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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Die Einsamkeit des Übermenschen18.10.2012

Schwerpunktthema: Die Einsamkeit des Übermenschen

Internationale Konferenz der Nietzsche-Gesellschaft Naumburg

Nietzsche verkündete den Tod Gottes und die Umwertung aller Werte. Und damit verlor auch der Mensch seine Vormachtstellung als "Subjekt", das mittels seiner Vernunft die Welt erkennen kann. Was dann vom Menschen übrig bleibt, war die Frage, die die sich die Konferenzteilnehmer stellten.

Von Inge Breuer

Porträt des deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche (AP-Archiv)
Porträt des deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche (AP-Archiv)
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Herkulesaufgabe und philosophische Streiflichter

"Nietzsche hat ja mehrere Persönlichkeiten je nach Alter und Entwicklungsstufe. Ursprünglich als Kind ein gläubiger Mensch, und das wechselt dann ganz extrem, dass er dann von einem Gläubigen zu einem Fragenden wird. Und der merkt, dass man beim Fragen behindert wird durch hierarchische Hemmnisse."

Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter Andrè Bloch über die Biografie Nietzsches.

"Und das ist das Interessante, dass er … nun so etwas wie einen neuen Menschen entwickelt. Und dieser neue Mensch befreit sich von diesen Vorstellungen des Staates, der Kirche, der Universität. Und er hat das Ziel, sich selber zu entfalten, selbst schöpferisch zu werden."

Nietzsche war der Sohn eines protestantischen Pfarrers und verkündete den Tod Gottes. Und mit dem Tod Gottes kam zugleich das Richtmaß dafür abhanden, was wahr und falsch, vernünftig und unvernünftig, gut und böse sein könnte. In diesen Strudel des Nihilismus wurde auch der Mensch hineingesogen. Er verlor jene Position, die ihm seit der Neuzeit von der Philosophie zugedacht worden war: die Position eines "Subjekts" das mittels seiner Vernunft die Welt erkennt. Von der "Ohnmacht des Subjekts" war deshalb auch in Naumburg die Rede. Und zur Frage stand, was an dessen Stelle treten könnte. Dr. Enrico Müller, Mitveranstalter der Tagung:

"Das Subjekt ist in seiner klassischen Ausprägung etwas, was von sich aus Objekte kreiert und in jedem Ich ist und Einheit stiftete. Genau hier setzt Nietzsche an und möchte weg von der Universalisierung, die vom Subjekt ausgeht und vom einheitsstiftenden Charakter. Und er setzt hier einen möglichen Alternativbegriff, den der "Persönlichkeit" in den Mittelpunkt seiner Überlegungen."

Löst also die "Macht der Persönlichkeit" das ohnmächtig gewordene Subjekt ab? Und was ist mit "Persönlichkeit" überhaupt gemeint? Die verschiedenen Facetten dieses Begriffs auszuleuchten, dazu waren Nietzsche-Forscher aus aller Welt nach Naumburg gekommen. Enrico Müller wies darauf hin, dass der Begriff der "Person" in der Antike etwas durchaus Changierendes hatte. Gemeint war die Maske, die Maske des Schauspielers. Die Person, so verstanden, hat also keine fest umrissene Kontur, keine ein für alle Mal bestehende Identität – etwas Spielerisches, ja Närrisches haftet ihr an. So, wie es in Nietzsches "Dionysos Dithyramben" heißt:

"Der Wahrheit Freier — du? so höhnten sie / Nur Narr! Nur Dichter! /Nur Buntes redend, aus Narrenlarven bunt herausredend/ herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken, auf Lügen-Regenbogen / zwischen falschen Himmeln / herumschweifend, herumschleichend."

Prof. Rüdiger Görner, Literaturwissenschaftler an der University of London:

"Er ist beides, nur Narr, nur Dichter, nur Weiser, das heißt die Ambivalenz des Dichtens auch des philosophischen Dichters und auch Philosophierens trägt er ins Närrische auch herüber. Es ist der Denker, der sich stark macht für das Lachen und im Gelächter etwas sieht, was Kultur unterminieren kann."

So verstanden ist die "Persönlichkeit" kein "Individuum", also kein unteilbares Ich, sondern ein "Dividuum", ein in viele Rollen und Teilpersönlichkeiten sich auffächernder Mensch.

Enrico Müller: "Das ist ein spekulativer Gegenbegriff gegen das Individuum. Das Individuum ist unter den Bedingungen der Persönlichkeit als dasjenige am Menschen gedacht, was nicht mehr teilbar ist, sein wahrstes, sein authentischstes, sein wirkliches Ich, das wir ja bis heute immer so schön, wenn wir etwa Menschen 'demaskieren', immer noch ausfindig machen wollen. Aber unter den Bedingungen des Nietzscheanischen Persönlichkeitsbegriffs, wird es immer so sein: Sie können einen Menschen demaskieren, aber sie werden immer nur eine weitere Maske finden, es wird eine andere darunter sein."

Nicht allein seine Vernunft zeichnet den Menschen bei Nietzsche aus. Sondern ebenso seine Herkunft, seine Zeit, seine Rolle in der Gesellschaft, oder, wie Sigmund Freud es später nannte, sein "Es" und sein "Über-Ich".

Rüdiger Görner: "Diese Komponenten verändern sich auch, durch den Zivilisationsprozess, durch die Erfahrung der Industrialisierung, durch die Wissenschaft, aber eben auch durch Emotionen. Durch Art, wie das Denken verstanden wird, das wie eine Antenne alles aufnimmt, was auf es einströmt."

"Das Unvergängliche / ist nur dein Gleichnis! / Gott, der Verfängliche, / Ist Dichter Erschleichnis / Welt Rad, das rollende streift Ziel auf Ziel / Not – nennt's der Grollende / der Narr nennt's: Spiel."

Zwischen "Not" und "Spiel", könnte man sagen, verlief auch Nietzsches Leben. Botschaft und Biografie sind bei ihm so eng verwoben wie bei kaum einem zweiten Philosophen. Er selbst verkörperte jenes "Dividuum", jene Persönlichkeit, die mit den Masken spielt, die mal mit äußerstem Entsetzen den Tod Gottes verkündet, um dann dazu aufzurufen, dieses Entsetzliche heiter zu nehmen. Nietzsche war der Verkünder der Stärke, doch von schwächelnder Gesundheit; er äußerte seine Verachtung gegenüber dem "Weibe", ohne jemals einer Frau nahe zu kommen. Er verachtete die auf Leid und Mitleid basierende Sklavenmoral des Christentums, doch brach sein Wahnsinn aus, als er in Turin klagend ein von einem Kutscher misshandeltes Pferd umarmte.

Rüdiger Görner: "Er beschreibt sich selbst als Dynamit. Er möchte nicht nur seine Umgebung auf diese Weise zersprengen, neu zusammensetzen, sondern er möchte es auch für sich selbst. Er schließt sich nicht aus von dem Zustand, den er diagnostiziert. Also, wenn er Dekadenz sagt, weiß er, dass er auch selbst ein Decadent ist. Wenn er vom Nihilismus spricht, weiß er, dass auch er dem Nihilismus aufs engste verknüpft ist. Das wiederum heißt, er präsentiert sich nicht als allwissender Überphilosoph, er ist immer mit drin."

"Der Mensch ist ein Seil – geknüpft zwischen Tier und Übermensch, ein Seil über einem Abgrunde."

Man könnte den "Übermenschen" als Nietzsches neue Persönlichkeit bezeichnen. Der Übermensch ist der Schöpfer neuer Werte, der endgültig mit den Werten der Religion und einer überkommenen Philosophie gebrochen hat. Der Übermensch ist der Gegenentwurf zu dem von Nietzsche sarkastisch gezeichneten "letzten Menschen" mit "seinem Lüstchen für den Tag und seinem Lüstchen für die Nacht" und starkem "Gift zu einem angenehmen Sterben". Jeder in diesem Geschlecht der letzten Menschen ist gleich, jeder will das Gleiche; wer anders fühlt, so heißt es bei Nietzsche, geht ins Irrenhaus. Der Übermensch dagegen tritt heraus aus dieser "Herde", die "unaustilgbar wie der Erdfloh" ist. Er vollzieht die "Umwertung aller Werte", so wie Nietzsche sie selbst vollzog:

"Mein Los will, …dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiß... Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge als Lüge empfand."

Der "Übermensch" distanziert sich von den herrschenden Wahrheiten. Und das führt ihn in eine einsame Distanz zur Welt. Professor Werner Stegmaier, emeritierter Philosoph an der Universität Greifswald, hob in seinem Vortrag die Attribute hervor, die eine solche Persönlichkeit auszeichnen. Das "Pathos der Distanz" gehört dazu ebenso wie die "Vornehmheit" und das Gespür für "Rangordnungen". Attribute, so scheint es, die zu einer demokratischen Gesinnung nicht passen wollen. Aber Werner Stegmaier widerspricht:

"Nehmen wir den Begriff der Vornehmheit: Jemand ist dann vornehm, wenn er etwas tun kann für sich selbst, für die Allgemeinheit, ohne etwas dafür zu erwarten. Also, 'vornehm' kann man auf Gegenleistungen verzichten, so drückt man's heute noch aus. 'Pathos der Distanz' hat jemand oder zeigt jemand, der von diesen Normen und Werten, die als allgemeingültig gelten, noch eine Distanz hat, nicht darauf angewiesen ist, danach beurteilt zu werden. Also das heißt, Persönlichkeiten oder Rang unter Persönlichkeiten werden in der Demokratie nicht überflüssig, sondern im Gegenteil."

Auch Demokratien, so Werner Stegmaier, erfordern Persönlichkeiten mit Attributen, wie sie Nietzsche beschrieb. Denn, auch wenn alle Menschen rechtlich gleich sind, gebe es jene besonders Qualifizierten, die sich aus der Masse hervorheben:

"Warum sollen nicht die Besten führen' Es ist längst bekannt, dass eine Gesellschaft ohne Eliten nicht leben kann.... Nur, wir gestehen uns das ungern ein und das ist ein Problem für die Demokratie, dass Leute in Führungspositionen sich selber gern nicht mehr gern zugestehen, dass sie führen."

Dennoch: der heroisch-pathetische Stil Nietzsches, seine Mystifizierung von Elite, von Stärke, von dem Willen zur Macht befremden. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter Andrè Bloch lehnte Nietzsche deshalb in jungen Jahren ab. Heute votiert er dagegen für eine Lesart, die Nietzsche zu einem der unsrigen macht. Für eine demokratische Lesart:

" Ich bin 76. Ich war der Meinung als junger Mensch, dass Nietzsche ein Präfaschist gewesen ist, ich habe Nietzsche nicht gelesen, weil ich mit dem nichts zu tun haben wollte. Das ist die Gefahr. Es wird ambivalent, da sind die Bevorzugten, das sind die Opfer. Wenn man dann zitiert, je nach Position, zieht man das eine dem anderen vor. Ich lese Nietzsche immer, indem ich gegen ihn lese. Und ich bin ein demokratischer Mensch und weiß, dass Nietzsche anders gedacht hat. Aber ich habe das Recht von meiner Position ihn nun vom 21. Jahrhundert. her zu begreifen."

Enrico Müller: "Wir sind in einer postheroischen Gesellschaft angekommen und wir haben unseren Fokus auf den leisen statt auf den lauten Nietzsche ausgerichtet."

Anders als zu Nietzsches Zeiten haben sich heute viele an den Gedanken gewöhnt, dass Gott – möglicherweise – tot ist. Der "Abgrund des Nichts", der Nietzsche schaudern ließ, ängstigt kaum noch, ebenso wenig die "Sinn- und Grundlosigkeit" alles Seins. Zu Pathos, tragischem Weltempfinden und heroischem Stil haben wir heute ein eher distanziertes Verhältnis.

Werner Stegmaier: "Wir sind heute viel weniger pathetisch als man im 19. Jhd. war. Das Pathos Nietzsches ist auch das Pathos einer Zeit, man muss ja nur lesen, wie man damals geschrieben hat oder hören Sie sich Reden an. Und seit wir die coolen Generationen haben, legen wir Wert auf Understatement, also kein Pathos. Und für mein Gefühl ist das gut."

Dennoch - wir können hinter Nietzsche nicht zurück. Aber - wir haben gelernt, mit den – nihilistischen - "Kränkungen der Menschheit" zu leben, von denen Freud sprach. Mit Darwin verlor der Mensch seinen göttlichen Ursprung. Seit der Psychoanalyse wird seine Vernunft von Trieben unterminiert. Und heute bezweifelt die Hirnforschung den freien Willen. Dr. Christian Benne, Mitveranstalter der Tagung und Lektor an der Universität in Odense, Dänemark:

" Verfolgen Sie die Debatte über Willensfreiheit, was ist denn, wenn ich gar nicht nachweisen kann, dass ich meinen Arm bewusst hebe? Dann stellen sich doch die Fragen, wer agiert da eigentlich? Wen kann ich bestrafen' Das sind die Fragen, die Nietzsche sich gestellt hat."

Und so pflegen wir unsere Persönlichkeit, von der wir zugleich wissen, dass sie eine Erfindung ist. Dass wir nicht "Herr im eigenen Haus" sind. Wir leben, so der Ankündigungstext zur Tagung, eine "postsubjektive Maskerade". Und wir finden keine Antwort darauf, wer wir 'wirklich' sind. Ebenso wenig, wie wir "die Wahrheit" kennen können. Schlicht und ergreifend, weil es keine Wahrheit gibt. So, wie es in Nietzsches Zarathustra heißt:

"Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind."

Dies - radikal - anzuerkennen, meint Werner Stegmaier, fällt uns aber auch heute noch schwer. Doch erst darin vollendet sich die – nihilistische – Persönlichkeit, um die es in Naumburg ging. Wenn wir anerkennen, dass es keine Wahrheit gibt, dass all unsere Werte, unsere Überzeugungen und Meinungen auf - Nichts basieren. Und wenn wir trotzdem diesen Überzeugungen gemäß handeln:

"Wir glauben alle irgendwie, dass es etwas an sich Bestehendes über die Zeiten hinweg, über die Individuen hinweg gibt.. Das heißt so viel, immer wenn Sie glauben, einen Halt gefunden haben, an etwas was Ihnen plausibel scheint, was Ihnen sicher scheint, dann lassen Sie sich versuchen, das Gegenteil zu denken. Könnte man nicht ganz anders denken? Und siehe da, man kann! Das ist vielleicht die höchste Herausforderung. Die wenigsten können das, die wollen sich doch schlafen legen in Ruhe. Und nach Nietzsche ist es die Frau, der Mann als souveränes Individuum, der das alles wissen kann und jetzt trotzdem entscheiden kann. Denn Sie müssen in Notsituationen doch sagen, so sehe ich die Sache und so mache ich das. Aber es ist meine Entscheidung."

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