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Sehnsucht nach Bosnien (5/5)Festhalten an der Heimat

Bald wird in Bosnien gewählt. Dass sich etwas ändert an Vetternwirtschaft und Korruption, an der miesen wirtschaftlichen Lage, glauben viele nicht. Resignation macht sich breit, auch in Tuzla. Am Wochenende aber gönnen sich die Menschen dort eine kurze Pause von der Krise - und feiern.

Von Elin Hinrichsen

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Am Wochenende füllen sich die Plätze und Gassen in Tuzla im Nordosten von Bosnien mit Menschen und Musik (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)
Am Wochenende füllen sich die Plätze und Gassen in Tuzla im Nordosten von Bosnien mit Menschen und Musik (Deutschlandradio/ Elin Hinrichsen)
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Noch einmal richtig saubermachen. Senija Lübke hat Schweiß auf der Stirn. Im Wohnzimmer ihrer Mutter, rund um den niedrigen Esstisch, findet sie vermeintlich noch immer Krümel. Dabei ist alles längst blitzsauber. Melissa und Larissa, ihre Töchter, sind schon wieder in Deutschland. Senijas Mann hat sie und das Auto vor einer Woche abgeholt. Allmählich wird es Zeit, dass auch Senija ihr Leben in Deutschland wieder aufnimmt. Sie kümmert sie sich um die Familie und arbeitet halbtags in einer Apotheke.

Der Abschied fällt ihr in diesem Jahr besonders schwer. Senija lässt ihre schwerkranke Mutter zurück und einen Bruder, der womöglich noch einmal operiert werden muss. Sie zieht die Staubsaugerdüse ab und fährt mit dem spitzen Ende des Schlauches noch einmal in jede Ritze. Morgen in aller Frühe geht ihr Flugzeug. Tuzla – Dortmund, nonstop.

Dieser Beitrag gehört zu der fünfteiligen Reportagereihe "Sehnsucht nach Banovići - Ein Leben zwischen Deutschland und Bosnien" in der Sendung "Gesichter Europas".

Wer im Ausland gut lebt, zeigt es gern in der Heimat

In Tuzla herrscht zu dieser Zeit schon Samstagabendstimmung. Im Stadtteil Slavonovići plaudern die Nachbarn miteinander, eine ältere Dame versucht Kontakt zu knüpfen zu einem Kleinkind, das an der Hand der Mutter die ersten eigenen Schritte macht. Fahrradfahrer radeln vorbei und viele ältere Ehepaare flanieren, oft Hand in Hand.

Ein paar Meter weiter wäscht ein junger Mann eine Limousine. Ein etwa 45-jähriger Kunde hofft, dass sein Fahrzeug heute Abend auch noch gewaschen wird. Ebenfalls ein hochwertiges Fabrikat, noch ziemlich neu, ganz anders als die Autos, die sonst in Tuzla unterwegs sind. Wer im Ausland gut lebt, der zeigt es gerne auf den Straßen der alten Heimat, sagt er, mit einem Augenzwinkern.

Bis vor Kurzem hat er viel Geld verdient mit Logistik in Krisengebieten. Iran, Irak, Afghanistan. Hier in Bosnien ist er arbeitslos. Ein Jahr Zeit will er sich geben. Ein Jahr leben mit der Familie und nicht von ihr getrennt. Die nächste hochdotierte Arbeit kommt bestimmt.

Tuzla in Feierlaune

Richtung Altstadt verdichtet sich der Verkehr, vor allem auf dem Bürgersteig. Sommerlich gekleidete Ältere, Jugendliche im Party-Dress und immer wieder junge Eltern mit Kinderwagen. An der Ampel: Fußgängerstau. In der Fußgängerzone stehen unzählige grüne Plastikstühle und Tische mit Sonnensegeln darüber mitten auf dem breiten Trottoir, jeder Platz besetzt. Die Füße der Gäste wippen im Takt, eine Live-Band spielt zur Neueröffnung einer türkischen Bäckerei, mit Baclava und Sahneeis auf Kosten des Hauses.

Die Frau im bunten Tutu macht schon den ganzen Tag Werbung im Auftrag des Inhabers. Jobs als Clown und Ballerina nimmt sie gerne an, damit hält sie sich über Wasser. Eigentlich ist sie Schauspielerin, mit Abschlussdiplom der Schauspielschule. Aber in einem Land, in dem schon normale Arbeit schlecht bezahlt wird, reicht es für Künstler schon mal gar nicht. Obwohl es in Tuzla ein wenig vorangeht, erzählt sie, seitdem die Salzseen tatsächlich Touristen anlocken und in der Altstadt freitags und samstags abends überall in den Cafés Musiker aufspielen. 

Sie lacht und dreht eine Pirouette. Tuzla ist ihre Stadt. Dann verschwindet sie in der Menge. Ein paar Meter weiter, wo die Gasse sich verengt, zwei Straßenmusiker, ohne Café im Hintergrund. Der Sänger müht sich redlich, um seinem rauen Hals etwas mehr Lautstärke abzuringen. Sein Begleiter mit der Gitarre outet sich als Student der Medizin. Seine Noten liegen neben ihm, in einem Uni-Ordner aus Pappe. Immunologie ist offenbar gerade dran.

Gehen oder bleiben?

Die meisten seiner Kommilitonen werden nach dem Studium Tuzla verlassen, weiß er. Er will bleiben. Er nimmt die Gitarre in die Hand, aber hält mitten in der Bewegung inne. Der Muezzin ruft zum Gebet. Alles verstummt. Tuzla im Nordosten Bosniens liegt in dem Gebiet, in dem vorwiegend Bosniaken leben, also bosnische Muslime. Von dieser Gasse aus sind gleich mehrere Minarette zu sehen. Aber auch eine mächtige Kathedrale mit grünem Dach. 

Religion muss man im Herzen fühlen, egal welche, sagt er. In seiner Stimme liegt Resignation. Wenn alle so denken würden wie er, sagt er, auch die Politiker, die in komplizierten Verfassungen nach ethnischem Proporz regieren, die den Nationalismus schüren und viel zu wenig tun, um ihr Land voranzubringen; wenn also alle so denken würden wie er, dann, so sagt er, dann wäre Bosnien ein besseres Land, das seine Bürgerinnen und Bürger ernährt. Dann könnte er leichteren Herzens hierbleiben. Er nimmt die Gitarre und spielt weiter. 
 

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