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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Die neue Sorge um das Glück01.11.2012

Schwerpunktthema: Die neue Sorge um das Glück

Bayreuther Dialoge an der Universität Bayreuth über Glücksforschung

Gesundheit, Familie und Partnerschaft, aber auch sein Leben selbst zu bestimmen und eine intakte Umwelt stehen für die Deutschen ganz oben auf der Glücksskala. Materielle Werte, Geld und Besitz zu mehren, spielen dagegen in den reichen Ländern der Welt eine geringere Rolle.

Von Ingeborg Breuer

Ein vierblättriges Kleeblatt soll Glück bringen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Ein vierblättriges Kleeblatt soll Glück bringen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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"Glück treibt uns dazu, das zu tun, was das Grundziel der Evolution darstellt, nämlich uns zu reproduzieren. Insofern können Glücksgefühle, die aus dem Geschlechtsverkehr resultieren, nicht hoch genug eingeschätzt werden, die sind genetisch fixiert. Oder die romantische Liebe, die uns den Sozialkontakt erleichtert. Auch bestimmte Formen des Glücks, das aus Nahrungsaufnahme, die uns am Leben erhält, resultiert. Besonders im Alter, wenn andere Glücksformen nachlassen."

Die Biologie hat einen recht nüchternen Blick aufs Glück. Glück entspringt im Gehirn, genauer im Nuccleus accumbens, wenn dort Dopamin oder Serotonin ausgeschüttet werden. Und die Glücksgefühle, über die der Biologe Professor Rainer Landgraf vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie gerade berichtete, stehen im Dienst der Evolution: Fressen, um zu überleben und Sex zu haben, das ist das Geheimnis allen Lebens. Und würde Sex keine Freude machen - keiner würde ihn haben wollen. Ansonsten, so Landgraf, ist der Evolution die Gefühlslage ihrer Lebewesen recht gleichgültig. Das Streben nach Glück ist manchmal sogar eng mit Unglück liiert.

"Dass jeder nach Glück strebt, das macht das Zusammenleben schwierig, die Liebe schwierig, die Treue schwierig. Die Biologie treibt uns häufig in eine konträre Richtung."

Dass Glück das letzte Ziel allen menschlichen Handelns ist, meinte schon Aristoteles. In der amerikanischen Verfassung ist das "Streben nach Glück" für jeden Menschen ein unabänderliches, gottgegebenes Recht. Und auch in der Europäischen Union gilt die "kontinuierliche Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlergehens" als übergeordnetes Ziel. Dass alle Menschen nach Glück streben, scheint also ausgemacht. Und auch, wann ein Mensch sich glücklich fühlt, kann Professor Karl Heinz Ruckriegel, Makroökonom und Glücksforscher an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg, definieren:

"Da haben wir einerseits dieses emotionale Wohlbefinden, da geht es um das Verhältnis zwischen positiven und negativen Emotionen, die am besten so 3:1 sind. Und zum Anderen geht es um das kognitive Wohlbefinden, also wie zufrieden bin ich mit dem Leben? Und allgemein wird gesagt, ein Mensch, der zufrieden ist, hat der im Allgemeinen mehr positive Emotionen im Tagesablauf und er ist im hohen Maße zufrieden mit seinem Leben."

Bleibt also die Frage: Was einen Menschen glücklich macht? Dies war das Thema der diesjährigen "Bayreuther Dialoge". Zwei Tage diskutieren Wissenschaftler untereinander und mit einer interessierten Öffentlichkeit über das Thema "Glück".

Ruckriegel: "Wir wissen, dass es bestimmte Faktoren gibt, die für unser Glück wichtig sind. Und hier ist zunächst mal zu nennen, gelingende soziale Beziehungen, dann Gesundheit, dann Engagement und eine Arbeit oder Tätigkeit, die uns befriedigt."

Gesundheit, Familie und Partnerschaft, aber auch sein Leben selbst zu bestimmen und eine intakte Umwelt stehen für die Deutschen ganz oben auf der Glücksskala. Materielle Werte, Geld und Besitz zu mehren, spielen dagegen in den reichen Ländern der Welt eine geringere Rolle. Warum dreht sich aber dann in unseren Gesellschaften - fast - alles ums Geld? Um diese Frage zu beantworten, beschäftigen sich - neben Psychologen, Philosophen und Neurowissenschaftlern - mittlerweile auch Wirtschaftswissenschaftler mit dem Thema "Glück". Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz:

"Wenn wir die ökonomische Theorie etwas genauer anschauen, dann steht da im Zentrum die sogenannte Nutzenmaximierung. Die Annahme lautet, Haushalte maximieren ihren Nutzen und das bedeutet, Menschen versuchen, ihre Bedürfnisse optimal zu befriedigen. Und das bedeutet letztlich, Dinge zu tun, die sie glücklich machen. Und das bedeutet letztlich auch, dass die persönliche Lebenszufriedenheit im Zentrum der wirtschaftlichen Aktivität steht."

Steht sie aber eben nicht, meinen Glücksforscher herausgefunden zu haben. Viele Menschen verwenden - ökonomisch gesprochen - ihr knappes Gut der Zeit eben nicht darauf, dass sie letztlich den höchsten Nutzen - spricht Glück - davon haben. Die Menschen in den wohlhabenden Ländern sind vielmehr fixiert darauf, ihren Wohlstand zu vermehren. Dabei sagt doch schon der Volksmund: "Geld – macht nicht glücklich".

Binswanger: "Also, ohne Geld kann man kein glückliches Leben führen, das ist klar. Aber wenn wir mal davon ausgehen in Ländern wie Deutschland oder die Schweiz, wenn für die Mehrheit der Bevölkerung die zentralen Bedürfnisse abgedeckt sind, dann macht es keinen Sinn, sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, immer noch mehr Geld zu bekommen, weil das dann nichts mehr beiträgt zur Lebenszufriedenheit."

Dass Geld – ab einer gewissen Summe – nichts mehr zum Glück beiträgt, wurde erstmals in den 70er-Jahren von dem amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin erkannt. Er stellte damals fest, dass die Einkommen in den USA kontinuierlich gestiegen waren. Doch waren die Menschen im Durchschnitt deshalb nicht glücklicher geworden. Und dies gilt auch für andere Industrieländer: Die heutige Generation ist sehr viel reicher als die ihrer Eltern und Großeltern, ohne deshalb allerdings zufriedener zu sein. Zugleich allerdings zeigen Untersuchungen, dass die reicheren Menschen in einem Land glücklicher sind als die ärmeren. Easterlin stellte also vermeintlich Widersprüchliches fest.

Binswanger: "Auf der einen Seite beobachten wir, dass die Menschen in den Industrieländern nicht mehr glücklicher werden mit mehr Einkommen. Auf der anderen Seite wissen wir aber, dass die reichen Menschen in einem Land glücklicher sind als die armen Menschen. Und das führt zu einem gewissen Widerspruch. Natürlich ist es so, dass jeder Einzelne das Gefühl hat, er könne nach oben kommen und die anderen blieben, wo sie sind. Jeder Einzelne hat aber nur sich selbst im Blickfeld und glaubt, er könne als Einzelner nach oben kommen und das ist für einige auch möglich. Aber es gibt immer auch welche, die auch absteigen. Und so führt das insgesamt nicht dazu, dass die Gesellschaft als ganze glücklicher wird."

Für Mathias Binswanger sind die Menschen in den "Tretmühlen des Glücks" gefangen. Sie strampeln sich ab, kommen aber nicht vom Fleck. Sie konkurrieren mit den Nachbarn, freuen sich, wenn ihr Auto größer ist. Bis der sich dann ein noch größeres kauft. Sie fühlen sich kurzzeitig besser, wenn sie eine Gehaltserhöhung bekommen. Erhöhen dann aber sofort ihre Ansprüche und brauchen wieder mehr. Sie steigern ihren Wohlstand, aber nicht ihre Lebenszufriedenheit. Wie ein Hamster im Laufrad laufen sie immer schneller und treten dennoch auf der Stelle.

Binswanger: "Menschen erkennen, dass der Engpass zu ihrem Glück in Zeitmangel, aber auch in Stress liegt. Auf der anderen Seite, wenn es konkret wird, dann wollen die Menschen doch ein hohes Einkommen haben und rennen einer Karriere hinterher. Und das liegt auch daran, wie heute die Gesellschaft organisiert ist und was Status schafft. Und das ist heute ganz zentral das Einkommen und die berufliche Karriere."

Richard Easterlins Beobachtung, dass sich trotz steigender Einkommen die Zufriedenheit und das Glücksempfinden der Menschen in den letzten Jahrzehnten nicht verändert haben, stellte Grundüberzeugungen der Ökonomie infrage. Ist mehr Konsum tatsächlich besser als weniger? Sollte der Staat uns nicht besser durch hohe Steuern davon abhalten, so viel zu arbeiten? Konkurrenz und Wettbewerb verringern? Sollten nicht alle "downsizen"? Der Biologe Rainer Landgraf, der bis zur Wende in der DDR lebte und arbeitete, warnt vor solchen Forderungen. Sie ignorierten die "Biologie" des Menschen.

"Man muss bei all diesen Ratschlägen, die man zum Glück gibt, die Biologie des Menschen berücksichtigen. Und da kann Ratschlägen, die darauf orientieren, das Ranking zu vernachlässigen oder die Intensität des Wettbewerbs oder die Differenz im Einkommen, mit einigem Misstrauen begegnet werden. Die Biologie des Menschen basiert robust auf Kompetition, auf Konkurrenz, in Hierarchie. Versuche, das zu nivellieren, indem man den Wettbewerb aus der Gesellschaft rausnimmt, die Einkommen ähnlich gestaltet, sind gescheitert, was nicht nur an der missratenen Staatsform des Sozialismus lag, sondern weil man die Biologie des Menschen berücksichtigen muss, die uns gnadenlos in diese Richtung treibt."

Dass Geld – gegen die Thesen vieler Glücksforscher – die Lebenszufriedenheit doch steigert, versuchten die Ökonomen Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb in diesem Jahr in ihrem Buch "Geld macht doch glücklich" zu begründen. Sie widersprechen den Erkenntnissen Richard Easterlins und werfen seinen Untersuchungen grundlegende methodische Irrtümer vor. Wer sich vor 50 Jahren 'ziemlich glücklich' fand, lasse sich nicht mit jenem vergleichen, der das heute von sich sage. Es gebe nämlich keine starre Obergrenze für das Glück, sondern diese verschiebe sich - je nachdem, was die Menschen für die höchstmögliche Stufe der Zufriedenheit halten. Zudem müsse man die steigende Lebenserwartung, die vor allem dem wachsenden Wohlstand zu verdanken sei, in Rechnung stellen: Wenn die Menschen länger leben, genießen sie ihr Glück länger. Und heißt 'länger glücklich' nicht auch 'glücklicher'? Deshalb, so die Wirtschaftsprofessoren, sollte man die Easterlin-Ergebnisse nicht zur Rechtfertigung für weitreichende Politikempfehlungen heranziehen. Etwa die, auf Wirtschaftswachstum zu verzichten, da dies die Menschen ohnehin nicht glücklicher mache. Denn zunehmend wird darüber diskutiert, dass das Wirtschaftswachstum – gemessen im Bruttoinlandsprodukt – keine ausreichende Messgröße für Wohlstand und Wohlfahrt, also pointiert gesagt für "das Glück" einer Gesellschaft darstellt. Karl Heinz Ruckriegel, Makroökonom und Glücksforscher:

"Was ist Wirtschaftswachstum? Das wird gemessen am BIP und das ist im Grunde eine Aufaddition der wirtschaftlichen Aktivitäten in einem Land, bewertet mit den Preisen, die für diese Aktivitäten gezahlt werden. Und wenn ein gewisses Mindesteinkommen erreicht ist, dann steht an sich dieses BIP, wenn es weiter wächst, in keinem Zusammenhang mehr mit der Lebenszufriedenheit."

Dass allerdings die Fixierung auf ein Wirtschaftswachstum, das keine Rücksicht auf ökologische und soziale Belange nimmt, nicht zukunftsfähig ist, findet mittlerweile breite Zustimmung in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Dem Wirtschaftswachstum müssten andere Indikatoren zur Seite gestellt werden, um das Glück einer Gesellschaft zu messen: Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit etwa, die Einkommensverteilung und natürlich - der Zustand der Umwelt. Doch Johannes Hirata, Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule Osnabrück, geht einen Schritt weiter.

"Ich glaube, dass man die anderen Indikatoren an erste Stelle stellen sollte. Und das Wirtschaftswachstum ist dann nur noch ein abgeleiteter Indikator, von dem selber man keinen Vorteil hat, sondern er kann dazu beitragen, dass die Ziele um die es letztlich geht, erreicht werden. Die anderen Ziele sind Bildung, Lebenserwartung und auch Freiheitsrechte."

Seit 1967 gibt es in Deutschland das Gesetz zur "Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft". Seither ist Wirtschaftswachstum ein festgeschriebenes politisches Ziel. Johannes Hirata hält dieses Gesetz für mittlerweile unzeitgemäß.

"Man müsste aus den Gesetzen streichen, dass die Aufgabe der Regierung ist, das Wachstum zu fördern, denn das ist eine historisch erklärbare Verirrung, die heutzutage nicht gerechtfertigt ist. Denn das macht nur Sinn, wenn man davon überzeugt ist, dass Wirtschaftswachstum eine notwendige Voraussetzung ist für eine gute gesellschaftliche Entwicklung."

Sozusagen als Alternative zu der westlichen Fixierung auf wirtschaftliche Prosperität beschrieb Johannes Hirata auf der Bayreuther Tagung den Weg Buthans. Denn in den 1970er-Jahren erklärte der König des südasiatischen Kleinstaates im Himalaya, dass für sein Land nicht das "Bruttoinlandsprodukt" wichtig sei, sondern vielmehr das "Bruttonationalglück". Die Menschen in Bhutan sollen nicht primär reich, sondern glücklich werden. Und zwar durch den Schutz von Kultur und Natur und ebenso auch – durch "good governance", durch gute Staatsführung.

"In erster Linie hat Glück dort einen anderen Stellenwert, politisch machen die gar nicht viel anderes. Es gibt da auch Wirtschaftswachstum, aber die Begründung ist eine andere. Das heißt, auch die Öffentlichkeit gibt sich nicht damit zufrieden, zu sagen, das ist gut für unser Wirtschaftswachstum, sondern dann wird wieder gefragt, wozu ist das gut, stehen dem nicht Verluste gegenüber? Das ist der Unterschied, dass die Argumentationskette nicht da aufhören darf, das ist gut für unser Wirtschaftswachstum."

Und dennoch: Die Zeiten sind schwer für eine grundlegende Wachstumskritik. Europa ist in der Krise und viele Länder ringen um Wirtschaftswachstum, damit die Staatsschulden gedrückt, die Arbeitslosenzahlen gesenkt, ja, man könnte sagen, das wachsende Unglück der Bevölkerung gestoppt wird. Und umgekehrt erfreut sich Deutschland stabiler Beschäftigungszahlen, optimistischer, konsumfreudiger Bürger. Ja, selbst ein Haushalt ohne Neuverschuldung scheint keine Utopie mehr zu sein. Dank - des derzeitigen Wirtschaftswachstums. Und so wird die Wachstumskritik der Glücksforscher wohl erst dann ernsthaft politisch diskutiert werden, wenn die europäischen Haushalte konsolidiert sind. Denn zum Abbau der Schulden kennen Politiker und auch Ökonomen bislang nur ein Rezept: hohes Wirtschaftswachstum.

Hirata: "Die betroffenen Länder, die haben ein gravierendes Problem dadurch, dass ihre Wirtschaft in Not ist, ihre Schulden unerträglich hoch sind. Und da ist tatsächlich Wirtschaftswachstum die Medizin, die der Patient braucht. Aber das heißt ja nicht, dass Länder, wenn sie gesund sind, die gleiche Medizin brauchen."

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