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"Schumann - String Quartets Nos. 1 & 3"

Zum Jahresende möchte ich Sie noch einmal auf Neuerscheinungen aus dem Bereich der Kammermusik aufmerksam machen. Die eine Scheibe bietet Unterhaltsam-Kurioses; da geht es darum, daß der Klarinettist Dieter Klöcker Bearbeitungen Beethoven'scher Werke für Klarinette und Kammermusik ausgegraben und mit dem Prager Kammerorchester aufgenommen hat. Die andere CD breitet auf wirklich geistvolle und eigentlich vollkommene Weise Tiefsinniges aus: Das kanadische St. Lawrence String Quartet hat für EMI zwei der drei Streichquartette op. 41 von Robert Schumann aufgenommen. Und diese Einspielung ist geeignet, Vorurteile gegenüber den Werken in Nichts zerfallen zu lassen. Schumann habe zu wenig vom Quartettschreiben verstanden? Das Scherzo aus dem a-moll-Quartett op. 41,1 zum Beispiel gibt eine klare Antwort: * Musikbeispiel: R. Schumann - 2. Satz aus: Streichquartett Nr. 1 a-moll op. 41,1 Da haben vier junge kanadische Musiker begriffen, worum es Robert Schumann mit seinen Streichquartetten zu tun war. Das St. Lawrence String Quartet gibt es inzwischen schon über ein Jahrzehnt. Allerdings haben sie häufiger die Zusammensetzung gewechselt. Seit einiger Zeit besteht das Ensemble aus Geoff Nuttall und Barry Schiffman, Violinen, Lesley Robertson, Viola, und Marina Hoover, Violoncello. Inzwischen haben sie ihre Wigwams auch in den USA aufgeschlagen und sind Ensemble-in-Residence an der Stanford University in Kalifornien. Auf ihrem Weg in den Himmel der reinen Vierstimmigkeit haben sie länger beim Juillard Quartet und zuvor beim Emerson String Quartet Station gemacht. Vor allem den Einfluß des letzteren hört man der neuen Schumann-Einspielung an. Ließe man sich vom Namen des St. Lawrence verführen, so würde man mit Blick auf den beherrschenden Strom Kanadas assoziieren: breit, mächtig, wild und nicht ungefährlich. Wild sind sie schon, die vier vom St. Lorenz-Strom. Aber nicht so, daß sie mit den Bögen um sich schlagen. Es ist wildes Denken, das den Stil dieses Streichquartetts kennzeichnet. Und aus Schumann machen sie Gedankenmusik. Sie spielen die beiden Stücke aus op. 41, als handele es sich um eine andere Art von Kunst der Fuge. Der Tonfall dieser vier Musiker ähnelt auffällig dem des Emerson String Quartet: rascher, dabei leichter Bogenstrich; helltimbrierter, aber voller Klang; vollendete Intonation und eine Transparenz der Linienführung, daß man im besten Sinn des Wortes hellhörig wird. Hellhörig für Kompositionen, in denen Schumann den vierstimmigen Streichersatz auf neue Weise zu definieren suchte und quasi die Summe aus seinem bisherigen Schaffen zog: das Liedhafte und damit ans Wort gebundene einerseits; die Poesie des Pianoforte anderseits. Gerade die Streichquartette op. 41 und insbesondere das a-moll-Quartett standen lange Zeit im Verdacht, Kompositionen eines Klavierpoeten zu sein, der vom Streichersatz im Grunde nichts verstanden habe. Das St. Lawrence nähert sich diesen Werken jedoch auf andere Weise. Sie gehen sie nicht als Praktiker des klassischen Repertoires an, sondern spielen Schumann mit jener Unvoreingenommenheit und Offenheit, mit der die jüngeren Quartettformationen die Zumutungen der Literatur des 20. Jahrhunderts auf geradezu spielerische Weise bewältigen. Und dies macht auch einen wesentlichen Teil des Charmes der aktuellen Neueinspielung aus: Die vier Kanadier machen Ernst; es geht ihnen vor allem auch um die Strukturen romantischen Denkens. Aber sie bleiben dabei spielerisch, auch im erlesenen Rubato, und treffen damit einen Wesenszug der Romantik. Und sie bleiben einem der Geheimnisse Schumann'scher Musik auf der Spur: daß die Musik eigentlich immer schon angefangen hat, bevor sie anfängt. Das Finale des Streichquartetts op. 41,3 in A-dur: Allegro molto vivace. * Musikbeispiel: R. Schumann - Finale aus: Streichquartett Nr. 3 A-dur op. 41,3 Soweit die neue CD des St. Lawrence String Quartet mit Werken von Robert Schumann, die bei EMI erschienen ist.

Norbert Ely |