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StartseiteMarkt und MedienMit 17 Jahren Chefredakteurin23.11.2013

Schwäbische ZeitungMit 17 Jahren Chefredakteurin

Für einen Tag übernehmen Schüler die "Schwäbische Zeitung" in Ravensburg. Bei dem Projekt erfahren ältere Redakteure ganz direkt, was Jugendliche wirklich interessiert.

Von Thomas Wagner

Zeitungsstapel (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)
Schüler haben einen ganz anderen Blick auf die Tageszeitung und auf Themen. (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)

00961 – zum ersten Mal in ihrem Leben wählt die 14-jährige Caroline Widmann eine Nummer mit dieser Vorwahl. Sie erreicht Antony MacDonald, Mitarbeiter im Büro Beirut von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

"Hi Antony? How did the situation in your land change after this bomb attac?"

Die Leitung ist schlecht, Caroline muss die Ohren spitzen. Sie macht sich immer wieder Notizen, erfährt einiges über die Situation jugendlicher Flüchtlinge in Beirut, am Tag des verheerenden Terroranschlages auf die iranische Botschaft. Wenig später wird daraus ein Artikel entstehen, zu lesen im Politikteil der "Schwäbischen Zeitung".

"Erst einmal ist es spannend, dass es wirklich so eine große Zeitung ist und dass wir nur acht Jugendliche sind, die das Ganze in der Hand haben. Und dass wir dabei herausfinden, wie so eine große Zeitung arbeitet, wie die das so machen."

Doch genau das ist das Ziel eines ungewöhnlichen Projektes: Einen Tag lang dürfen Schülerinnen und Schüler aus Baden-Württemberg den Mantelteil der "Schwäbischen Zeitung" gestalten. Und dabei wählen sie Themen aus der Welt der Jugendlichen aus.

"Gerade Jugendliche sollten sich in das gesellschaftliche Geschehen einmischen, in der Politik, in der Umwelt, in der Gesellschaft."

Franziskas Zeh hat im Büro des Chefredakteurs Platz genommen, liest noch einmal laut den Leitartikel vor, den sie gerade geschrieben hat.

"In dem es darum geht, dass Jugendliche sich in das heutige Geschehen einmischen müssen, so wie wir das ja heute auch machen."

Schüler machen eine Tageszeitung. Auf die Idee für dieses Projekt kam die "Schwäbische Zeitung" nach einer Beobachtung, die sie mit allen Tageszeitungsverlagen hierzulande teilt: Schüler lesen immer weniger eine Tageszeitung. Stattdessen surfen sie, twittern sie, posten sie.

"Der Trend eindeutig da, dass wir einfach reagieren müssen auf ein völlig anderes Mediennutzungsverhalten. Wir reagieren mit einer sehr attraktiven iPad-App, mit einem Relaunch von Schwäbische.de. Damit wollen wir Ende des Jahres schon so auf dem Markt sein, dass Jugendliche und Kinder, die mit der Printzeitung tatsächlich nichts mehr zu tun haben möchten, trotzdem auf Schwäbisch Media zurückgreifen."

Erklärt Hendrik Groth, der für einen Tag abgesetzte Chefredakteur der "Schwäbischen Zeitung". Doch: Online präsent sein ist das Eine, sich inhaltlich an den Bedürfnissen der Jugendlichen anpassen das Andere. Die nämlich gewichten Themen häufig ganz anders als gestandene Redakteure – und das zeigt sich bei dem Schüler-Projekt immer wieder. Beispiel: Schülerin Jessica Dadischeck aus Wangen übernimmt für einen Tag das Wirtschaftsressort. Doch statt über Bilanzpressekonferenzen und Aktienkurse zu schreiben, tüftelt sie an einem ganz anderen – und aus ihrer Sicht – lebensnäheren Thema: Lebensmittelhandel im Internet.

"Viele Jugendliche interessieren sich nicht so für Börse und so, aber so etwas wie Online-Shopping ist schon interessanter. Neulich war mal ein Bericht drin über die neue Google-Brille. Das war wirklich interessant. Den habe ich sofort gelesen."

Bei dem Projekt erfahren älteren Redakteure nicht nur ganz direkt, was Jugendliche wirklich interessiert. In den Gesprächen bekommen sie auch mit, dass die Jugendlichen häufig nur deshalb "null Bock" auf die Zeitungslektüre haben, weil allzu häufig die Sprache der Artikel zu kompliziert, zu bürokratisch klingt und mit viel zu viel unverständlichem Fachvokabular gespickt ist. Da können die Älteren von den Jüngeren durchaus noch etwas lernen, findet Chefredakteur Hendrik Groth:

"Wir haben über unser Social Media im Digitalen drei kleine Filmchen gemacht über das Jugend-Deutsch. Und dann sollten Redakteure raten oder sagen, was hinter diesen Begriffen steckt. Und da hat dann zum Beispiel mein Sohn gesagt: Mensch, Leute, so spricht doch kein Mensch. Diese ganzen Impulse und Ideen der Jugendlichen, das sollten wir mitnehmen. Und ich denke, das schaffen wir auch."

Noch eines zeigt sich an dem Tag, an dem die "Schwäbische Zeitung" in den Händen von 16- und 17-Jährigen ist: Die haben viel empfindlichere Antennen für die Sorgen und Nöte Gleichaltriger in Deutschland und in der ganzen Welt – Grund genug für das Kinderhilfswerk UNICEF, bei dem Projekt mitzumachen und Themen vorzuschlagen. Simone Bredel, Sprecherin des Deutschen Komitees für UNICEF:

"Es ist ganz wichtig, dass Jugendliche sich einmischen können. Beirut ist ein Thema, wo sich die Kinder mit den Kinderrechten beschäftigt haben, mit den Rechten der syrischen Flüchtlingskinder. Aber sie haben sich auch mit dem Kinderrechtsbeauftragten im Bundestag beschäftigt. Und das sind Themen, die uns natürlich noch unglaublich wichtig sind."

Kinder an die Macht – einen Tag lang in der Redaktion der "Schwäbischen Zeitung". Bei dem Projekt zeigt sich auch: Nicht immer sind 14- bis 17-Jährigen Zeitungsmuffel. Jessica Dadischek und ihr neu entdeckter Spaß an der auf Papier gedruckten Zeitung:

"Da fühlt man sich ganz anders, als wenn man sich das am Rechner hoch- oder runterscrollt. Mir gefällt das Gefühl, wenn man umblättern und auch Sachen ausschneiden kann oder irgendwie hinhängen kann – das Gefühl ist für mich wichtig."

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