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Schulen in ItalienOstersegen - ja oder nein?

Italiens staatliche Schulen sind eigentlich laizistisch ausgerichtet. Wie auch die Verfassung. Doch hängen in vielen Schulklassen Kruzifixe - und vor Ostern kommen katholische Geistliche in den Unterricht, um den Ostersegen zu spenden. Doch damit soll nun Schluss sein. Das fordern Eltern, Politiker und auch einige katholische Geistliche.

Von Thomas Migge | 05.04.2017

Ein Kreuz im Klassenzimmer einer Grundschule. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand)
Der Schatten des Kreuzes im Klassenzimmer reicht von Italien bis nach Den Haag (Picture Alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
"Seit Jahren gibt es den Ostersegen in unseren Schulen. Also, ich weiß wirklich nicht, warum der abgeschafft werden soll. Als ich jung war, in den 1960er Jahren, verließen die Kinder, die nicht gesegnet werden wollten, das Klassenzimmer. Und das war es auch schon"
Mara Clausi aus Bologna ist Lehrerin an einem Gymnasium. Sie findet den Streit um den katholischen Ostersegen in staatlichen Schulen nicht nur überflüssig, sondern auch dumm. Früher habe man darum nicht viel Aufhebens gemacht. Die Schulleitung habe mit den Kindern gesprochen, ihnen vor dem Besuch eines Geistlichen den Sinn des Segens erklärt. Die Kinder hätten dann entschieden, was sie wollten. Ihr sei unbegreiflich, warum der Segen abgeschafft werden solle.
"Der Segen tut doch niemandem weh!"
Lehrerin Clausi ist keine praktizierende Katholikin - und doch sieht sie in dem österlichen Schulsegen eine christliche Tradition ihres Landes, die es zu bewahren gilt. Carlotta Menighetti, Mutter eines achtjährigen Schuljungen aus Bologna meint:
"Das ist doch unsere Religion. Mein Gott, das ist doch nur ein Ostersegen! Der tut doch niemandem weh!"
Wie Carlotta denkt, Umfragen zufolge, eine Mehrheit der Eltern aus der norditalienischen Großstadt Bologna. Doch den Gegnern des Ostersegens in den Schulen - laizistisch orientierten Eltern, Politikern und Wissenschaftlern - ist er ein Dorn im Auge. Das gilt auch für den Mathematiker Piergiorgio Odifreddi:
"Es geht hier doch nicht einfach um einen traditionellen Ritus, sondern darum, dass die katholische Kirche in staatlichen Schulen präsent sein will. Nicht nur in Form des Religionsunterrichts und der Kruzifixe in den Klassenräumen, sondern mit Gebeten in Grundschulen!"
"Laizistische Lawine"
Der Streit begann 2015. Drei katholische Geistliche in Bologna durften nicht den österlichen Schulsegen spenden. Ein Vorstoß, der von einigen Schuldirektoren ausging. Sie ordneten an, der Segen dürfe nur nach Ende des Unterrichts ausgeteilt werden.
Etwa im toskanischen Casalguidi. Lucia Maffei, Leiterin einer Grundschule, begründete dies so:
"Ein Segen, der zur Unterrichtsunterbrechung führt, ist in unseren Schulgesetzen nicht vorgesehen. Wenn der Priester seinen Segen sprechen will, dann soll er das nach dem Unterricht tun"
Diese Entscheidungen lösten unter Eltern, Schülern, Lokalpolitikern und Geistlichen heftige Debatten aus. Schnell schlossen sich andere Schulen der Region und auch der Toskana diesem Verbot an. Die Tageszeitung "La Repubblica" sprach damals von einer "laizistischen Lawine, die über eine christliche Tradition hinwegrollt". Auch katholische Geistliche reagierten empört auf die Attacke auf den Ostersegen. Etwa Paolo Palazzi im toskanischen Pistoia:
"Das hätte nie passieren dürfen. Uns wurde vorgeworfen, wir würden nicht-christliche Schulkinder mit dem Segen beleidigen. Dabei geht es uns als Kirche doch darum, alle willkommen zu heißen."
Katholische Eltern in Casalguidi und anderswo klagten 2015 gegen das Verbot des Ostersegens. Auch Schulleiter und Lehrer, sowie zahlreiche Eltern, die sich gegen eine Ostersegnung aussprachen, gingen vor Gericht. Noch im selben Jahr entschied ein Gericht in Bologna, der umstrittene Ostersegen verletze das Neutralitätsgebot staatlicher Schulen. Italiens Verfassung, so die Richter, sei laizistisch. Staatliche Schulen ebenfalls. Ein religiös inspirierter Segen, so das Gerichtsurteil, habe folglich in einer staatlich-laizistischen Schule nichts zu suchen. Die katholischen Geistlichen, so der Ratschlag, könnten ihren Segen außerhalb der Schulzeit spenden.
Gesegnet wider Willen
Doch die Befürworter des Ostersegens gaben nicht auf - und wandten sich an den Staatsrat, ansässig in Rom und mit dem Bundesverwaltungsgericht in Deutschland vergleichbar.
Der Staatsrat entschied kürzlich, der Ostersegen bedeute keine gravierende Unterbrechung der Unterrichtszeit. Dass sich nicht-katholische Schulkinder durch diesen Ritus in ihren Gefühlen verletzt fühlen könnten, akzeptierte der Staatsrat nicht. Viele katholische Eltern, Vereinigungen, Politiker und Geistliche jubeln über dieses Urteil. Aber nicht der gesamte Klerus denkt so. Es gibt auch innerhalb der katholischen Kirche Kritik am Urteil. Wie etwa von Aldo Danieli, Priester und Religionslehrer im norditalienischen Treviso:
"Gegen einen solchen Segen im Klassenzimmer gibt es nichts einzuwenden, wenn die Schule nur von katholischen Schülern besucht wird. Wenn das nicht der Fall ist, und das ist heute so, dann müssen wir als Kirche darauf Rücksicht nehmen, denn schließlich leben wir in einer multi-religiösen Gesellschaft!"
Doch solche Stimmen sind in der immer noch heftigen Debatte um den Ostersegen eher selten. Die entschiedenen Gegner des Segens wollen sich jetzt an den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag wenden, um doch noch Recht zu bekommen. Doch "Den Haag" wird, wenn überhaupt, sein Urteil erst nach Ostern sprechen. Und so wird es in diesem Jahr auch in allen Schulen der Toskana und der Emilia-Romagna zum traditionellen Ostersegen kommen. Auch gegen den Willen verschiedener Eltern und Lehrer.