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Schwitzehände und Panikattacken - Was tun gegen Prüfungsangst?

Black-out in der Examensprüfung, schlaflose Nächte vor der Präsentation im Betrieb, der nervöse Magen vor der wichtigen Klausur - die Bewertung durch andere löst bei vielen Menschen Ängste aus, die sie nur schwer unter Kontrolle bringen. Welche Strategien helfen in solchen Situationen? In der Sendung "Campus & Karriere" am 31.3.2000 beantwortet Dr. Doris Wolf, Psychologin und Spezialistin für Angstbewältigung, Ihre Fragen zum Thema Prüfungsangst.

31.03.2000
    Wo liegt der Übergang vom Lampenfieber zur Prüfungsangst? Doris Wolf: Wenn die Angst einen lähmt, wenn man nicht mehr greifen kann, was man gerade gelernt hat und wie in ein schwarzes Loch sieht, dann ist es Prüfungsangst. Lampenfieber als solches ist sinnvoll, weil es uns ein wenig alarmiert und bereit macht, gute Leistungen zu bringen.

    Äußert sich Prüfungsangst auch schon vor der Prüfung, vielleicht ohne dass man es gleich merkt? Doris Wolf: Prüfungsangst äußert sich schon lange vorher. Es kann sein, dass man Schlafstörungen bekommt, Fressanfälle oder Kopfschmerzen. Jedes Organ im Körper kann sich melden und auf die Angst hinweisen.

    Wie verbreitet ist das Phänomen? Doris Wolf: Das ist schwer zu sagen, weil man über Prüfungsangst nicht gerne spricht. Von Ängsten generell sind acht bis zehn Prozent der Bevölkerung betroffen.

    Warum kommen manche Leute besser mit Prüfungsangst zurecht, was sind die Ursachen? Doris Wolf: Man geht davon aus, dass es eine angeborene Angstbereitschaft gibt, die bei Menschen unterschiedlich ist. Hinzu kommen weitere Faktoren. Die Erziehung etwa: Wenn man Eltern hat, die sehr viel gefordert haben, sehr viel gestraft haben, wenn etwas nicht erreicht wurde, dann ist die Bereitschaft zur Prüfungsangst höher. Ebenfalls wichtig ist, ob man sich nur annimmt, wenn man gut und perfekt ist, ob man also die Leistungsanforderungen der Gesellschaft übernommen hat. Es spielt auch eine Rolle, wie wichtig die Prüfung für uns ist und ob man viele schlechte Erfahrungen in der Schulzeit gemacht hat. Viele habe damals ein besonders peinliches Erlebnis gehabt, das sie sich immer wieder vor Augen führen. Das führt ebenfalls zur Prüfungsangst als Erwachsener.

    Die Prüfung als solche bewirkt nicht die Prüfungsangst, sondern wir selbst. Man sollte daher beobachten, wie man sich die Prüfungsangst macht. Was erzähle ich mir im Kopf, was befürchte ich Schlimmes, wenn ich durch die Prüfung falle. Das kann zum Beispiel sein: "Ich bekomme in der Prüfung kein Wort heraus - ich werde keine Frage beantworten können - wenn ich durch die Prüfung falle, werden mich alle ablehnen - ich werde der totale Versager sein." Mit solchen Angst auslösenden Gedanken bringen wir unserem Körper bei, die Prüfung sei absolute Lebensgefahr. Unser Körper ist darauf trainiert, bei Lebensgefahr mit Angst zu reagieren.

    Sind Beruhigungsmittel ein probates Mittel gegen die Angst? Doris Wolf: Das ist nicht unbedingt eine gute Strategie, weil man dann auch in Zukunft die Mittel nimmt, um sich zu beruhigen. Menschen sind aber, ihre Angst ohne äußere Mittel zu beeinflussen. Dass man in der Nacht vor einer Prüfung nicht gut schläft, ist normal. Man muss deshalb keine Schlafmittel nehmen, sondern etwa einen Spaziergang machen, um sich in eine leichte Entspannung zu bringen.

    Was kann man kurz vor einer Prüfung gegen die Angst tun? Doris Wolf: Oft hilft eine kleine Atemübung: Man legt seine Hand unterhalb des Nabels auf den Bauch und stellt sich beim Einatmen vor, die Hand nach oben zu atmen. Dann lässt man die Luft langsam wieder ausströmen. Dadurch atmet man besonders tief, und dieses tiefe Atmen ist genau das Gegenteil des schnellen und flachen Atmens unter Angst. Gleichzeitig zu dieser Atemübung sollte man eine selbstbewusste Körperhaltung einnehmen mit dem Gedanken: Ich bin gut auf die Prüfung vorbereitet und tue alles, um sie zu bestehen. Dann wird auch die Angst abnehmen.

    Wie verhält man sich am besten, wenn man einen Black-out in der Prüfung hat? Doris Wolf: Ich würde das in der Prüfung ansprechen und sagen: "Im Moment habe ich den Faden verloren." Denn wenn man sich zu sehr aufregt, steigert man sich immer weiter hinein. Je mehr ich mich bemühe, den Faden wiederzufinden, umso mehr komme ich unter Druck. Besser ist es, um eine kleine Verschnaufpause zu bitten.

    Bei schriftlichen Prüfungen und Klausuren sollte man zunächst die Aufgaben angehen, die man gut beherrscht. Man kann dadurch seine Fähigkeiten gut ausspielen und wird lockerer.

    Literatur-Tipps

    Doris Wolf, Rolf Merkle: So überwinden Sie Prüfungsängste PAL-Verlag; 16,80 Mark

    Helga Knigge-Illner: Keine Angst vor Prüfungsangst Unicum bei Eichborn

    Werner Metzig, Martin Schuster: Prüfungsangst und Lampenfieber, Bewertungssituationen vorbereiten und meistern Springer-Verlag