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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: "Der Führer spricht"24.10.2013

Schwerpunktthema: "Der Führer spricht"

Die Rolle des Rundfunks im Nationalsozialismus

In der NS-Zeit spielte das Medium Radio eine große Rolle bei der Propaganda der Nazis. Über den günstig erwerbbaren Volksempfänger konnten Millionen Deutsche im Reich Hitlers Reden von den großen Parteitagen hören und so von der Nazi-Propaganda eingefangen werden.

Von Barbara Weber

Eine Familie hört 1933 gemeinsam Radio (AP Archiv)
Eine Familie hört 1933 gemeinsam Radio (AP Archiv)
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"Auf jeden Fall saßen wir auch am 31. August 1939 in der üblichen Runde unserer Hausgenossen und Familie und erlebten den Überfall auf den Reichssender Gleiwitz, das war der nächste Sender, das war unser Empfangssender, der transportierte alles, was der Großdeutsche Rundfunk senden konnte. Und da wurden wie alle Zeuge dieses Überfalls auf den Reichssender Gleiwitz".

Friedrich Nowottny, ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks.

"Es wurde geschossen, es wurde gerufen, es wurde polnisch gerufen, eine polnische Ansprache war zu hören, die dann abgebrochen war nach kurzer Zeit, und dann war Funkstille. Also was war das? Das war ein inszenierter Überfall der Gestapo, wie man vermutet, auf den Reichssender Gleiwitz".

Es war das wohl folgenschwerste "Hörspiel", das jemals im Rundfunk übertragen wurde. Was der damals zehnjährige Friedrich nicht ahnte: Der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz lieferte den Nationalsozialisten die Begründung für den Einmarsch in Polen.

"Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen"

"Achtung, Achtung, hier ist das VOX-Haus"

Von der ersten offiziellen deutschen Radiosendung, ausgestrahlt am 29.10.1923, bis zur Gleichschaltung des Rundfunks sollten zehn Jahre vergehen. Eng verknüpft ist seine Entstehung mit einem Namen: Hans Bredow:

"Radio ist in Deutschland gerade in einer Zeit der tiefsten seelischen und wirtschaftlichen Not wie ein befreiendes Wunder begrüßt worden, dessen Auswirkungen auf das kulturelle, politische und wirtschaftliche Leben nicht hoch genug angeschlagen werden kann."

Bredow leitete zunächst als Ministerialdirektor die neu gegründete Abteilung für drahtlose Telegrafie im Reichspostministerium und wurde später zum Rundfunkkommissar ernannt. Er begann mit der Organisation eines dem Postministerium unterstellten öffentlichen Rundfunks, der sich aus einzelnen Regionalsendern zusammensetzte.

"Also Hans Bredow war speziell ein ehrenwerter Mann. Ein sogenannter "Homme de lettres", das heißt, seine Vorstellungen vom Radio waren insofern idealistisch, als er dachte, das ist ein Instrument der Kultur, der Bildung",

sagt Dr. Hans-Ulrich Wagner, Wissenschaftler am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg.

"Man kann die Volksmassen klüger machen, aufmerksamer machen und insofern 'ne hehre, ideale Vorstellung vom Rundfunk als Volksbildungsmittel, wobei es ganz interessant ist, dass der genehmigt worden ist als Unterhaltungsrundfunk und nicht als Nachrichtenrundfunk",

sagt Karl-Heinz Göttert, ehemals Professor für Germanistik an der Universität Köln.

"Das galt als gefährlich, auch politisch gefährlich. Alles bloß keine Nachrichten. Nein, es wurde eingerichtet als Unterhaltungsrundfunk."

30.Januar 1933. Reichspräsident Paul von Hindenburg vereidigt Adolf Hitler. Die Diktatur des nationalsozialistischen Deutschland löst die Demokratie der Weimarer Republik ab. Mit einem Fackelumzug durch das Brandenburger Tor und am Reichstag vorbei feiern die neuen Machthaber und ihre Anhänger wenige Stunden später den Sieg.

Die von Joseph Goebbels angeordnete Reportage ist ein Propagandastück wie aus dem Lehrbuch, sorgfältig inszeniert und auf ihre Wirkung kalkuliert. Auch wenn nur Mitglieder der SA und SS begleitet von wenigen Anhängern mitmarschierten, suggeriert sie, dass ganz Deutschland geschlossen hinter den neuen Machthabern steht. Hitler wird als seriöser, ernsthafter Politiker verkauft, vom Volk frenetisch bejubelt.
Hitler selbst entwickelte zunächst ein ambivalentes Verhältnis zu dem neu entdeckten Medium:

"Also sagen wir mal so, Hitler hat sehr früh erkannt, und es gibt sehr schöne Zitate, dass der Ton eindrucksvoller sei, das sagt er, als das Bild. Und gleichzeitig hat er auch erkannt, dass man, wenn man hört, man gleichzeitig Bilder im Kopf abruft",

sagt Professorin Inge Marszolek, pensionierte Historikerin an der Universität Bremen.

Zugleich war seine erste Rede im Rundfunk, also jetzt nicht eine Übertragung, sondern eine Rede im Rundfunk, am 1. Februar 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung, ein Flop. Also er hat erst mal viel zu lang geredet, man musste 15 Minuten rauskürzen, er musste das viele, viele Male wiederholen und war wohl selber auch sehr unzufrieden, wie er rüberkam, weil seine Stimme am Mikro im Studio sehr monoton war, also es gibt sehr, sehr wenig Reden, die im Studio von ihm aufgenommen worden sind. Man hat dann viel mehr eben seine Reden vor Massen, da konnte er sein Redetalent entfalten, aufgenommen, und sie dann eben übertragen.

Schon unter der Regierung Franz von Papen gingen 1932 die Sender in die Hände des Staates über. Mit Beginn ihrer Herrschaft verstärkten die Nationalsozialisten die Zentralisierung, denn Joseph Goebbels erkannte früh die Bedeutung des Hörfunks für die NS-Propaganda.
Auch Hans Bredow bewies Weitsicht. Er reichte bereits am 30.1.1933 seinen Rücktritt als Reichsrundfunkkommissar ein.
Inhaltlich war die Marschrichtung jetzt klar, wie Joseph Goebbels schon im Frühjahr 1933 den Verantwortlichen der Funkhäuser mitteilte:

"Wir machen gar keinen Hehl daraus: Der Rundfunk gehört uns, niemandem sonst. Den Rundfunk werden wir in den Dienst unserer Idee stellen, und keine andere Idee soll hier zu Worte kommen."

Alle regionalen Rundfundfunksender verloren ihre Selbstständigkeit.
Der neue Direktor der Reichsrundfunkgesellschaft und Funktionär der NSDAP Eugen Hadamovsky

"Meine Volksgenossen und Volksgenossinnen. Mit den letzten Vorgängen, die sich innerhalb der Funkhäuser und um den Rundfunk herum abgespielt haben, endet die demokratische Epoche des Rundfunks und damit endet zugleich die Epoche der Rundfunkliliputaner."

Die Konsequenz: Alle Mitarbeiter der Rundfunkanstalten, die die Nationalsozialisten als Juden, Kommunisten oder politisch unerwünscht bezeichneten, verloren ihre Arbeit, wurden zum Teil in Konzentrationslager deportiert oder ermordet.
Eugen Hadamovsky im Berliner Sportpalast:

"Heute, am 12.August, kann ich unserem Parteigenossen Dr. Goebbels melden, nun ist im Rundfunk der größte Dreck ausgeräumt."

Schon nach einigen Monaten war die Gleichschaltung des Rundfunks abgeschlossen. Jetzt bestimmten Funktionäre der NSDAP das Programm.

"Wobei es zu Anfang unterschiedliche Vorstellungen gab",

sagt Inge Marszolek,

"bis sich Goebbels, der eine sehr pragmatische Auffassung von Propaganda hatte, durchsetzen konnte. Also Anfang, 33, gab es mehr als 50 Übertragungen von Reden von Hitler."

Dazu noch wollte natürlich jeder Gauleiter auch mal im Radio reden. Und Goebbels hat sehr schnell erkannt, dass das die Erwartungen der Hörer und Hörerinnen, dass das nicht funktionierte, sagen wir mal einfach so. Die haben sich gelangweilt. Die wollten nicht ewig Politik hören, sondern sie wollten weiter unterhalten werden durch das Medium.

Fast zwei Drittel des Programms lieferte Unterhaltungs- und Tanzmusik, streng kontrolliert und bewacht.
Jazz galt als undeutsche Negermusik und wurde zunächst verpönt, später endgültig verboten. Singende Filmstars wie Heinz Rühmann, Hans Albers und Zarah Leander bestimmten das Programm.

Allerdings gab es noch ein Handicap: Die Radiogeräte waren zu teuer und somit
für die meisten unerschwinglich. Deshalb ließ Goebbels einen günstigen Volksempfänger bauen, den er im August 1933 bei der Berliner Funkausstellung anpries.

Der Gedanke des Volksempfängers aber setzte sich so erfolgreich durch, dass bis heute weit über 1.300.000 dieser Apparate hergestellt wurden.

Die Olympischen Spiele im August 1936, selbstverständlich im Rundfunk übertragen, waren auf der ganzen Linie ein sportlicher und propagandistischer Erfolg.
Die Nationalsozialisten betonten Völkerverständigung und Freundschaft, auch mit den angereisten jüdischen und schwarzen Sportlern.
Doch nur drei Jahre später, am 30.Januar 1939, kündigte Hitler den Mord an den europäischen Juden an:

Die Kriegsvorbereitungen liefen. 1939 installierte Goebbels den Großdeutschen Rundfunk, um das Programm noch besser kontrollieren zu können. Der Empfang ausländischer Sender - mit der spärlichen technischen Ausstattung des Volksempfängers sowieso kaum möglich - wurde mit Zuchthaus bestraft.
Auf den Angriff im Osten folgte der Angriff im Westen. Meldungen über Blitzsiege,
Wehrmachtsberichte, Reportagen von der Front, politische Kundgebungen unterbrachen das Programm. Ansonsten galt: Musik ist Trumpf!
Besonders beliebt bei den Hörern war das Wunschkonzert der Wehrmacht

"Das Wunschkonzert am Samstagnachmittag war eine ungeheure Inszenierung, eine Unterhaltungssendung, die, wie ich vermute, auch in der Nachkriegszeit bei denen, die die großen Fernsehshows inszeniert haben, eine Rolle gespielt hat",

erinnert sich Friedrich Nowottny.

"Und da war das Radio unglaublich, große Orchester, große Chöre, Kinderchöre, der Bielefelder Kinderchor und die Domspatzen und was weiß ich und immer zwischendurch Wilhelm Strienz und wie sie alle geheißen haben."

Zudem entwickelten die Nationalsozialisten eine wahre Meisterschaft im Inszenieren von Wirklichkeiten: Frontberichte wurden manipuliert, das heißt, im Studio vorher vorbereitet und diese künstlichen Reportagen anschließend ausgestrahlt.

"Das fing damit an, dass der nationalsozialistische Rundfunk vorher aufgenommen hat, wie Kriegslärm sich anhören könnte. Also es wurde aufgenommen der Lärm der Flugzeuge, Kanonendonner, damit man diese Geräusche schon auf Konserve hatte.""

Allerdings wurde die Situation im Verlauf des Krieges immer schwieriger, gab es doch immer weniger Siege zu verkünden. Die Lage spitzte sich zu. Das Wunschkonzert, dessen Endredaktion von Goebbels persönlich übernommen wurde, stellte der Propagandaminister 1942 ein.

Es gibt ein Phänomen, das er nicht kontrollieren konnte: Den Siegeszug des Schlagers "Lili Marleen". Da die Interpretin Lale Andersen aufgrund ihrer kritischen Distanz zum Regime nicht wohl gelitten war, durfte der Titel zunächst nicht im Großdeutschen Rundfunk gespielt werden. Goebbels soll von einer "Schnulze mit Leichengeruch" gesprochen haben. Doch um zu verhindern, dass die Soldaten an der Front "feindliche" Sender hörten, akzeptierte er, dass der Titel von dem Soldatensender Belgrad ausgestrahlt werden durfte.

Nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht bei Stalingrad, nach der Ankündigung des totalen Krieges am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast, konnte es auch der Bevölkerung nicht mehr verborgen bleiben, dass das Regime am Abgrund taumelte und eine Nation mit sich riss.

Vom Ernst der Lage war auch die Kultur betroffen: Theater mussten schließen. Zeitungen konnten nicht mehr erscheinen. Nur Film und Rundfunk unterlagen keinen Einschränkungen, während die Menschen unter Entbehrungen litten und mit der Angst vor ständigen Luftangriffen leben mussten.

Über die Sender ging ein Durchhalteappell nach dem anderen. Am Ende arbeitete nur noch der Reichssender Hamburg mit seinem Nebensender Flensburg. Professor Gerhard Paul, Historiker an der Universität Flensburg.

Der Reichssender Flensburg, das war der letzte der Nachfolgeregierung Hitler, der sogenannten Regierung Dönitz, zu Verfügung stehende Rundfunksender, der am 9. Mai 1945 exakt um 20:03 Uhr die Bekanntgabe des Kriegsendes übertragen hat, und zwar in Form des letzten Wehrmachtsberichtes.

""Wir bringen heute den letzten Wehrmachtsbericht des Krieges."

Und in diesem letzten Wehrmachtsbericht heißt es unter anderem, ich zitiere: "Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt. Damit ist das fast sechsjährige heldenhafte Ringen zu Ende. Es hat große Siege, aber auch große Niederlagen gebracht. Die deutsche Wehrmacht ist am Ende einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen".

"Ehrenvoll unterlegen. Wir brachten den Wortlaut des letzten Wehrmachtsberichtes dieses Krieges."

Das waren die Sätze. In diesen Sätzen kommen die Millionen Toten des Weltkrieges nicht vor, über das systematische Morden wird nicht berichtet. Und diese Sprachformel vom "heldenhaften Kampf" von der Ehre, dass man ehrenvoll unterlegen sei, das ist im Grunde Kern dieser Legende der sauberen Wehrmacht, die fast 50 Jahre gehalten hat. Das ist also eine Legende, eine zählebige Legende, die zum ersten Mal im Grunde Mitte der 90er Jahre durch die sogenannte Wehrmachtsausstellung zerstört worden ist. Und diese Legende ist von Flensburg aus in die Welt gesetzt worden, die hat die Wehrmacht selbst in die Welt gesetzt.

"Es tritt eine Funkstille von drei Minuten ein."

"Ich war damals sechzehn, das waren alles so Jungs in meinem Alter, wir kriegten Fahrräder, da konnte man zwei Panzerfäuste hinten drauf tun",

erinnert sich Friedrich Nowottny.

"Und wir hatten natürlich Hunger, fuhren wir zum Bauernhof und, ich sehe den Bauern noch vor mir, der stand da mit der Mistgabel und sagte: "Also Jungs, fahrt' nach Haus, der Krieg ist aus! Der Hitler ist tot". Da sagt der: "Wartet mal! Kommt mal! Es passt grade. Es gibt gleich Nachrichten!" Da hat er ein Radio, und da hörten wir die Nachricht, dass der Führer und Reichskanzler an der Spitze der kämpfenden Heere in Berlin für Volk und Vaterland gefallen ist. Wir guckten uns genauso ratlos an, wie wir uns fast fünf Jahre vorher angeguckt hatten, als wir den Überfall auf Gleiwitz und den Beginn des Krieges erlebt hatten. "Wie?", haben wir gesagt, "Der Hitler ist tot? Der Führer ist tot? Das kann nicht wahr sein!" Und plötzlich fing einer von uns zu heulen an und wie im Chor, wir waren vielleicht so zwanzig Mann, wir fingen alle geschlossen zu heulen an. Wahrscheinlich aus betroffener Ratlosigkeit und wahrscheinlich, weil keiner wusste was jetzt kommt. Das war als fiele dieser kleine Haufen von 20 Jungens in ein tiefes Loch und wusste nicht, ob es da wieder einen Ausweg geben würde, wie das ganze Volk unter den Ruinen, die Hitler hinterlassen hatte, versuchte einen Ausweg zu finden, um nach einem neuen Start zu suchen. Es waren schreckliche Sachen, die man da erlebt hat."

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