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Schwierige Betäubung für XXL-Patienten

Medizin. - Schätzungsweise eine Million Menschen in Deutschland sind extrem übergewichtig. Für Anästhesisten sind solche Patienten eine große Herausforderung, denn sie bringen eine Reihe von Begleiterkrankungen mit. Wie auch diese Patienten bei einer OP sicher versorgt werden, war Thema auf dem deutschen Anästhesie-Kongress.

Von Marieke Degen | 12.05.2009

"Es gibt ja zunehmend mehr Patienten mit weit über 200 Kilogramm, die man nicht gleich operieren kann, weil das Risiko zu groß ist."

Rudolf Weiner ist Spezialist für Magenverkleinerungen am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main. Er operiert Übergewichtige, die dauerhaft abnehmen möchten. Er bereitet seine Patienten aber auch gezielt auf andere Operationen vor.

"Die brauchen eine neue Hüfte oder ein neues Kniegelenk, und der Orthopäde kann es nicht machen, weil der Patient zu schwer ist."

In der Klinik von Rudolf Weiner werden pro Tag bis zu 16 extrem Übergewichtige operiert. Das Haus hat sich auf diese Patienten eingestellt: Die Tische im Operationssaal sind verstärkt, es gibt breitere Betten und Stühle, und Spezialwaagen. Vor jeder Operation lässt Weiner seine Patienten sorgfältig untersuchen: Wie gut funktionieren Herz und Lunge, wie groß ist ihre Belastbarkeit. Denn extrem Fettleibige sind immer Hochrisikopatienten. Die meisten leiden an Diabetes und Bluthochdruck, sie haben ein schwaches Herz und oft Atemprobleme. Hans-Jürgen Dieterich ist Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie der LMU München, einem Behandlungszentrum für Übergewichtige.

"Bei den adipösen Patienten muss man damit rechnen, dass alle Bestandteile von den Mandeln, von der Luftröhre, vom Luftröhreneingang bis hin auch zu den Wangen verfettet sind, das sieht man tatsächlich erst, wenn man sich mit den Atemwegen des teilweise narkotisierten Patienten direkt befasst und in den Mund und in den Rachen hineinschaut."

Und das macht eine Narkose besonders heikel. Die Fettmassen können die Atemwege verlegen, so dass der Patient keine Luft mehr bekommt. Wenn der Anästhesist ihn künstlich beatmen will, muss er einen kleinen Plastikschlauch, einen Tubus, in die Luftröhre schieben. Aber:

"Bei großen Fettmassen ist das doch unter Umständen ausgesprochen problematisch."

Ärzte in Spezialkliniken halten dafür so genannte Fiberoptiken bereit, eine Art Schiene aus Glasfiberfasern mit einer kleinen Lampe und einer Kamera. Damit können sich Anästhesisten vorsichtig den Weg durch den Hals bahnen und den Tubus sicher platzieren. Die Beatmung von Übergewichtigen ist eine Schwierigkeit während der Narkose. Eine andere ist, die Narkosemittel für Übergewichtige richtig zu dosieren. Denn das hängt davon ab, wie das Medikament im Körper wirkt. Manchmal müssen sich die Anästhesisten daran orientieren, wieviel der Patient tatsächlich wiegt – sagen wir einmal 200 Kilogramm – und manchmal daran, wieviel der Patient normalerweise wiegen sollte – also 90 Kilogramm. Erst seit kurzem gebe es für die gängigen Narkosemittel Empfehlungen, sagt Hans-Jürgen Dieterich.

"Ein Medikament, das dosiert wird anhand des tatsächlichen Körpergewichts ist zum Beispiel das Medikament, das man häufig für die Einleitung einer Narkose nimmt, das heißt Propofol, da muss man deutlich mehr nehmen als bei normalgewichtigen Patienten, während zum Beispiel Medikamente zur Muskelentspannung in der Regel an dem optimalen Idealgewicht dosiert werden."

Auch nach der Operation, so die Erfahrung von Hans-Jügen Dieterich und Rudolf Weiner, müssen Übergewichtige besonders sorgfältig überwacht werden. Die Patienten bekommen häufiger Embolien, deshalb brauchen sie mehr Blutgerinnungshemmer. Und sie müssen direkt nach der Operation wieder aufstehen und sich bewegen. Darauf sollten die Ärzte vorbereitet sein, fordert Dieterich. Und die Krankenhäuser müssen nachrüsten.

"Wir empfehlen das Vorhalten entsprechenden Equipments, also eine Fiberoptik muss vorhanden sein, um die Atemwege sichern zu können, man muss spezielle Nadeln vorhalten, weil die Venen unter viel Fett verborgen sein können, und im Krankenhaus müssen infrastrukturelle Maßnahmen wie das Vorhalten entsprechender OP-Tische, die solche Gewichte bewegen können, entsprechend stabiler Betten bis hin zu Toilettenschüsseln auf der Normalstation, wo auch gewährleistet sein muss, dass diese Geräte unter dem Gewicht der Patienten nicht zusammenbrechen."