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Schweizer Rundfunk
Sparankündigungen sorgen für Unruhe

"Zehn vor Zehn" heißt eine der beliebtesten Nachrichtensendungen im Schweizer Fernsehen. Doch die Stimmungslage beim Sender selbst scheint eher bei "fünf vor zwölf" zu sein. Grund ist die geplante Streichung von 250 Stellen bei der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, der Dachmarke des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz.

Von Thomas Wagner | 10.10.2015
    Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radiogesellschaft SRG-SSR, am 07.06.2013 in Köln.
    Muss sparen: Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radiogesellschaft SRG-SSR. (imago / Horst Galuschka)
    Die Rundfunk-Nutzerin: "Natürlich ist es schade allgemein, wenn man Radio und Fernsehen kürzt, weil man braucht ja Kultur und braucht allgemeine Information."
    Der Rundfunk-Generaldirektor: "Das Angebot wird etwas kleiner sein und sie werden vielleicht die eine oder andere Sendung, die sie gerne haben, vermissen."
    Kaum auszudenken, dass das Nachrichtenjournal "Zehn vor Zehn" im Schweizer Fernsehen srf beschnitten werden könnte. Gleiches gilt für das "Echo der Zeit" im Radio, ebenso wie "Zehn vor Zehn" ein Aushängeschild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Schweiz. Und dennoch: Einschnitte in den Programmen werden kommen. Wo genau, kann Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radiogesellschaft SRG-SSR, noch nicht sagen. 40 Millionen Schweizer Franken pro Jahr, umgerechnet etwa 36 Millionen Euro, muss de Weck einsparen. Und das bedeutet: 250 der rund 5.000 SRG-Stellen werden wegfallen. "Die Gründe sind glasklar: Auf der einen Seite ist der Bund zum Schluss gekommen, dass künftig die SRG nach einem Bundesgerichtsurteil die Mehrwertsteuer selbst zahlen muss."
    Geminderte Einnahmen
    Konkret: Bisher mussten die Mediennutzer zusätzlich zur eigentlichen Radio- und Fernsehgebühr darauf auch die Mehrwertsteuer entrichten. Nun, so ein Urteil, gehen diese Mehrwertsteuer-Anteile zulasten des allgemeinen SRG-Etats. Daneben hat die SRG aber noch eine zweite Kröte zu schlucken: "Der Anteil der privaten Radios und Fernsehen am Gebührenaufkommen wird steigen, was die Einnahmen der SRG mindert." So werden die privaten Radio- und Fernsehanbieter in der Schweiz statt bisher vier zukünftig sechs Prozent des gesamten Rundfunkgebührenaufkommens erhalten. Für den SRG-Generaldirektor ist damit klar: "Dieses Sparprogramm ist unerlässlich!"
    Ein Sparprogramm, das für Entsetzen sorgt: "Die erste Reaktion war natürlich schon, dass wir ziemlich schockiert waren und natürlich überrascht von diesen 250 Stellen", sagt Janine Teisl vom Schweizer Journalistenverband Impressum. "Soweit ich das beurteilen kann, gab es das noch nie, das wirklich so viele Personen von einer Sparmaßnahme in einem Medienunternehmen betroffen sind, wie es jetzt in diesem Fall ist."
    Daneben bereitet dem Journalistenverband auch die Ankündigung Sorge, ganze Sendungen einzustellen. "Uns ist es ein großes Anliegen, dass die Sendungen, die viel zur Meinungsbildung beitragen, dass also dort keine Einschnitte kommen. Informationssendungen, Dokumentationssendungen, das ist sicherlich etwas anderes als Unterhaltungssendungen."
    SRG soll geschwächt werden
    Doch auch die selbst produzierte Unterhaltung der SRG gilt als kulturprägend: In der Spielshow "Samschtigs Jazz" wird nur Schweizer Mundart geredet, wie in vielen anderen Sendungen. Genau dadurch kann das "Schweizer Fernsehen", das in Konkurrenz zu allen deutschen Programmen steht, viele Zuschauer binden. "Wenn man Umfragen in Betracht zieht, steht die SRG relativ gut da. Sie bekommt gute Bewertungen in puncto Glaubwürdigkeit und Seriosität. In der Regel ist das Image der SRG nicht schlecht. Die SRG steht ja doch in starker Konkurrenz zu ausländischen Sendern und hat in etwa einen Marktanteil von 30 Prozent. Das ist respektabel", findet Rainer Stadler, für Medienfragen zuständiger Redakteur der "Neuen Züricher Zeitung". Allerdings: Dem könne auch das Sparprogramm keinen Abbruch tun. "Die SRG hat Einnahmen von 1,6 Milliarden Franken. Jetzt muss sie 40 Millionen Franken sparen. Das ist ein Pappenstil. Ich denke nicht, dass relevant viele Programme wegfallen werden. Sicher nicht."
    Weniger gelassen gibt sich die Parlamentsabgeordnete und Medienpolitikerin Edith Graf-Litscher von den Schweizerischen Sozialdemokraten: "Ich erlebe im Moment in der Schweiz von der rechten politischen Seite einen eminenten Druck gegenüber der SRG, dass die SRG geschwächt werden soll und sich in der Grundversorgung nur noch auf das absolut notwendige konzentrieren soll, was die privaten Anbieter nicht anbieten."
    Immer wieder hätten konservative Gruppierungen aus ihrer Meinung keinen Hehl gemacht, dass ihnen die SRG zu linkslastig sei und die privaten Anbieter ohnehin vieles besser könnten. 2017 steht in der Schweiz eine Neuregelung zum Grundversorgungsauftrag des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks an. Nationalrätin Edith Graf-Litscher: "Und da wird jetzt schon versucht von der rechtsbürgerlichen Seite, die SRG zu schwächen. Und da ist es wichtig, dass wir da gegensteuern."