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Schwierige Wahl der Mittel

Die Weltgesundheitsorganisation WHO plädiert dafür, das verbotene Insektengift DDT einzusetzen, um die Malaria einzudämmen. Doch Experten warnen vor den langfristigen Folgen.

Von Ralph Ahrens |
    Es war Mitte September letzten Jahres: Die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, wollte den Kampf gegen die Malaria, die Geißel der Tropen, intensivieren. Und sie empfahl, wieder häufiger ein- bis zweimal im Jahr das Insektengift DDT in Häusern und Hütten einzusetzen. Dies Gift soll Anopheles-Mücken, die Überträgerinnen der Malariaerreger, töten. Doch diese Empfehlung hatte Fachleute wie Jutta Klasen vom Umweltbundesamt überrascht.

    "Das wurde als Kehrtwende angesehen in der Politik der WHO, weil durchaus die WHO auch die Reduzierung der DDT-Anwendung empfohlen hat und nun wieder zurück zum DDT ihre Empfehlung geändert hat."

    Und diese Kehrtwende steht im Widerspruch zur Stockholmer Konvention, einem internationalen Abkommen aus dem Jahr 2001, das den Einsatz von Umweltgiften wie DDT weltweit ächtet und auf wirkliche Notfälle beschränkt - und d das zu Recht. DDT wirkt zwar akut kaum giftig, kann aber wie im Tierversuch nachgewiesen das Erbgut verändern und Krebs auslösen. Und:

    "Der Hauptkritikpunkt an DDT kommt aus der Umwelttoxizität: der Langlebigkeit, der Anreicherung in der Umwelt in allen Teilen der Welt. Das ist der Grund, warum DDT verboten wurde."

    So verteilt sich das Insektengift vor allem mit Winden weltweit und lässt sich daher in relativ hohen Mengen sogar im Fett von Walen, Robben und Eisbären wiederfinden. Dennoch: Die WHO will dies Gift häufiger einsetzen - und hofft auf einen schnellen Erfolg in der Malaria-Bekämpfung. Diese Hoffnung sei aber trügerisch, glaubt Jutta Klasen.

    "DDT ist ja ein sehr alter Wirkstoff, der ja früher in den 50er, 60er Jahren sehr breit in der Landwirtschaft eingesetzt wurde. Und aus dieser Zeit stammen auch viele Resistenzen bei den zu bekämpfenden Mücken."

    So seien in Afrika etwa in der Hälfte aller Länder Resistenzen der Anopheles-Mücken gegen DDT zu finden, ergänzt Andreas Stadler von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der GTZ. Und er betont, Malaria sei eine Krankheit der Armut:

    "Was ist das Hauptproblem in Afrika? A: das Kinder betroffen sind. B: dass Kinder zu der benachteiligten Gruppe gehören, die als letzte sozusagen zur Gesundheitsvorsorge gebracht werden, weil das kostet ja meistens was, und C oft zu spät oder gar nicht in die adäquate Behandlung oder Versorgung reinkommen."

    Ist das Gift DDT also das Allheilmittel, um die Menschen vor der Malaria zu retten? Dass das Sumpffieber auch ohne DDT bekämpft werden kann, zeigt ein Blick nach Mittelamerika. In Mexiko konnte die Zahl der Todesfälle durch einen konsequenten "integrativen Ansatz zur Vektorkontrolle", also das gezielte Kombinieren verschiedener Methoden im Kampf gegen Malaria, auf Null gesenkt. Jutta Klasen vom Umweltbundesamt:

    "Das heißt: Behandlung der Infizierten, und zwar eine sehr schnelle Behandlung, damit gar kein Erregerreservoir zur Verfügung steht. Bekämpfung der Mücken: Das heißt: Trockenlegung von Brutgebieten der Mücken, Prophylaxemaßnahmen, so dass bei Bauarbeiten, Straßenbauarbeiten solche Brutgebiete gar nicht erst entstehen."

    Mexiko verfügt jedoch über eine erheblich bessere Infrastruktur als viele afrikanische Länder. Doch selbst in Afrika gibt es Erfolge, betont Andreas Stadler

    "In Malawi konnte man in den letzten drei Jahren bereits einen deutlichen, sehr deutlichen Rückgang der Kindererkrankung und der Kindersterblichkeit verzeichnen, vor allem auch einen Rückgang schwerer Malariaerkrankungen. Das lässt sich höchstwahrscheinlich nur auf die Bettnetze zurückführen."

    Also auf Moskitonetze, die Pyrethroide enthalten - also ein weniger umstrittenes Insektengift. Solche Ansätze, Malaria auch ohne DDT erfolgreich zu bekämpfen, werden dieser Woche auf der Vertragsstaatenkonferenz der Stockholmer Abkommens vorgestellt, die WHO hört zu und diskutiert mit. Jutta Klasen hofft, dass die WHO danach ihre Empfehlung pro DDT zurücknimmt. Das eigentliche Problem ist aber, dass die Malaria-Bekämpfung Geld kostet.

    "Die EU ist sich einig, dass man nur mit Geld dort Projekte unterstützten kann, und natürlich auch Projekte unterstützen muss. Aber: Es gibt noch keine entsprechenden Zusagen für zusätzliches Geld."

    Hier sind nicht nur Entwicklungsorganisationen gefragt, sondern auch die Finanzminister der EU.