Mittwoch, 19.02.2020
 
Seit 22:05 Uhr Spielweisen
StartseiteEuropa heuteSchweizer diskutieren Missbrauchsfälle23.03.2010

Schweizer diskutieren Missbrauchsfälle

Abt des Klosters Einsiedeln fordert "Missbrauchsregister"

Nun ist auch die Kirche in der Schweiz in den Strudel von Missbrauch, Vertuschung und Schuldzuweisungen geraten. Der Abt des Klosters Einsiedeln hat deshalb eine Schwarze Liste für pädophile Geistliche gefordert. Das sorgt in der Schweiz vor allem unter katholischen Eidgenossen für eine kontroverse Diskussion.

Von Pascal Lechler

Auch in der Schweiz sind die Missbrauchsfälle Thema.  (AP)
Auch in der Schweiz sind die Missbrauchsfälle Thema. (AP)

Fast täglich berichtet die Schweizer Tagesschau über neue Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche der Schweiz. Viele liegen schon Jahrzehnte zurück. Erst jetzt trauen sich die Opfer, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Allein im Bistum Chur gibt es zehn neue Verdachtsfälle. Sechs Fälle sind bereits abgeschlossen. Im Kloster Einsiedeln sollen sich fünf Mönche an Schülern vergriffen haben. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass das Bistum Basel wissentlich einen pädophilen Pfarrer in einer Gemeinde eingesetzt hatte. Den Kirchenoberen war bekannt, dass der Geistliche sich an mehreren Ministranten vergangen hatte. Aus heutiger Sicht seien das unvertretbare Fehleinschätzungen, so die Reaktion des Bistums.

Damit solche unvertretbaren Fehleinschätzungen künftig nicht mehr erfolgen, fordert jetzt der Abt des Kloster Einsiedelns, Martin Werlen, eine Schwarze Liste für pädophile Geistliche. Werlen denkt an ein weltweites Zentralregister in Rom. Auf dieses könnten Bischöfe bei Personalentscheidungen künftig zugreifen, so Werlen.

"Wir können nie ausschließen, dass es nicht zu Übergriffen kommt. Wir können das weder in der Kirche ausschließen, noch in anderen Institutionen, noch in Familien. Das können wir nicht ausschließen. Doch wir müssen alles Menschenmögliche tun, um das zu verhindern."

Werlen gehört dem Gremium "Sexuelle Übergriffe in der Pastoral" der Schweizer Bischofskonferenz SBK an. In seinen Augen müsse es selbstverständlich sein, dass im Falle von Missbrauch eine Anzeige erfolge. Außer das Opfer wolle das ausdrücklich nicht.

Anderer Meinung ist hingegen der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz Norbert Brunner. Er kritisierte in einem Zeitungsinterview die Forderung Werlens nach einer Schwarzen Liste. Der SBK-Vorsitzende sieht momentan keinen Handlungsbedarf. Es sei Aufgabe jedes Bischofs, die fachliche und moralische Eignung einer Person vor ihrer Anstellung zu prüfen. Im Schweizer Fernsehen plädierte Brunner dafür, jedem fehlbaren Geistlichen eine zweite Chance zu geben.

"Ich denke, vor den Verfehlungen ist es klar. Wir müssen uns davor distanzieren. Wir müssen alles unternehmen, dass sie nicht geschehen. Von den Tätern ist es ein bisschen schwieriger. Ich habe für jeden Priester auch eine Verantwortung und die Klöster, weil die wie in einer Familie leben, ist die Verantwortung, auch für den materiellen Bereich, noch größer. Irgendwo muss er trotz seiner Verfehlungen, die er bereut hat, er muss ja irgendwo weiterleben."

Zur Beruhigung der Gemüter hat der Hirtenbrief des Papstes nicht unbedingt beigetragen. Gelobt wurde das Papier Benedikts XIV. lediglich von der katholischen Kirche der Schweiz. Kritik kam dagegen vom Schweizer Theologen Hans Küng. Küng forderte in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen, dass der Papst die Diskussion über das Zölibat freigebe. Außerdem müsse Benedikt jetzt selbst ein Schuldeingeständnis abgeben.

"Ich glaube, dass ich nicht übertreibe, wenn ich sage, es gab in der ganzen katholischen Kirche keinen einzigen Mann, der so viel über die Missbrauchsfälle und zwar ex officium - von seinem Amt her. Schon früher als Professor in Regensburg, anschließend als Bischof von München und 24 Jahre in der Glaubenskongregation, wo seit Langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert sind, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe eben unter der Decke gehalten werden können."

In die Kritik geraten sind in der Schweiz momentan nur kirchliche Einrichtungen wie Klosterschulen. Missbrauchsfälle in den zahlreichen nicht kirchlichen Internaten des Landes sind bislang nicht bekannt geworden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk