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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Was beeinflusst die Entwicklung eines Menschen?26.09.2013

Schwerpunktthema: Was beeinflusst die Entwicklung eines Menschen?

In Halle traf sich die Nationale Akademie der Wissenschaften zu ihrer Jahrestagung

Am vergangenen Wochenende hielt die Leopoldina, die älteste deutsche Gelehrtenakademie, an ihrem Sitz in Halle an der Saale ihre Jahresversammlung ab.

Von Christian Forberg

Das Bibliotheksgebäude der Leopoldina in Halle. (AP)
Das Bibliotheksgebäude der Leopoldina in Halle. (AP)

Sie stand unter einer komplexen wie komplizierten Überschrift: "Geist, Gehirn, Genom, Gesellschaft – Wie wurde ich zu der Person, die ich bin?" Kompliziert deshalb, weil viele verschiedene Wissenschaftsrichtungen einzubinden waren.

Wie wurde ich zu der Person, die ich bin? Naturwissenschaften scheinen seit wenigen Jahrzehnten Antworten auf Fragen zu geben, die die Geisteswissenschaften seit vielen Jahrhunderten beschäftigen. Endlich harte Fakten statt wortreicher Spekulation! Aber was sagt uns allein das wundersame Aufleuchten eines Hirnareals, aufgenommen in der Röhre eines MRT, über das komplexe Sein als Mensch?

Die Leopoldina, seit 2008 die Nationale Akademie der Wissenschaften, hatte ihr Mitglied Onur Güntürkün mit der Ausgestaltung des dreitägigen Programms beauftragt. Der Psychologe und Neurowissenschaftler an der Uni Bochum - Leibniz-Preisträger dieses Jahres - hielt auch den Festvortrag:

"Als wir in der Sektion Psychologie und Kognitionswissenschaft uns dieses Thema gestellt haben, war uns sofort klar, dass wir die vier Hauptakteure mit in das Programm aufnehmen müssen: Geist, Gehirn, Genom und Gesellschaft. Wenn wir uns dieses Thema für einen Moment vergegenwärtigen, dann wäre die einfachste denkbare Form die, dass mein Gehirn auf Grundlage von genetischen Informationen gebaut wird; mein Gehirn macht meinen Geist; die Summe der Geister schafft die Gesellschaft. Schon ein bisschen Nachdenken macht einem natürlich vollkommen klar, dass das so simpel nicht ist, denn: Die Gesellschaft beeinflusst die Individuen. Das bedeutet: Die Welt ist leider nicht so einfach."

Deshalb war es sein Ziel, Barrieren zwischen den Wissenschaftszweigen abzubauen durch gegenseitige Vermittlung von Erkenntnissen; die einen sollten den anderen einen Überblick über ihr Forschungsgebiet verschaffen. Onur Güntürkün brachte seinen eigenen Zweig, die biologische Psychologie in die Debatte ein. Er stellte Tests mit Frau Z. vor, die aufgrund eines genetischen Defektes ohne Arme und Beine zur Welt kam, und diese doch wahrnimmt. Behauptet sie:

"Wir können auch in ihr Gehirn hineinschauen und sie zum Beispiel im Scanner bitten, doch mal den Finger zu bewegen. Wir sehen keine Aktivierung in der direkten Motorkortexregion, wo die eigentliche Fingersteuerung passiert, denn sie hat ja keine Finger. Wir sehen aber an den adäquaten Orten, dort wo die Bewegungsreparation passiert, genau dort, wo sie sein soll, eine Aktivierung. Frau Z. hat Finger, sie hat Füße, sie hat Beine. Wir sehen sie nur nicht."

Es sind nicht zuletzt diese biologischen Fehlentwicklungen, die die Medizin mit ihren mannigfaltigen Zweigen zu neuen Erkenntnissen bringt und brachte. Ohne sie wäre 1652 auch nicht die Leopoldina als Academia Naturae Curiosorum von vier Schweinfurter Ärzten gegründet worden.

Auf der jetzigen Tagung der "Leopoldina" stellte Bernhard Horsthemke, Direktor des Instituts für Humangenetik am Uniklinikum Essen, Abweichungen im Chromosom 15 des Menschen vor. Ursache sind schadhafte Genkopien des mütterlichen oder väterlichen Chromosoms, in deren Folge Autismus, Schizophrenie, aber auch andere, seltenere Syndrome auftreten können.

"Jedes dieser Syndrome tritt mit einer Häufigkeit von vielleicht 1 auf 20 000 auf. Diese Fehler spielen aber auch noch bei sehr häufigen Erkrankungen eine Rolle, Krebs zum Beispiel. In der Tat findet man da ähnliche Prinzipien. Das, was wir immer bei den seltenen Erkrankungen gelernt haben, können wir jetzt wahrscheinlich auch transportieren in die Untersuchung von häufigen Erkrankungen."

Die Vision für Bernhard Horsthemke ist, die normale Funktion wiederherstellen zu können, und zwar ohne Gentherapie und auch ohne Veto des Ethikrates.

"Ich glaube, dass es da wenige ethische Probleme mit gibt. Wir würden ja nicht das Genom verändern bei den Patienten; wir würden an relatorischen Stellschrauben drehen, also ein Gen, was stillgelegt ist, wieder aktivieren - ein Gen, was normalerweise schon in der Zelle oder im Körper des Patienten drin ist, wieder aktivieren. Wenn wir das nebenwirkungsarm machen könnten, dann sehe ich da keine ethischen Probleme."

Krankheiten wie Schizophrenien können nicht nur genetische, sondern auch psychosoziale Ursachen haben. Über diese sprach Andreas Meyer-Lindenberg, Psychiater und Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim:

"Ich denke, es ist eindrucksvoll zu sehen, dass die Depressionen allein weltweit pro Jahr 65 Millionen Jahre gesunder Lebenszeit vernichten - ganz weit an der Spitze aller Erkrankungen, somatisch wie psychiatrisch, stehen. Wir sind häufig sehr mortalitätsfixiert in der Medizin: Wir interessieren uns für Dinge, die uns umbringen. Aber für die Bevölkerung sind häufig eher die Dinge relevant, die uns in der Jugend, die uns im Erwachsenenalter betreffen und chronisch sind. Und hier sehen wir Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen, Schizophrenien weit, weit führend in diesem Einfluss auf die gesunde Lebenszeit."

Es folgten weitere Aussagen wie: Gesund bleiben und alt werden heute Menschen, die gut sozial vernetzt und besser gestellt sind. Oder: Wer in der Stadt geboren wird und dort aufwächst statt auf dem Land, kann viel häufiger an der Seele erkranken. Bei Schizophrenien besteht sogar ein dreimal höheres Risiko, sagen Epidemiologen. Meyer-Lindenberg:

"Das ist einer der höchsten Risikofaktoren für diese Erkrankung, die wir überhaupt kennen. Und die Stadt ist nicht nur um die Zeit der Geburt, sondern auch später, wenn man in der Stadt lebt, wohl ein Risikofaktor für seelische Erkrankungen. Stadtbewohner haben ein noch so ein 30, 40 Prozent erhöhtes Risiko, an Depressionen und Angsterkrankungen zu leiden, beispielsweise."

Die Forscher um Andreas Meyer-Lindenberg haben sich vor zwei Jahren mit einem Test abgesichert: Stadt- und Landbewohner in und um Mannheim wurden ins Labor eingeladen, und hatten im Kernspintomografen mathematische Aufgaben zu lösen. Zusätzlich wurden sie unter Stress gesetzt. Und siehe: Jene Hirnareale, die mit den Krankheiten in Verbindung gebracht werden, leuchteten bei Stadtbewohnern sehr heftig.

Das Experiment wird derzeit verfeinert fortgeführt. Ein anderes setzt bereits in der frühesten Kindheit an, um den Einfluss der Umwelt auf die genetische Prägung zu erforschen, berichtet Meyer-Lindenberg:

"Denn wir wissen, dass die Umweltfaktoren auf die Art und Weise, wie das genetische Material umgesetzt wird in Zellfunktionen, Einfluss hat; das nennt man auch Epigenetik. Da gibt es Arten und Weisen, wie das Genom durch Umweltfaktoren - wenn man so will - programmiert wird. Und diese epigenetischen Faktoren gucken wir uns dann bei den Kindern an als Folge der Stressfaktoren oder auch des geringen Stresses, dem die Mutter ausgesetzt war in der Schwangerschaft."

"Wenn Sie die Mutter schlagen und sehr übel misshandeln","

fügt der Konstanzer Neuropsychologe Thomas Elbert an,

""dann setzt die bereits offensichtlich dem Embryo, dem sich entwickelnden Menschen bestimmte Signale: Pass auf! Entwickle dich in bestimmte Himmelsrichtungen, ändere deine Stressachse, du kommst in eine gewalttätige Umwelt! Wenn Sie belastende Lebensereignisse haben, dann ändert sich unter Umständen die Genexpression, also welche Bestandteile des Körpers wir zusammenbauen und welche wir nicht auslesen aus unserer genetischen Information."

Natürlich wirkt sich nicht jede unangenehme Erfahrung auf dieses Wesentliche aus; wir können eine ganze Menge Steine im Rucksack tragen, umschreibt der Forscher es bildhaft. Aber irgendwann kann der Punkt erreicht sein, wo es nicht mehr geht, wenn Gewalt zu groß ist, zu lange andauert. Das sagt Thomas Elbert aus Erfahrung: Er hat jahrelang in Krisen- und Kriegsgebieten vor allem Afrikas geforscht. Lässt sich an diesen traumatischen, die Persönlichkeit ändernden Erfahrungen etwas zurücknehmen? Elbert:

"Aus den Tierexperimenten können wir das nur über 1, 2, 3 Jahre hinweg verfolgen - dann ist zum Beispiel ein Affe bereits erwachsen. Da wissen wir, dass ein Teil in der Pubertät noch einmal umgelegt wird von diesen Schaltern. Aber ungefähr ein Dreißigstel dieser Gene wird dauerhaft unterschiedlich verändert in der Lesbarkeit. Und es sind vor allem Gene, die die Gehirnentwicklung, die Gehirnarchitektur bestimmen."

"Wenn Gegenwart zur Illusion wird" hatte Thomas Elbert seinen Vortrag überschrieben. Was Fragen der Wahrnehmung der Welt und des Ich, also der Subjektivität nach sich zieht. Die behandelte Wolfgang Prinz, Psychologe, Kognitionsforscher und langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften. Was also ist Subjektivität?

"Die klassische Antwort, die ich ziemlich unbefriedigend finde, ist: Subjektivität ist einfach eine Grundgegebenheit, die wir hinnehmen müssen; was in der Kleinkinderzeit irgendwann ganz allmählich in uns entsteht und die wir selbst nicht weiter aufklären und nicht weiter verstehen können. Sondern: Das ist so!"

Eine Ursache dafür sieht Wolfgang Prinz im Zusammenfallen von dem, was beobachtet wird, und dem Beobachter; beides bin ich selbst. Seine Annahme lautet: Wir erkennen uns durch andere:

"Die Grundidee ist: Es ist leichter andere zu verstehen, als sich selbst zu verstehen. Also könnte man Folgendes tun - und das ist ein Trick, von dem ich inzwischen glaube, dass die menschliche Evolution ihn ausgenutzt hat: Ich beobachte andere und interpretiere andere als Individuen, die etwas wissen über die Welt. Und ich beginne, andere als mentale Akteure zu verstehen. Das heißt: Ich interpretiere sie als Subjekte."

Die Mechanismen, wie dieses Wissen auf mich selbst übergeht, nennt Wolfgang Prinz "soziale Spiegelung", und zwar sowohl als Erkenntnis als auch im praktischen Sozialverhalten. Das geschieht vor allem in der Kinderzeit und wird später durch die alltägliche Interaktion mit anderen überlagert, ist also Teil unseres Wesens geworden. Und: Teil der Evolution: Wir sind in erster Linie dazu verdammt, unsere Welt zu verstehen, damit wir in ihr zurechtkommen, und erst in zweiter Linie uns selbst. Wolfgang Prinz:

"Dieses Selbstverständnis ist also nicht unmittelbar gegeben, sondern muss sekundär erzeugt werden. Und beim Menschen wird es - so die Idee - über soziale Spiegelung erzeugt."

Diese Idee, so fügt der inzwischen emeritierte Wolfgang Prinz an, diese Idee hätte er 30 Jahre früher gebraucht. Seine Forschungen hätten dann wohl ganz anders ausgesehen.

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