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Schüsse im Juni

Indiana, South Dakota, Kalifornien, einige der wenigen Vorwahlen, die Robert Kennedy 1968 überhaupt bestritt. Sein Wahlkampf begann spät, erst im März, und endete früh auf tragische Weise. Folksänger John Stewart reiste damals mit Kennedy durchs Land, selbst 20 Jahre nach dem Attentat, 1988, konnte er sein Lied " The last Campaign nur mühsam singen:

Von Klaus Remme | 04.06.2008

"Bobby sollte erinnert werden als Sinnbild eines Amerikaners, der alles hatte und sich um die kümmerte, die nichts haben, meint Stewart."

"Wir alle wissen, Bobby Kennedy wurde ermordet, im Juni, in Kalifornien. "

Mit diesen wenigen Worten sorgte Hillary Clinton vor einigen Tagen für Aufruhr, wollte sie doch die lange Dauer ihres Wahlkampfs erklären. Allein mit dem Gedanke an, mit dem Hinweis auf ein Attentat hatte sie ein Tabu gebrochen. Die Emotionen kochten hoch, eines von vielen Indizien auf direkte Verbindungen zwischen den Wahlkämpfen 1968 und 2008. Fragt man nach der Angst um das Leben der Kandidaten, insbesondere das von Barrack Obama, werden Gesprächspartner einsilbig. Hier Professor Allan Lichtman, Historiker an der American University in Washington:

"Daran will ich nicht denken, darüber will ich nicht reden, wenn man drüber redet erhöht sich die Wahrscheinlichkeit,"

sagt Lichtman, der den Wahlkampf vor 40 Jahren als Student an der Berkeley Universität in Kalifornien erlebt hat.

Der damalige Senator von New York hatte lange gezögert, den amtierenden Präsidenten Lyndon Johnson herauszufordern und zielte im Hinterkopf möglicherweise eher auf das Wahljahr 1972, Kennedy sah sich 1968 noch sehr im Schatten seines ermordeten Bruders John. Doch vor allem durch die dramatische Entwicklung des Vietnam-Kriegs wurde die politische Dynamik für Kennedy unkontrollierbar. Vielen in Erinnerung das Urteil Walter Cronkites über Vietnam Ende Februar 1968:

"Es scheint deutlicher denn je, dass die blutigen Erfahrungen in Vietnam in einem Patt enden werden."

Mit diesen Worten zerstörte Cronkite den Glauben vieler Amerikaner an die eigenen Streitkräfte. Wenige Tage später erklärte Robert Kennedy seine Kandidatur:

"Ich kandidiere, weil ich glaube, dass das Land einen gefährlichen Kurs steuert, ich weiß, was ich tun kann und fühle mich verpflichtet,"

erklärte Kennedy. Auch die Kandidatur Obamas ist ohne den Verlauf eines Krieges nicht denkbar. Er erklärt seine Kandidatur regelmäßig mit dem gleichen Motiv: Dringlichkeit!

"Wir sind mittendrin in zwei Kriegen, ich glaube man kann auch zu spät handeln, es ist schon fast soweit und deshalb trete ich an,"

so Obama. Und es gibt viele weitere Parallelen. Kennedy war damals nicht der einzige Anti-Kriegs Kandidat seiner Partei. Eugene McCarthy hatte bereits New Hampshire gewonnen und Kennedy so gezeigt, was möglich war, in jenem Jahr. Charles Kaiser ist freier Journalist in New York, er arbeitete damals als Student für McCarthy. Als Kennedy schließlich doch kandidierte, habe ich ihn dafür gehasst, sagt Kaiser heute. Ich hatte das Gefühl, er hängt sich an den Erfolg McCarthys, ich befürchtete einen verlustreichen parteiinternen Kampf zwischen den beiden:

"Die Parallelen zwischen heute und damals sind deutlich. Auch in diesem Jahr haben zwei Kandidaten viel Energie im Kampf gegeneinander gelassen."

Anders als seine Brüder John und Teddy war Robert nicht der geborene Politiker. Er war schüchtern und introvertiert, erzählt James Tholan, sein Wahlkampf-Manager, der Mann, der Kennedys Auftritte logistisch vorbereitete:

"1964, da haben wir ihn noch hinten auf einen Lastwagen gestellt, er wusste gar nicht was er da sollte, hatte nie ein Megafon in der Hand gehabt, er versprach sich dauernd. Und dann dieser Reifeprozess in wenigen Jahren."

Robert Kennedys älteste Tocher Kathleen erinnert sich:

"Als junges Mädchen habe ich ihn beobachtet, wie er seine Reden ein ums andere Mal vor dem Spiegel eingeübt hat, um das Zittern aus der Stimme zu bekommen."

Kennedy wurde schnell ein einfühlsamer, großer Redner. Als Martin Luther King am 4. April in Memphis erschossen wurde, war Bobby auf dem Weg nach Indianapolis. James Tholan hat noch immer die Notizen dieses Tages: Ratschlag an Kennedy, alle Auftritte absagen, steht da geschrieben. Doch Robert Kennedy wollte davon nichts wissen. Frank Mankiwiecz war damals sein Pressereferent. Wir hatten im Flugzeug einige Ideen für seine Rede gesammelt erinnert er sich:

"Er sagte, schreib es auf, ich sagte okay, aber als wir da waren und ich hinlief, um ihm die Unterlagen zu geben, redete er schon einige Minuten. Es war alles spontan."

Als Kennedy sprach wusste das Publikum noch nichts von den dramatischen Ereignissen in Memphis:

"Bitte nehmt die Schilder runter,"

sagte Kennedy am Beginn seiner Rede, die inzwischen Geschichte ist.

Zum ersten und zum einzigen Mal ging Robert Kennedy dann öffentlich auf die Ermordung seines Bruders ein.

"Den Schwarzen unter euch, die ihr jetzt mit Hass und Misstrauen auf alle Weißen schaut, sage ich: ich kann euch verstehen, auch in meiner Familie wurde jemand durch einen Weißen getötet. Wir können diesen Weg des Hasses gehen, wir können ihn aber auch ersetzen durch, Mitgefühl und Liebe. Was dieses Land braucht ist nicht Gewalt und Hass sondern Verständnis füreinander, egal ob weiß oder schwarz. "

Und Kennedy sagte dann gegen Ende:

"Schwierige Zeiten liegen hinter uns, weitere werden kommen. Dies ist nicht das Ende von Gewalt, Gesetzlosigkeit und Unruhe."

Genau zwei Monate hatte Kennedy da noch zu leben. Er gewann in Indiana und Nebraska, er verlor in Oregon, die erste Wahlniederlage eines Kennedys. Und am 4. Juni war Bobby Kennedy in Los Angeles oben im Ambassador Hotel und wartete auf das Ergebnis in South Dakota und vor allem Kalifornien. Zwei Wahlen, zwei Siege: er sagte zu Freunden: Das ist mein Erfolg, ich glaube, zum ersten Mal bin ich den Schatten meines Bruders los. Dann ging er hinunter in die Lobby, wo Hunderte auf ihn warteten:

"Jetzt, da diese Wahl entschieden ist, hoffe ich auf einen Dialog über Hilfen für diejenigen, die in den USA noch immer hungern, und darüber, ob wir die verfehlte Politik in Vietnam fortsetzen, ich will eine neue Politik. Inzwischen ist es in Los Angeles an der Westküste wenige Minuten nach Mitternacht, 5. Juni."
Weiter geht es nach Chicago ruft er seinen Anhängern zu, dreht sich um und macht sich auf den Weg, durch die Hotelküche, zu einer Pressekonferenz. Fernsehkameras sind nicht mit dabei, wohl aber Fotograf Boris Yaro. Kennedy bleibt stehen, schüttelt ein paar Hände und ich denke noch: Mann, es ist zu dunkel hier für gute Bilder, dann fallen die Schüsse, erzählt Yaro.

Radio-Reporter Andrew West ist mit im Raum: "Holt euch die Waffe, brecht ihm den Daumen wenn es sein muss", ruft er mitten ins Chaos:
Draußen im Foyer schlägt die Stimmung um, von Jubel in Entsetzen:

Schwer verletzt wird Bobby Kennedy ins Krankenhaus gefahren und stirbt einen Tag später. Noch am Tatort wird der Attentäter Sirhan Sirhan, ein palästinensischer Einwanderer, verhaftet. Zwei Monate nach der Ermordung Kings scheint das Land außer Kontrolle. Eine Radiostation spielt wieder und wieder nur einen Titel. Laura Nyros Save the Country:

Die Leiche wird mit dem Flugzeug von Los Angeles nach New York überführt und in der St. Patrick's Kathedrale aufgebahrt. Teddy, der jüngste der vier Kennedy-Brüder hielt wenig später die Trauerrede. Es besteht kein Grund, meinen Bruder zu idealisieren, sagt er. Erinnert ihn als guten anständigen Menschen, der das Richtige tun wollte, der Leid sah und helfen wollte, einen Krieg sah und versuchte ihn zu beenden.

Am Ende ringt Teddy Kennedy um Fassung. Seine Stimme wird brüchig als er einen vielzitierten Ausspruch Bobbys wiederholt: Manche sehen die Dinge wie sie sind und fragen warum, ich träume von Dingen die es nie gab und frage, warum nicht:
Wie bei vielen politischen Attentaten dauerte es auch in diesem Fall nicht lange bis Verschwörungstheorien entstanden. Insbesondere die Frage, ob es neben Sirhan Sirhan einen zweiten Schützen gab, wird bis heute diskutiert, bewiesen wurde nichts. Sicher ist, der Tod Robert Kennedys markierte den tragischen Höhepunkt einer politischen Entwicklung, die über den chaotischen Parteitag der Demokraten in Chicago und den Wahlsieg Richard Nixons zur politischen Desillusionierung einer ganzen Generation führte. Tom Hayden gehörte zu den Gründungsmitgliedern des amerikanischen SDS, Students for a Democratic Society. Hayden war Teil der Ehrengarde für Robert Kennedy in der St. Patrick's Kathedrale. Teile von mir machten einfach zu, sagt er, es schien schlicht keine Hoffnung zu geben.

Mit diesem Attentat wurde das politische Potential der 60er Generation zunichte gemacht, urteilt Hayden im Rückblick. Heute unterstützt er Barrack Obama. Seit 68 hatten wir keine solche Begeisterung mehr für einen Kandidaten, ist sich Hayden sicher und auch Historiker Allan Lichtman sieht Parallelen:

"Große Ähnlichkeit, beide sind sehr eloquent und beide wollen eine neue, eine andere Politik."

In der Tat scheinen ganze Passagen von Reden Obamas und Robert Kennedys aus einer Feder zu kommen. Es ist möglicherweise kein Zufall, dass Ted Sorensen, der legendäre Redenschreiber für John F. Kennedy, der Sorensen, der Jahre später eine wichtige Rolle im Wahlkampf Robert Kennedys spielte, in diesem Wahlkampf fest hinter Barrack Obama steht. Zwei Beispiele, zuerst Barrack Obama heute und dann Robert Kennedy, 40 Jahre früher, beide wenden sich gegen die alte Politik der Teilinteressen und plädieren für einen neuen Konsens:

Allan Lichtman erinnert sich an den 28. Januar dieses Jahres:

"Barrack Obama besuchte die American University, ich bin dort jetzt 35 Jahre und habe noch nie junge Menschen so reagieren sehen, auf keinen Politiker, keinen Präsidenten, keinen Rockstar."
Obama kam an diesem Tag nicht allein. Caroline Kennedy war da, die Tochter des ermordeten Präsidenten und jener Teddy Kennedy, der seinerzeit die Rede am Sarg seines Bruders Robert hielt, beide erklärten ihre Unterstützung für Obama, seine Kandidatur war zu diesem Zeitpunkt alles andere als ausgemacht.

Wie einst Robert Kennedy kann Barrack Obama mit der Unterstützung einer neuen Generation rechnen. Vor vier Jahren zählte der Demokrat Howard Dean auf diese junge Generation. Sie machte ihm im Wahlkampf Hoffnungen und blieb dann, als es darauf ankam, am Wahltag zu Hause. Dieses Jahr ist es anders. Obama hat von Staat zu Staat Hunderttausende von Erstwählern gewonnen. Die Hoffnungen in ihn gleichen denen, die damals in Bobby Kennedy gesetzt wurden. Thurston Clarke hat gerade ein Buch über den letzten Wahlkampf Robert Kennedys geschrieben. Die Idee kam ihm vor vier Jahren. Wir waren mit großer Familie alle an einem Tisch, jung und alt und alle klagten darüber, dass keine großen politischen Reden mehr gehalten werden. Ich holte Bobbys Rede in Indianapolis, am Tag als King erschossen wurde, aus dem Internet und las sie laut:

"Und als ich fertig war, war es still und ich schaute mich um, es waren vor allem die jungen Leute, die Tränen in den Augen hatten und da wusste ich: Robert Kennedy hat auch ihnen noch etwas zu sagen."

Die Unterstützung durch so viele junge Wähler gerade in diesem Jahr ist für Tom Hayden so erklärbar:

"Soziale Bewegungen beginnen oft mit der jungen Generation, mit Frustration, mit der Erfahrung von politischem Versagen. Die acht Jahre Bush haben sicher dazu beigetragen. Wer, sagen wir, 2000 das erste Mal gewählt hat ist heute 26."

Und der Historiker Allan Lichtman meint mit Blick auf die junge Generation:

"Es sind die gleichen Gründe wie 1968, die jungen Wähler sehen ihre Welt in Gefahr. Sie sehen eine Krise."

Natürlich gibt es Unterschiede. Bobby Kennedy hatte einen Namen, den sich Barrack Obama trotz aller Erfolge der letzten Monate erst noch erarbeiten muss. Kennedy wusste eine Koalition hinter sich, die Obama erst noch zimmern muss. Bobby konnte sich auf die Arbeiterschaft verlassen und auf die Chicanos, wie die Latinos damals noch genannt wurden. Diese Gruppen sehen Obama noch weitgehend skeptisch. Die jungen Wähler sind zwar motiviert, doch es fehlt die Radikalität von 1968. Viele der damaligen Kriegsgegner waren von der Wehrpflicht bedroht, für sie war Vietnam keine politische Frage sondern eine von Leben und Tod. Aber auch wenn das Umfeld ein anderes ist, auch wenn das Jahr 2008 anders als vor vierzig Jahren keinen Soundtrack hat, der mit Namen wie Bob Dylan, Aretha Franklin, den Beatles und den Stones gepflastert ist. Verbindungen gibt es. Charles Kaiser weist darauf hin, dass das Yes We Can-Video von Rapper Will.i.am von Jesse Dylan produziert wurde, dem ältesten Sohn von Bob Dylan:

Und es sind nicht nur die Jungen. Selbst in den Augen Haydens, Lichtmans und Kaisers, den jetzt Alt-68ern, ist ein Funken Hoffnung zu sehen, der im Juni 1968 erlosch. Lichtman gibt es zu, Hayden und Kaiser zögern noch immer. Es scheint, als haben sie Angst noch einmal betrogen zu werden.