiger Baustein zur Demokratieerziehung.

"Geschichte als Fach weiterhin halten"

Jahn: Ist denn der Geschichtsunterricht in Deutschland richtig aufgestellt?

Lamprecht: Also das Wichtigste ist, dass der Geschichtsunterricht weiterhin fachspezifisch erkennbar ist. Wir haben in manchen Ländern die Tendenz, dass Geschichte in einem Konglomerat aus Erdkunde oder Politik, Sozialkunde, ich sage mal, untergeht oder zumindest nicht angemessen vermittelt wird. Dem muss gegengesteuert werden, sonst kann dieses Lernfach und auch Demokratiefach Geschichte nicht funktionieren. Wir brauchen stabile Stundenzahlen. Es gab gerade in Nordrhein-Westfalen jetzt eine lange Diskussion, bis wir da die Stundenzahl ordentlich halten konnten. Wir brauchen ordentliche Verankerungen bis zum Abitur. Zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, Stichwort Halle, das ist ein Land, was nicht ganz unwichtig ist, gibt es jetzt eine Bemühung, die Oberstufe von Geschichte sozusagen etwas abzukoppeln. Das finde ich unsäglich, da müssen die Kultusministerien wach bleiben und Geschichte als Fach weiterhin halten. Und ich warte auch darauf, dass der Staat, die Länder oder meinetwegen der Bund uns hilft, wenn wir Gedenkorte besuchen. Da gibt es unterschiedlichste Fördertöpfe. Jede Lehrkraft muss sich immer neu auf den Weg machen, wenn sie entweder - zur NS-Geschichte - Buchenwald besuchen will oder - zur DDR-Geschichte - Hohenschönhausen mit einer Lerngruppe besuchen will. Wo bleibt der Scheck, den man dann ohne große Bürokratie für seine Lerngruppe gezielt abholen kann? Das wäre ein großer Wunsch.

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