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Seelendrama im Kaiserpalast

Regisseure wie Zhang Yimou sind schon seit den 80er-Jahren auch im Westen bekannt. Ihre Filme fanden hier in einer Zeit ihr Publikum, in der von einer Öffnung Chinas weder wirtschaftspolitisch noch kulturell die Rede sein konnte. Inzwischen aber hat man auch die cineastischen Qualitäten der Filme "Made in China" erkannt. Nun kommt ein neuer Film von Zhang Yimou in die deutschen Kinos. "Der Fluch der goldenen Blume" heißt er.

Von Josef Schnelle |
    Gong Li ist immer noch die schönste Frau der Welt. Nicht nur weil die Kosmetik-Firma L'Oreal sie als solche in der Weltliga ihres sauberen Dutzend schöner Frauen führt, die auf großen Plakaten für die Produkte des Herstellers werben dürfen. Claudia Schiffer gehört noch dazu und Catherine Deneuve.

    Gong Li verdankt ihre Berufung in diesen Olymp der Schönheitsgöttinnen ihren Filmen mit Regisseur Zhang Yimou, der bei dem ersten großen gemeinsamen Triumph "Das rote Kornfeld" mit einem goldenen Bär in Berlin 1987 noch ihr Ehemann war. Die Karriere der beiden hat sich später ein wenig auseinander entwickelt. Gong Li mit ihrem erotischen weidwunden Blick und ihren hervorstehenden Backenknochen drehte Filme mit Zhang Yimous Freund und Konkurrenten Chen Kai Ge und mit seinem Hongkong-Pendant Wong Kar Wai. Zuletzt endlich wurde sie in Hollywood entdeckt mit "Memoiren einer Geisha" und als Femme Fatale in Michael Manns "Miami Vice".

    Jetzt feiert das Traumpaar des chinesischen Films ein gemeinsames Comeback mit Chinas erfolgreichsten Film seit dem Beginn der Kinostatistiken: mit "The Curse of the golden Flower". Gong Li ist "Die Königin" in einer fernen Vorzeit vor über tausend Jahren als Könige noch Könige waren - mächtig, stark und brutal. So empfängt der König seinen Sohn und Thronfolger.
    Doch die Szene täuscht. In Wahrheit ist dem Kaiser seine Familie in einem Geflecht von Intrigen längst entglitten. Drei Söhne hat er. Alle wollen ihn töten. Wie das an einem blutbesudelten Königshof so üblich ist. Viel Anlass für grandiose digital verfremdete CGI-Kampfszenen, die Zhang Yimou mit "Hero" und "Haus der fliegenden Dolche" zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hat.

    Doch wenn man genau hinschaut, entdeckt man schnell das Kammerspiel der Tragödie einer Frau, die in der traditionellen Männergesellschaft keine Chance hat. Dieses Thema hatte Zhang Yimou schon 1991 in seinem Meisterwerk "Die rote Laterne" durchgespielt. In jenem Film muss Gong Li als vierte Konkubine eines reichen Adligen bald die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben begraben. "Der Fluch der goldenen Blume" erzählt die Geschichte noch einmal mit anderen erzählerischen Mitteln. Gong Li muss als Königin ertragen, dass ihr Mann sie nicht liebt und dass er sie sogar langsam zu vergiften trachtet.

    Vom einsamen Kampf der Gegenintrige, eines Befreiungskampfes ohne Aussicht auf Erfolg, der schließlich die ganze königliche Familie aufzureiben droht, erzählt dieser chinesische Märchenfilm. Ein Melodram also. Zhang Yimou zieht alle Register des Wuxia-Films mit Schwertern, Akrobatik und Zauberei.

    Vielleicht ein bisschen zu opulent und mit zu vielen erzählerischen Finten berichtet Zhang Yimou vom Zusammenbruch einer feudalen Gesellschaft, die auch das gegenwärtige Bürokratenchina parabelhaft spiegelt. Der König ist unerbittlich, muss aber alles umbringen, was er liebt, um an der Macht zu bleiben. Was ist ihm da noch die Macht - der Fluch der goldenen Blume - wird den am Ende einsamen König sicher irgendwann einholen.

    Gong Li ist das Kraftzentrum dieses Films über die Illusionen der Macht. Und sie ist schöner denn je, irgendwo zwischen Marlene Dietrich und Greta Garbo wird sie sicher ihren Platz in der Filmgeschichte finden, lange noch nachdem ihr L'Oreal den Job gekündigt haben wird. Zhang Yimou wird demnächst seinen ersten Film in Hollywood drehen. Eine wie Gong Li wird er dort nicht finden.