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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: 80 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis31.01.2013

Schwerpunktthema: 80 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis

Eine internationale Konferenz in Berlin zur Radikalisierung Deutschlands ab 1933

Vor 80 Jahren, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Mit der sogenannten Machtergreifung setzte nicht nur Unterdrückung und Gewalt, sondern auch eine Radikalisierung der deutschen Bevölkerung ein, die dazu führte, dass Menschen in wenigen Jahren sukzessive aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgrenzt und schließlich massenhaft ermordet werden konnten.

Von Bettina Mittelstrass

SA-Einheiten marschieren am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor in Berlin, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. (AP Archiv)
SA-Einheiten marschieren am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor in Berlin, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. (AP Archiv)
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Originalton zum Austritt aus dem Völkerbund, 25.10.1933: "Am 12. November muss das deutsche Volk sich und dem Ausland den Beweis erbringen, dass es zu einer Volksgemeinschaft zusammengeschweißt ist. Die Trümmer eines überlebten Parteienstaates liegen hinter uns."

Am 12. November 1933 tritt Deutschland aus dem Völkerbund aus. Die Zustimmung in der Volksbefragung ist hoch: weit über 90 Prozent. Die "zusammengeschweißte Volksgemeinschaft", die Gauleiter Otto Telschow in seiner Rundfunkansprache am 25. Oktober 1933 beschwor, hatte dem Anschein nach Flagge gezeigt.

"In dem Gedanken für ein Deutschland der Ehre, der Freiheit und des Friedens steht das gesamte Volk hinter seinem Führer."

Das "gesamte Volk", das "deutsche Volk" die "deutsche Volksgemeinschaft" hinter dem Führer - das sind Propagandabegriffe aus der Sprache der Nationalsozialisten. Die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zum Austritt aus dem Völkerbund, zu Hitler und seiner rassistischen Weltsicht war dennoch faktisch hoch. Bis heute versucht die Geschichtswissenschaft immer wieder zu erklären, wie das möglich war. 80 Jahre nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler setzt die Forschung dabei andere Akzente als in der Nachkriegszeit. Norbert Frei, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena:

"Für die empirische Zeitgeschichtsforschung der 60er- und 70er-Jahre muss man sagen, dass sie sich doch sehr versucht hat, von dem Begriff der Volksgemeinschaft fernzuhalten. Und das hatte natürlich nicht zuletzt auch mit biografischer Involviertheit zu tun. Das waren die einstigen Flaghelfer und jungen Frontsoldaten, die jetzt wirklich quellennah Zeitgeschichtsforschung betrieben und man hielt es mehr oder weniger für naiv, wenn man diese Propagandaformel der Nazis über die Volksgemeinschaft ins Zentrum der Forschung stellen würde."

Heute hat der Begriff "Volksgemeinschaft" in der Forschung zum Nationalsozialismus Konjunktur - und zwar im Zusammenhang mit Alltags- und Gesellschaftsgeschichte. Im Zentrum steht die heterogene bürgerliche Gesellschaft der Weimarer Republik und ihr Wandel in eine Ausgrenzungsgemeinschaft, die schließlich die Deportation und massenhafte Ermordung von Menschen hingenommen hat.

"Man darf sich ja nicht vorstellen, dass eine solche Diktatur in einer modernen Gesellschaft tatsächlich auf Homogenisierung basiert. Also die Leute werden nicht gleichgeschaltet."

Der Sozialpsychologe Harald Welzer, Direktor der Stiftung FUTURZWEI und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg, spricht von einer Umformatierung des Sozialen.

"Man stelle sich mal vor, dass im April 1933, also so wenige Wochen nach der sogenannten Machtergreifung, durch die deutschen Großstädte Lastwagen gefahren wären mit Menschen drauf, die zu den örtlichen Bahnhöfen transportiert geworden wären, dort in Wagons gesperrt werden und mit "unbekanntem Ziel" gen Osten deportiert worden wären. Völlig undenkbar! 1941, also nur acht Jahre später, ist genau das der Fall. Sie haben das in Berlin-Grunewald als zentralem Deportationsbahnhof: bürgerlichstes Viertel der Hauptstadt, Villengegend und so weiter. Genau dort werden die Leute entweder zu Fuß oder mit Lastwagen zum Bahnhof Grunewald transportiert oder getrieben. Und dort steigen sie in die Wagons und dort werden sie zur Vernichtung gefahren. Was ist in diesen acht Jahren passiert?"

Harald Welzers Untersuchungen machen deutlich, dass dieselben Menschen, die sich 1933 über solche Deportationen offensiv empört hätten, acht Jahre später diese Vorgänge kaum wahrnahmen oder tolerierten - und zwar, ohne sich dabei selbst für moralisch schlechtere Menschen zu halten.

"Wie findet denn eigentlich in so kurzer Zeit ein so tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel statt, dass man eine völlig verschobene Normalität und ein völlig verschoben scheinendes moralisches Grundkorsett konstatieren muss? Und so etwas zu erklären, dafür ist der Begriff der Volksgemeinschaft ein ganz gutes Hilfsmittel, weil er darauf verweist, dass diese Gesellschaft es ja schafft, Bindungskräfte zu erzeugen bei den Zugehörigen, die ihnen eine hohe Zustimmungsbereitschaft sowohl zum Regime als auch zu seiner gegenmenschlichen Politik mitbringen."

"Liebe Mitglieder der Besatzung der Bremen! Ihr ward allein im fremden Land. Was mit der Heimat euch verband war nur ein Radiogerät."

1939. Das Wunschkonzert für die Wehrmacht versammelt die deutsche Bevölkerung vor den Radiogeräten und ruft zum Spenden auf.

"Dann wusstest ihr, dann fiel euch ein: Wir sind ja doch nicht ganz allein."

Die Sendung ist der Nachfolger des Wunschkonzertes für das Winterhilfswerk. Michael Wildt, Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert an der Humboldt Universität Berlin:

"Die Nationalsozialisten - so schon 1933 - beginnen ein Winterhilfswerk. Mobilisieren die deutsche Bevölkerung, für die Bedürftigen im Winter 1933/34 zu spenden. Die Nationalsozialisten entkoppeln diese Art gesellschaftliche, sozialstaatliche Regelung und machen daraus eine Kampagne, wenn man so will, der Volkssolidarität."

Es ist eine enorm erfolgreiche Hilfskampagne. Gleichzeitig war völlig klar, dass dabei bedürftigen jüdischen Familien oder sogenannten Asozialen nicht geholfen werden würde.

"Was vorher rechtsstaatlich und sozialstaatlich geregelt war - und zwar ohne Ansehen der Person, genauso, wie es heute der Fall ist -, haben die Nationalsozialisten entrechtlich, entlegitimiert. Und gleichzeitig eine Solidaritätskampagne entfacht, die stattdessen wirken soll. Und zugleich aber die Sorge, die gesellschaftliche Sorge für Bedürftige in den Wertungen, in der Zielsetzung verändert hat."

Karitative Tätigkeiten wurden zum Beispiel Frauen zugedacht. Ihre Rolle in der Volksgemeinschaft untersucht die Historikerin Elisabeth Harvey, Professorin an der University of Nottingham:

"Es gab immer wieder die Forderung, dass Frauen sich in der Nachbarschaft einsetzen sollten, karitativ für notleidende Volksgenossen einsetzen sollten. Die sollten sich auch um die Deutschen im Ausland kümmern oder die angeblich leidenden Deutschen in den Grenzgebieten des Deutschen Reichs. Jetzt durfte man nähen und sammeln und stricken, aber jetzt mit einem großen historisch wichtigen, politischen Ziel, nämlich das Deutschtum zu stärken, also zu Hause und auch im Ausland."

Die politische Aufwertung der ihnen zugedachten Arbeit war eine Nische, in der sich die unterschiedlichsten Frauen in nationalsozialistischen Frauenorganisationen treffen konnten, meint Elisabeth Harvey. Rassenpolitische Schulungen waren dort Teil ihres Alltags, aber ob die wirkten, ist schwer nachzuweisen. Die Werteverschiebung in den Köpfen vollzog sich vermutlich subtiler.

"In bestimmten Situation, wo Frauen zum Beispiel mit den umgesiedelten Volksdeutschen zu tun hatten: Die Not, die Bedürftigkeit dieser Menschen war für sie offensichtlich. Wenn es dann darum ging, dass für diese Volksdeutschen die Höfe der Polen geräumt werden müssen und diese polnischen Familien vertrieben werden müssten, war dann für manche Frauen das dann eine notwendige Lösung. Also nicht für alle, aber für die Überzeugten waren solche Vertreibungen dann zu rechtfertigen angesichts der Not der Bedürftigkeit von den Volksdeutschen, die zu dieser großdeutschen Volksgemeinschaft nun gehören sollten. Und in diesem Fall hieß es, müsste das Mitleid mit den vertriebenen Polen überwunden werden."

Soziales Mitgefühl ist ein zentraler moralischer Fixpunkt für fürsorgliche Arbeit - aber in der Volksgemeinschaft war das kein Mitgefühl mehr an sich, es galt eben nicht für alle. Norbert Frei:

"Wenn ich von Gemeinschaft rede und nicht von Gesellschaft, dann will ich die Unterschiede eben nicht mehr tolerieren oder nicht mehr zulassen oder gar begrüßen. Und in diesem Sinne ist dieses Konzept per se fremdenfeindlich, per se auf die Verfolgung von Minderheiten angelegt. Das ist aber nicht das, wofür es von Vielen - ich sag es mal salopp - 1933 gekauft worden ist."

Vor allem an autobiografischen Schilderungen und Tagebüchern lässt sich nachvollziehen, wie sich Schritt für Schritt in der Alltagspraxis die Weichen stellten, die den Einzelnen immer weiter in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft integrierten - und damit in die Ausgrenzungsgemeinschaft - ohne dass die Einschätzung der eigenen Moral Schaden nahm. Harald Welzer:

"Über das Ganze Spektrum - sagen wir mal von einem nicht-jüdischen Deutschen wie Sebastian Haffner bis zu den berühmten Tagebüchern von Viktor Klemperer, jüdischer Deutscher: Wenn sie solche Materialen heranziehen, dann sehen sie, wie auf der Alltagsebene sich die Wahrnehmungen verändern. Alsodass man beispielsweise Beschreibungen darüber hat, wie die nicht-jüdischen Deutschen die Straßenseite wechseln, wenn ihnen im Ort der jüdische Bekannte entgegenkommt. Sie selber würden sagen: Na, ich will den nicht in Verlegenheit bringen! Aber dass das eine Ausgrenzungshandlung ist, die sich unheimlich schnell verstetigt, dass ist so etwas, woran man das gut beschreiben kann."

"Da haben wir dann auch ein Mädchen, das erzählt davon, die Ballettlehrerin kommt nach Hause und sagt ihrer Mutter, sie möchte nicht, dass das Mädchen an der Aufführung teilnimmt, weil sie das Gefühl hat, dass sie wohl da ausgebuht wird und so. Sie möchte das Kind schützen davor."

Die Historikerin Veronika Nahm ist Bildungsreferentin im Anne Frank Zentrum Berlin. Die Erzählung des jüdischen Mädchens gehört zu den Erinnerungen von sieben Überlebenden des Holocaust, die vom Anne Frank Zentrum für die Entwicklung von Lernmaterial für Kinder interviewt wurden.

Ein wichtiger Aspekt der von der Bundeszentrale für Politische Bildung veranstalteten Berliner Konferenz zur Holocaustforschung war die Anbindung neuer Forschungsergebnisse an Lebenswelten von heute. Die alte Frage also: Was kann der Blick auf Geschichte für die Gegenwart bedeuten?

"Wir haben tatsächlich versucht, in diesem Lernmaterial historisches Lernen und Menschenrechtsbildung zusammen zu bringen. Wir möchten eben den Kindern etwas an die Hand geben, ein Fundament, auf dem sie sich zur Geschichte positionieren, auf dem sie auch über die Geschichte urteilen. Und das sind die Kinderrechte, also die Kinderrechte als ein Anwendungsbeispiel für die Menschenrechte."

Erst entlang dieser Rechte fällt den Kindern die im historischen Beispiel beschriebene Haltung der Ballettlehrerin gegenüber dem jüdischen Mädchen als problematisch auf:

"Wenn sich Kinder dann in diese Situation hineindenken, dann sagen sie: Naja, okay, aber das war von der Lehrerin ja auch nett, dass sie jetzt da nicht das Mädchen auf die Ballettbühne gestellt hat, sonst wäre die ja auch da ausgebuht worden. Aber es ist eigentlich nicht nett von dieser Lehrerin, weil das Kind hat das Recht darauf, die gleichen Dinge zu machen wie alle anderen Kinder auch, weil: Das ist ein Kind! Und diese antijüdischen Diskriminierungen sind eben ein Verstoß gegen die Menschenrechte."

"Das ist eben genau die alltägliche Veränderung des Gewohnten, die Etablierung eines neuen Universums von Selbstverständlichkeit. Und dazu gehört natürlich bei einer Ausgrenzungsgesellschaft der Ausschluss von bestimmten Personengruppen aus dem Universum der Verbindlichkeit und der Selbstverständlichkeiten. Aber das kriegen eigentlich diejenigen, die auf der zugehörigen Seite sind, gar nicht richtig mit, sofern sie nicht aktiv beteiligt sind."

Was kriegen wir heute alles "nicht mit"? Wo verschieben sich Wahrnehmungen? Wo entsteht ein Potenzial für Ausgrenzung mitten in der Gesellschaft, schleichend, kaum bemerkt? Gemeinschaften zu bilden, ist menschlich, alltäglich und an sich neutral. Von Sportmannschaften über politische Parteien hin zu sozialen Netzwerken gehören Gemeinschaften zu modernen Gesellschaften. Harald Welzer:

"Vergemeinschaftungsformen, die sich gegen andere richten, da wird die Sache natürlich problematisch. Und ich würde beispielsweise, wenn sie an solche Phänomene wie den "Shit-storm" denken, also das Zusammenschließen eines anonymen Kollektivs über das Medium des Internet, um über missliebige Personen oder Sachverhalte herzufallen, da würde ich ganz nervös werden. Weil das entspricht eigentlich mit modernen technischen Methoden genau der Strategie der SA, Menschen unter Druck zu setzen, indem man Gewalt psychologischer Art, aber auch körperlicher Art gegenüber diesen Personen ausübt, aber damit genau ein Klima der Verletzlichkeit erzeugt, was wiederum selber Machtmöglichkeiten eröffnet."

Auch andere heutzutage ganz selbstverständliche Diskussionen und Bemühungen um Gemeinschaft geraten vor dem Hintergrund der neueren Forschungsergebnisse rund um den Begriff "Volksgemeinschaft" in ein kritisches Licht. Sollen wir wirklich erwarten, dass moderne Parteien einig sind und "geschlossen" auftreten? Michael Wildt:

"Nein, wir müssten viel mehr Parteien gut finden oder sie darin unterstützen, wenn sie eine lebendige Diskussionskultur haben und zugleich die Fähigkeit zum Kompromiss und das, was sie als Partei als Profil ausmacht, das zu stärken."

Der Historiker Norbert Frei:

"Ich finde, man muss zum Beispiel sehr gut aufpassen, wenn der Begriff der "Identität" in den Mund genommen wird. "Die Deutschen brauchen eine Identität" oder "wir brauchen Integration, Integration und Integration für die Migranten". Nein! Wir brauchen das Zulassen von Differenz! Wir brauchen die Bereitschaft, anzuerkennen, dass wir durch Differenz reicher werden und durch Homogenisierung, zumal unter Druck, ärmer."

Es ist offenbar ein schmaler Grad: Dass die Bildung von Gemeinschaften nicht zu gegenmenschlichem Handeln führt, dafür müssen die pluralistische Gesellschaft selbst und der demokratische Rechtsstaat sorgen. Es gilt auf mögliche Wahrnehmungsverschiebungen sensibel zu achten. Wie das historische Beispiel zeigt, können sie im Mantel vielfältiger und alltäglicher gesellschaftlicher Praktiken daher kommen. Harald Welzer:

"Moderne Gesellschaften zeichnen sich letztlich dadurch aus, dass man die Zielrichtung verändern kann, ohne die Tätigkeit als solche zu verändern. Man kann auch eine ganze Gesellschaft umformatieren, ohne dass die Menschen tatsächlich merken, dass jetzt was fundamental anderes passiert ist. Und so etwas ist eigentlich das Thema auch dieser Tagung aus meiner Sicht - weil wir für das natürlich gar kein Erklärungsmodell haben."

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