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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Selbstbefragung aus dem Gedächtnis17.09.2007

Selbstbefragung aus dem Gedächtnis

Die Memoiren der italienischen Marxistin Rossana Rossanda

Die italienische Intellektuelle Rossana Rossanda gehört zu den besonders interessanten Figuren der europäischen Linken des 20. Jahrhunderts. 1943 war sie in die kommunistische Partei eingetreten, arbeitete im Widerstand. Doch früher als andere begehrte sie gegen die Parteidiktatur auf; sie flog raus, gründete die Zeitschrift il manifesto, die später zur Tageszeitung wurde. In diesen Tagen erscheint nun auf deutsch ihre Autobiographie: "Die Tochter des 20. Jahrhunderts".

Von Hans-Martin Lohmann

Italienische Zeitungen (AP)
Italienische Zeitungen (AP)

Dem postmodern gestählten Bewusstsein und seinem akademischen Pendant, dem Dekonstruktivismus, gelten Gewissheiten, zumal politische, als höchst verdächtig. Seit der einflussreiche französische Philosoph Jean-Francois Lyotard um 1980 die Parole ausgab, die Zeit der "großen Erzählungen" sei vorbei, wurde über den Kommunismus als eine der Meistererzählungen und Gewissheiten des 20. Jahrhunderts nur noch nachsichtig gelächelt. Tatsächlich sollte es nach Lyotards Diagnose denn auch nicht mehr lange dauern, bis der reale Kommunismus sang- und klanglos von der Weltbühne abtrat. Seine heute noch existierenden Schrumpf- und Verfallsformen, etwa in China und Kuba, darf man getrost ignorieren.

Dann aber liest man in einem Buch, das vor zwei Jahren in Italien erschienen ist und jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt, Sätze wie diese:

Wie kann man es ertragen, dass die meisten Menschen auf der Erde nicht einmal die Chance haben, darüber nachzudenken, wer sie sind und was sie werden wollen, weil das ganze Abenteuer des Lebens von Anfang an ruiniert ist? Entweder gibt es einen furchtbaren Gott, der dich auf die Probe stellt und im Jenseits belohnt, oder es ist unannehmbar. Ich bin nicht gläubig und kann deshalb nur versuchen, Dinge zu ändern - oder den Zustand, den ich nicht ertrage, wenigstens nicht ausarten zu lassen, ihn abzumildern ...

Auch nach dem Untergang des historischen Kommunismus steht die Italienerin Rossana Rossanda zu ihrer Überzeugung, dass es weder damals falsch war noch heute falsch ist, sich Kommunist zu nennen. Denn es gab damals und es gibt heute eine Reihe guter Gründe, Kommunist zu sein, auch wenn der vielbeschworene Zeitgeist, der sich umstandslos der Sprache der Beliebigkeit und Gleichgültigkeit an den Hals geworfen hat, dafür nicht einmal mehr Hohn und Spott übrig hat. Rossanda hört es nicht gern, wenn man sie einen 'Mythos' des Kommunismus nennt, und vermutlich würde sie eher ungehalten darauf reagieren, wenn man sie mit Rosa Luxemburg vergliche. Gleichwohl spricht aus ihren Memoiren das Selbstbewusstsein einer Frau, die früh gelernt hat, ihren eigenen politischen, eben kommunistischen Weg zu gehen - in einer Welt, die davon wenig wissen wollte und die darüber hinaus durch und durch männlich determiniert war, übrigens auch und gerade jene Kommunistische Partei, der sie jahrzehntelang angehörte.

Geboren 1924 im istrischen Pula, das damals noch zu Italien gehörte, aufgewachsen in Venedig und Mailand, sozialisiert durch ein heftiges Interesse für Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte, blieb der jungen Frau wenig Zeit, ihre Jugend zu genießen. In Italien beherrschte der Faschismus das öffentliche Leben, 1939 begann der Krieg, 1943 trat Rossanda der Kommunistischen Partei bei und betätigte sich aktiv in der Resistenza, der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer. Im Rückblick heißt es über diese Jahre:

Es ist eine Schande, nicht einen Sommer lang getanzt zu haben, nicht gehabt zu haben, was man eine echte Jugend nennt. Was soll man machen, wenn man 1939 fünfzehn ist und 1945 einundzwanzig?

Rossana Rossanda sagt es ganz ohne Wehleidigkeit. Sie stellt nur fest. Allenfalls hört man gelegentlich einen melancholischen Unterton heraus, aber nie eine Klage oder gar Anklage. Wie überhaupt im Zuge der Lektüre ihrer Erinnerungen deutlich wird, dass die Autorin in keiner Weise dazu neigt und taugt, ihre politische Biographie mit einem Märtyrerschein zu umgeben. An Enttäuschungen und Kränkungen, auch an politischen Zurücksetzungen hat es freilich nicht gefehlt. Aber Rossanda verbucht die fälligen Niederlagen und Frustrationen ihres politischen Lebens als den nicht zu vermeidenden Preis ihrer Autonomie. Wer als Kommunistin in den Dunstkreis politischer Einflussnahme und Macht gerät, muss wissen, worauf er sich eingelassen hat.

Tatsächlich hat Rossanda als junge Frau in der Kommunistischen Partei Italiens in den fünfziger und sechziger Jahren gemacht, was man heute eine Karriere nennt. Sie war Stadträtin in Mailand, Parlamentsabgeordnete in Rom, Mitglied des Zentralkomitees ihrer Partei und zuständig für das weite Feld kommunistischer Kulturpolitik. Die Nachkriegs-KPI unter Palmiro Togliatti, Luigi Longo und später Enrico Berlinguer war nicht irgendeine Kommunistische Partei, sondern neben der KP Frankreichs die bei weitem größte, bestorganisierte und, wiederum im Gegensatz zum französischen Kommunismus, die 'liberalste' und weltoffenste Kommunistische Partei Westeuropas. Dank ihrer Stärke, vor allem in den Industriezentren Norditaliens, war sie nicht nur eine ernstzunehmende politische Herausforderung für den bürgerlichen Block um die Democrazia Cristiana; sie konnte es sich auch erlauben, auf Distanz zur Sowjetunion zu gehen, was in den fünfziger und sechziger Jahren für Parteikommunisten alles andere als selbstverständlich war.

Bei aller grundsätzlichen Loyalität zu ihrer Partei, die sie rund drei Jahrzehnte aufbrachte, verschweigt Rossanda nicht die Konflikte und Zerreißproben, denen sie selbst in und mit der KPI ausgesetzt war. Irgendwann merkte sie, dass das politische Muster des Antifaschismus, das aus der Zeit der Resistenza wie selbstverständlich auf die italienischen Nachkriegsverhältnisse übertragen worden war, ausgedient hatte, dass man damit nichts mehr erklären konnte. Die Partei selber schwankte zwischen revolutionärer Phraseologie, an der sie abstrakt festhielt, und faktischer Reformpolitik. Im Rückblick glaubt die Autorin, dass die KPI als stärkste Oppositionskraft erheblich zur Demokratisierung und Modernisierung der italienischen Gesellschaft beigetragen hat. Andererseits verschweigt sie nicht, in welchem Kokon der Selbstbezogenheit und moralischen Ignoranz die Partei existierte: Vom Arbeiteraufstand 1953 in der DDR wollte sie nichts wissen, die Revolte in Ungarn 1956 nahm sie nur widerwillig zur Kenntnis, Chruschtschows Enthüllungen über den Terror der Stalin-Ära konnte sie auf Dauer nicht unterdrücken. In diesem Zusammenhang zitiert Rossanda jenen Satz des Parteiführers Togliatti, den zuvor und danach so viele für sich reklamiert haben:

Wir haben nichts gewusst, wir konnten es nicht wissen.

Für Rossanda freilich war die "Zeit der Unschuld", wie sie schreibt, vorbei. Angesichts der Bilder vom Ungarn-Aufstand, bei dem sich der Hass der Bevölkerung gegen das kommunistische Regime entlud, fällt sie ein bitteres Urteil:

Arme und Unterdrückte haben nicht immer Recht. Doch Kommunisten, die es so weit treiben, dass sie gehasst werden, haben immer Unrecht.

Rossana Rossandas Erinnerungen an ihre Zeit als Parteisoldatin sind keine Abrechnung, wohl aber die ziemlich schonungslose Bilanz einer Politik, die das Bessere wollte und dabei nicht selten unter ihren Möglichkeiten blieb. Am Ende wurde die brillante Intellektuelle, die an der Idee eines radikalen linken Gesellschaftsprojekts festhielt, aus ihrer eigenen Partei ausgeschlossen. Zusammen mit anderen gründete sie 1969 die linke Zeitschrift Il manifesto, die zu einem unerwarteten Erfolg wurde.

Rossandas Buch gewährt nicht nur Einblick in das Binnenleben einer großen kommunistischen Partei, sondern erzählt nebenbei auch die Geschichte der italienischen Nachkriegsgesellschaft und ihres Umgangs mit der Erblast des Faschismus. Für den deutschen Leser, der mit dieser Geschichte nicht näher vertraut ist, ist es nicht immer leicht, sich in der Fülle der erwähnten Namen und Ereignisse zurechtzufinden. Nützlich ist deshalb die ausführliche Chronik am Ende des Bandes, die der deutschen Buchausgabe beigefügt ist. Man wünscht Rossana Rossandas Memoiren verständige Leser, solche, die der herrschende Zynismus noch nicht stumpf gemacht hat.

Rossana Rossanda: Die Tochter des 20. Jahrhunderts
Aus dem Italienischen von Maja Pflug und Friederike Hausmann
Suhrkamp Verlag; Frankfurt 2007, 480 Seiten, 26,80 Euro

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