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StartseiteTag für Tag"Ich will eine anständige Beerdigung"11.05.2020

Seelsorge in Altenheimen"Ich will eine anständige Beerdigung"

Alte Menschen müssen in der Corona-Pandemie besonders geschützt werden. Wochenlang durften Angehörige sie nicht besuchen. Erst jetzt sind - teilweise unter strengen Auflagen - Besuche wieder möglich. Betroffen von diesen Beschränkungen sind auch Seelsorger.

Von Michael Hollenbach

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Seelsorgerin am Bett eines Bewohners in einem Altenheim am 27.01.2014. Altenheim Copyright: epd-bild/WernerxKrueper Chaplain at Bed a Occupant in a Old people\u0026#39;s home at 27 01 2014 Old people\u0026#39;s home Copyright epd Picture WernerxKrueper (imago stock&people)
Seelsorgende spenden in Alten- und Pflegeheimen Trost (imago stock&people)
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Die Pfarrerin Gudrun Lauter-Aehnelt ist als Altenseelsorgerin zuständig für zwei private Heime in Hannover. Ihre Erfahrungen mit den beiden hochpreisigen Einrichtungen sind in den vergangenen Wochen sehr unterschiedlich gewesen: Während sie die Bewohnerinnen und Bewohner des einen Heims besuchen konnte, hat die Pfarrerin das andere Haus nur im Notfall betreten dürfen.

"Aber was ist ein Notfall? Wer bestimmt das? Und ist es ein Notfall, wenn jemand dement ist, allein in seinem Zimmer ist und die Kulturtechniken langsam verlernt? Zu essen und zu trinken?"

Gerade Menschen, die an Demenz erkrankt sind, suchen und brauchen soziale Nähe, sagt die Altenseelsorgerin. Das führe zu Problemen. Etliche Heimbewohner kämen zwar vergleichsweise gut mit der Corona-Krise klar, aber:

"Viele sind sowieso eher depressiv und da bricht jetzt was auf; Erinnerungen an Flucht, und diese Isolierung tut diesen Menschen überhaupt nicht gut, weil sie gern Gespräche mit anderen persönlich führen möchten."

Spirituelle Begleitung gehört zur Gesundheitsversorgung

Gudrun Lauter-Aehnelt weiß, wie wichtig die Schutzmaßnahmen sind, aber sie fragt sich:

"Was nützt es, wenn jemand kein Corona bekommt, weil er da absolut abgeschottet wurde, aber sozial verkümmert?"

Das sieht Andreas Lob-Hüdepohl ganz ähnlich. Der katholische Moraltheologe ist Mitglied im Deutschen Ethikrat.

"Wir müssen vermuten, dass es zu starken Angststörungen bis hin zu suizidalen Handlungen gekommen ist durch Vereinsamungstendenzen und zur Unterversorgung für andere Bereiche, beispielsweise im Rahmen der palliative care, also der Versorgung von Schwersterkrankten und Sterbenden. Dazu gehört nicht nur, dass sie Medikamente bekommen, sondern auch die spirituelle Begleitung. Das ist ein ganz wichtiger Baustein der Gesundheitsversorgung im Sterben und dergleichen."

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"Leben ist nicht nur physisches Leben"

Im niedersächsischen Einbeck hat der evangelische Diakon Volker Lemke problemlos Zugang im Altenzentrum Deinerlinde. Er versucht, den Kontakt zwischen der Innen- und Außenwelt des Heims herzustellen. Unter anderem mit einem täglichen Internet-Blog für die Angehörigen. Seine Beobachtung: Unter der Isolierung leiden Heimbewohner und Angehörige sehr.

"In dem Maße, in dem es sich jetzt in der Gesellschaft lockert, ist natürlich auch die Erwartung der Seniorinnen da, dass sie endlich wieder mal ihre Angehörigen zu Gesicht bekommen. Denn es ist ihre letzte Lebensphase und keiner möchte diese Lebensphase verbringen mit der Aussicht, ich werde meine Angehörigen erst wenn ich sterbe wiedersehen."

Das Problem sieht auch der Theologe Ralph Charbonnier. Er ist innerhalb der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, zuständig für Gesellschaftspolitik.

"Leben ist nicht nur physisches Leben, sondern Leben ist unteilbar. Es ist immer physisches Leben und soziales, emotionales und religiöses Leben, und man kann nicht dieses Leben schützen, ohne diese anderen Aspekte vorkommen zu lassen, ohne ihnen Gestaltungsmöglichkeiten zu geben."

Gesundheitsschutz gilt auch für die Kirchen

Des Öfteren hört man die Kritik, die Seelsorgenden hätten – trotz aller gesundheitlichen Risiken – stärker darauf drängen sollen, die Heimbewohner zu besuchen. Dem hält Ralph Charbonnier entgegen:

"Die Kirchen haben nicht nur das reine Interesse, Seelsorge ausüben zu wollen, sondern sie haben auch die Verantwortung dafür, das Leben anderer nicht zu gefährden."

Ralph Charbonnier bei seiner Kandidatur zum Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig am 23.11.2013  (imago stock&people)Ralph Charbonnier ist in der EKD für gesellschaftspolitische Fragen zuständig (imago stock&people)

Schmerzlich ist für viele Altenseelsorger auch der Umgang mit Sterbenden. Die Seelsorger haben in den vergangenen Wochen in vielen Heimen keinen Zutritt bekommen, selbst wenn die Sterbenden keine Corona-Infizierten waren. Und bei Menschen, die an Covid-19 verstarben, sei gar keine Begleitung möglich gewesen, meint die Pfarrerin Gudrun Lauter-Aehnelt:

"Das verbietet auch die Landeskirche, um uns zu schützen."

In der Tat gibt es beispielsweise für die hannoversche Landeskirche eine Seelsorge-Anweisung, in der es heißt:

"Dem Selbstschutz ist höchste Priorität einzuräumen."

Und bezogen auf die Heimbewohner:

"Sollten Menschen direkt oder indirekt von der Viruserkrankung betroffen sein, ist grundsätzlich von einem direkten Kontakt abzusehen."

Es fehlt an Schutzkleidung

Doch sei – so die Anweisung der Landeskirche - in Ausnahmesituationen auch ein direkter Kontakt zu Betroffenen möglich; allerdings nur, wenn die Einrichtung die entsprechende Schutzausrüstung zur Verfügung stelle. Und genau daran hat es oft gefehlt. Der Berliner katholische Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl kritisiert:

"Dass für Seelsorgerinnen und Seelsorger ihr Arbeitsfeld, das, was sie machen wollten, dass ihnen das faktisch verweigert wurde aufgrund mangelnder Sicherheitsmöglichkeiten, also Schutzkleidungen und dergleichen; oder es gibt Fälle, wo Einrichtungen allen, die von außen kommen wollten, Seelsorgerin/Seelsorger ebenso wie beispielsweise auch ambulante Hospizdienste, die in die Altenheime reingehen wollten, die grundsätzlich gesagt haben, wir lassen niemanden von außen rein. Das ist schlicht unverantwortlich."

Andreas Lob-Hüdepohl spricht am 09.05.2019 auf einer Pressekonferenz des Deutschen Ethikrates  (www.imago-images.de / Reiner Zensen)Andreas Lob-Hüdepohl kritisiert das Vorgehen vieler Pflegeeinrichtungen (www.imago-images.de / Reiner Zensen)

Wobei es auch Altenheime gibt, die explizit gesagt haben: Bei uns stirbt niemand allein - egal ob mit Corona oder ohne. Ralph Charbonnier von der EKD räumt ein, dass viele Maßnahmen der vergangenen Wochen medizinisch wohl notwendig gewesen seien. Aber:

"Ein Erkenntnisfortschritt meines Erachtens ist der, dass man gesehen hat: Wir müssen die Betroffenen, in diesem Fall in erster Linie die Altenheimbewohner/-bewohnerinnen und die Angehörigen mit reinholen, befragen, soweit es geht, wie sie sich in dieser Situation fühlen und was ihnen gut tut. Die vorherige Regel, die in der ersten Phase richtig war, war eine paternalistische."

"Abschied am Sarg ist mit Abstand möglich"

Altenseelsorgerinnen wie Gudrun Lauter-Aehnelt haben auch die Erfahrung machen müssen, dass Angehörige verstorbene Covid- 19-Patienten nicht verabschieden durften; und dass sie als Pfarrerin die Verstorbenen nicht aussegnen durfte.

"Der Verstorbene wird luftdicht verpackt und so aus dem Haus transportiert und so belassen in den Sarg gelegt. Und der Sarg darf auch nicht geöffnet werden, weil niemand weiß, wie lange der Virus in verstorbenen Körpern überleben kann."

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Allerdings: Aus hygienischer Sicht würde nichts gegen eine spätere Aussegnung der an Covid-19 Verstorbenen sprechen. Das Robert-Koch-Institut schreibt dazu:

"Nachdem der Verstorbene versorgt worden ist und nicht mehr berührt werden muss, sind keine weiteren Schutzmaßnahmen notwendig. Eine berührungslose Abschiednahme am offenen Sarg ist mit entsprechendem Abstand möglich."

"An dieser Seuche will ich nicht sterben"

Seelsorgende wie Gudrun Lauter-Aehnelt fühlen sich in ihrer Betreuung der Heimbewohner hin- und hergerissen.

"Ich für mich alleine würde das machen unter den notwendigen Schutzmaßnahmen, weil ich denke, das ist unser ureigenster Dienst; und das tut mir in der Seele weh, wenn das nicht möglich ist, die Sterbenden zu begleiten. Aber ich bin ja nicht nur für mich allein verantwortlich: Zum Beispiel mein Mann hat auch eine Vorerkrankung. Wenn ich nur für mich alleine wäre, ich würde es machen."

Von einer betagten Heimbewohnerin einer Einrichtung, die sie besuchen darf, hat sie neulich gehört:

"Wissen Sie, Frau Pastorin, ich bin jetzt 95 und bin bereit zu sterben. Ich habe da keine Angst vor, aber an dieser Seuche will ich nicht sterben. Ich will eine anständige Beerdigung."
 

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