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Sechsländereck

Öl und Gas, Islamischer Fundamentalismus, Terrorgefahr und die Rivalität zwischen Russland, China und den USA: Politisch brisanter als Zentralasien kann eine Weltgegend kaum sein. Und doch haben sich mit Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgistan bisher bestenfalls touristische Reiseführer beschäftigt. Da füllt der türkische Dagyeli-Verlag mit dem Buch "Zentralasien - Politische Reisereportagen" durchaus eine Lücke. Autorin Elke Windisch beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Region und bietet eine Mischung aus Reiseerzählung, historischer Rückschau und politischer Analyse. Die zudem auch Afghanistan mit einbezieht. Sabine Adler stellt uns Buch und Autorin vor.

Moderation: Jasper Barenberg |
    Erfasst wird die Region zwischen dem Kaspischen Meer und dem Tienschan-Gebirge, mit Ausnahme Afghanistans postsowjetischer Raum, wobei Afghanistan, das Land am Hindukusch, unter der Sowjetmacht, sprich: Armee, zehn Jahre lang in ganz besonderer Weise zu leiden hatte. Sechs Länder, deren Grenzen sich nicht an den Siedlungsgebieten einzelner Nationalitäten orientieren.

    "Es fängt damit an, dass vor der Oktoberrevolution oder eigentlich Mitte des 19. Jahrhunderts, als Russland und Großbritannien sich über die Teilung Asiens in Einflusssphären verständigten. Die Völker, die heute in Zentralasien leben, in kleinen und Kleinststaaten organisiert waren, wo Nationalität überhaupt keine Rolle spielte. Entscheidend war das gemeinsame religiöse Bekenntnis zum Islam. Und erst in der Sowjetzeit hatte Stalin die Grenzen der Sowjetrepubliken willkürlich durch das Siedlungsgebiet der Völkerzentrale Asiens gezogen. Auch um zu verhindern, dass irgendjemand aus dem Sowjetimperium ausbricht."
    Das Buch nimmt seinen Ausgangspunkt in Moskau, wo die Korrespondentin und Dokumentarfilmerin lebt. Die Reise, auf die sie der Leser begleitet, startet am Todestag des Turkmenbaschi, dem ganz und gar nicht geliebten Vater aller Turkmenen. Das Ableben Saparmurat Nijassows weckt Hoffnungen in dem Steppenland, bei der Autorin zunächst aber erst einmal Erinnerungen. Elke Windisch führt den Leser auf eine Route, die zahlreiche Umwege einschließt. Ein langes Kapitel blickt zurück in die Jahrtausende währende Geschichte, die die Länder der Region unauflöslich bis in die heutige Zeit miteinander verbindet. Ein Absatz, der dem Leser Geduld abverlangt, weil sich stellenweise zuwenig erschließt, warum das vermittelte Detailwissen wichtig für das Verständnis der aktuellen Zusammenhänge ist. Dass es eine Bereicherung sein kann, macht das Beispiel vom früheren persischen Politikverständnis deutlich.

    "Das hat bis heute auch Auswirkungen auf das gestörte Verhältnis dieser Staaten zu Demokratie. Denn in den alten iranischen Großreichen, da gab es einen Gottkönig, der an der Spitze einer streng hierarchisch organisierten Gesellschaft stand, und ein anderes Modell kann man sich - glaube ich - in Zentralasien, einschließlich Afghanistan bis heute nicht vorstellen."
    Elke Windischs Buch "Zentralasien" ist eine Mischung aus Reisereportage, politischer Analyse und geschichtlichen Erklärungen. Die Mischung geht grundsätzlich auf. Auf welche Quellen sich aber die historischen Erläuterungen beziehen, diese Informationen bleibt das Buch schuldig. Auch wünschte man sich bei den vielen Fachbegriffen einen erklärenden Stichwortanhang. Der fehlt leider, wie auch ein Literaturverzeichnis. Mit dem Dreiklang aus Historie, Reportage und Analyse nimmt sich die Verfasserin viel vor und mutet dem Leser einiges zu. Allerdings hat die Autorin selbst ebenfalls viel investiert. Sie hat die Region über lange Jahre hinweg beobachtet und immer wieder bereist, sie zehrt von ihren Iranistik-, Turkologie- und Slawistikstudien. Neben Englisch, Italienisch, Russisch und Türkisch spricht sie etwas Farsi und genießt damit den mühsam erarbeiteten Luxus, sich ohne Dolmetscher in dieser Weltgegend verständigen zu können. Dadurch gelingt es ihr, den Menschen zum Teil sehr nahe zu kommen. Oft ist der Weg hin zu exotischen Orten - wie zu dem ausgetrockneten Aralsee - das Ziel. Absätze, die zweifellos zu den lebendigsten gehören.

    Elke Windisch scheut sich nicht, eine sehr persönliche Sicht der Dinge darzulegen, mitunter geradezu preiszugeben. Von vornehmer Zurückhaltung vor Kommentierung keine Spur. Der Leser wird beteiligt an Begeisterung und Freude, Überraschung und Ärger, Abscheu, Empörung. Sie mischt sich ein, auch mit Ratschlägen wie diesem:

    "Ich würde dazu raten, eine neue Afghanistan-Konferenz anzuberaumen, wo wirklich die Entscheidungsträger mit am Tisch sitzen. Also: Ob uns das gefällt oder nicht, auch die Taliban, auch Hekmatyar und andere Warlords, die ja die erste Konferenz entweder boykottiert haben oder gar nicht erst eingeladen waren. Und gleichzeitig müssten alle diese unterschiedlichen Gruppen sich eine Art Garantiemacht wählen - im Ausland. Und wenn Russland und Iran mit am Tisch sitzen, wird eventuell die Entwicklung Afghanistans mittelfristig weniger demokratisch, weniger pro-westlich als wir das uns wünschen. Aber ich glaube, das ist im Moment der einzige Ansatz, damit das Land wirklich zu Stabilität und zur Normalität zurückfindet."
    Wer trotz der zahlreichen Abwege durchhält, wird belohnt mit einer Fülle von Informationen, die eine bessere Draufsicht auf die Region ermöglichen. Zusammenhänge werden deutlicher, weil der Blick hinter die Kulissen zum Beispiel enthüllt, dass die Gesellschaften jenseits des Hindukusch und Tienschan weniger von staatlichen Strukturen bestimmt sind, denn von den mächtigen Clans. Die folgen eigenen Gesetzen und Traditionen, oft sogar einer speziellen Auslegung ihrer Religion, was es Fremden, noch dazu aus modernen westlichen Gesellschaften, schwer macht, die Regeln dieser Gemeinwesen zu durchschauen. Der Autorin gelingt, beim Leser einen erstaunlichen Erkenntniswandel zu bewirken. Der oder die fragt sich nach der Lektüre nämlich nicht mehr, wann die mit Konfliktstoff überladenen Länder explodieren, sondern wundert sich, dass dies nicht längst geschehen ist. Allerdings macht es die Journalistin ihrem Publikum nicht leicht, zu dieser Erkenntnis vorzudringen. Auf den verschlungenen Pfaden durch die Region geht der rote Faden ab und an verloren, ist es schwer, sich zu orientieren, in welchem der sechs Länder das Geschehen gerade spielt. Hier hätte die redigierende Hand des Lektors stärker eingreifen können.
    Trotz immenser Öl- und Gasvorräte - Turkmenistan soll die weltgrößten Gasmengen besitzen - Mineralien, Edelmetallen, Kohle und Gold verarmt die Bevölkerung. Kleine Cliquen oder Diktatoren wie der Turkmenbaschi in Aschchabat haben sich vergoldete Prachtbauten in den Steppensand gesetzt, oder, wie in Kasachstan geschehen, gleich eine neue Hauptstadt errichtet, während das Volk in verrotteten Plattenbauten dahinvegetiert.

    "Wenn Sie auch nur übers Land fahren, dann sieht man eine Verwahrlosung, eine Vernachlässigung, also die ich selbst in Russland und im Kaukasus nicht erlebt habe. Und das birgt natürlich ein immenses Konfliktpotential und treibt die Bevölkerung auch massenweise den Islamisten zu."
    Von den USA, die nach dem Zerfall der UdSSR ihre Füße nicht schnell genug in die Türen der ehemaligen Sowjetrepubliken stellen konnten, haben sich die einfachen Menschen wie Machthaber wieder abgewendet. Usbekistans Präsident Karimow kündigte nach den Massenprotesten in Andischan, bei denen es rund 700 Tote gegeben haben soll, den USA den Nutzungsvertrag für die Truppenbasis in Chanabad und suchte wieder Moskaus Nähe. In Kirgistan sind es die Aktivisten nichtstaatlicher Organisationen, deren Erwartungen von Washington enttäuscht wurden. Das Buch "Zentralasien" von Elke Windisch ist lesenswert, außerordentlich kenntnisreich und von einer Komplexität, die die Autorin herausgefordert hat und gleiches nun mit dem Leser abverlangt.

    Sabine Adler über Elke Windisch: Zentralasien. Politische Reisereportagen, erschienen ist das Buch im Dagyeli Verlag, 303 Seiten kosten Euro 18,80.